On the spot – Der Produzent Creed Taylor über den Aufbruch des Jazz

Der Jazzmusiker und Big Band Leader Creed Taylor hatte ein paar erfolgreiche Platten mit Quincy Jones, Art Farmer, Kenny Dorham und einen veritablen Crossover-Pophit – „Sing A Song Of Basie“ mit Lambert, Hendricks & Ross – produziert, als er im Jahr 1961 das Label ABC/Paramount davon überzeugte, ihn einen Jazzableger aufbauen zu lassen. Fünfzig Jahre später wirken die von Impulse Records gesetzten hohen Qualitäts-Standards immer noch nach.

SZ: Sie haben das Impulse-Label 1961 mit luxuriösem Design und dem Motto „The new wave of Jazz“ aus der Taufe gehoben. War das damals – angesichts eines überschaubaren Jazz-Marktes und der Konkurrenz von Blue Note, Verve, Prestige und Riverside – nicht ein gewagter Schachzug?

Creed Taylor: Als ich Harry Levine, den Plattenboss, davon überzeugte, sein Sortiment um Jazz zu erweitern, sagte ich ihm gleich, dass ich Hochglanz-laminierte Klappcover mit aufwendigen Fotos und Linernotes brauche, um Impulse von der Konkurrenz abzuheben. Der Erfolg gab mir recht: Wegen der großartigen Aufmachung hatte ich keine Mühe, die Alben in den Schau-Regalen der Plattenläden zu positionieren. Außerdem überzeugte ich die DJs von schwarzen Radiostationen, die populärsten Impulse-Nummern nicht nur im nächtlichen Jazz-Programm, sondern auch zur Primetime laufen zu lassen.

SZ:Sie zielten also auf ein Publikum jenseits der eingefleischten Jazzfans?

Taylor: Genau, es ging mir darum, die Plattenkäufer davon zu überzeugen, dass diese Musik gar nicht so schwer zu verstehen ist. Kai Winding und JJ Johnson interpretierten deshalb Songs der führenden Komponisten ihrer Zeit, wir nahmen eine Jazz-Platte mit Ray Charles auf, der gerade mit „I Can’t Stop Loving You“ einen Crossover-Erfolg hatte. Sein „One Mint Julep“ wurde zu einem Single-Hit. Diese Pop-Songs zogen dann schwierigere Platten mit wie Oliver Nelsons „Blues And The Abstract Truth“ und John Coltranes „Africa/Brass“.

SZ:Sie wollten Pophörer dazu bringen, sich eine Coltrane-Platte zu kaufen?

Taylor: Coltrane war auf dem Markt sehr viel schwieriger anzuschieben als die anderen Impulse-Veröffentlichungen. Aber auch hier half die Instrumentierung und Verpackung: Er hatte vorher nur mit Trios und Quartetten gearbeitet. Ich brachte Freddy Hubbard, Booker Little, Julian Priester, Eric Dolphy und einige weitere Bläser dazu. „Africa/Brass“ war als Impression der Leiden Afrikas vielleicht nicht dazu bestimmt, ein Hit zu werden – doch mit dem intensiven Spiel von Coltrane, seinem unverwechselbaren Ton über den Klagechören, erreichte es die Qualität eines Soundtracks. Das war ein bisher ungehörter Sound. Und selbst Hörer, die ihn nicht intellektuell analysieren konnten, wurden doch in seinen emotionalen Sog gerissen.

SZ: Viele der Künstler Ihres Labels wie Archie Shepp, Pharoah Sanders und Albert Ayler markierten den letzten signifikanten Sprung des modernen Jazz nach vorne und gelten heute als Endpunkt einer historischen Entwicklung. Sahen Sie das damals auch schon ?

Taylor: Nein, ich wusste, dass wir großartige Musik machten. Aber ihren Stellenwert einordnen – das lässt sich erst aus der Retrospektive. Ich habe mich ja dann 1962 von Verve abwerben lassen, um dort Platten mit Stan Getz, Johnny Hodges und Jimmy Smith aufzunehmen. Ich hatte als Jazz-Produzent meine sehr eigenen Vorstellungen.

SZ:Wie unterschieden sich denn Ihre Vorstellungen etwa von denen der Blue- Note-Produzenten?

Taylor: Alfred Lion bei Blue Note etwa war viel puristischer als ich. Entweder war eine Aufnahme okay, oder er sagte: It’s not swinging. Den Rest überließ er den Musikern. Prestige ging ähnlich vor. Ich hatte aber bestimmte Vorstellungen davon, was der Musiker ausprobieren sollte, mit welchen Songs und Arrangements er etwas ganz Neues aus sich herausholen könnte. So liebte ich es, mit Streichern und Bläsern zu experimentieren. Wir diskutierten jede Einzelheit. Und verbesserten während der Aufnahmen die Arrangements.

SZ:Bei der Eigenwilligkeit solcher Figuren wie John Coltrane muss das schwierig gewesen sein . . .

Taylor: (lacht) Ich hatte Coltrane viele Abende lang im Village Vanguard gesehen und mit ihm über seine Musik geredet. Aber im Studio war John nicht zugänglich. Er sprach nur mit seinem Instrument – und ließ die Arrangements einfach auf sich zukommen. Also lief die Kommunikation zwischen mir und dem Arrangeur Eric Dolphy über einen Telephonhörer, den ich extra im Studio hatte installieren lassen, um niemanden sonst meine Kommentare mithören zu lassen.

SZ: Sie haben später mit Verve und CTI Dutzende klassischer Jazz- und Soul-Fusion-Platten aufgenommen. Was hat sich seitdem geändert?

Taylor: Die neue Studiotechnik hat einen Großteil der Spontaneität aus den Sessions genommen. Man ersetzt da mal vier Takte, splittet das Band an dieser Stelle, setzt da einen Overdub. Dabei hatte gerade ein aus der Reihe tanzendes Innuendo oft großen Charme. Beim improvisierten Jazz spielt die Tagesform eine große Rolle. Notfalls habe ich die ganze Session noch mal für die Woche drauf angesetzt. Man hätte natürlich alles zusammenflicken können. Aber der wahre Geist, die Begeisterung steckt doch in der Original-Session.

SZ:Sie haben also viel größeren Aufwand betrieben, um die Studio-Atmosphäre eins zu eins auf Platte zu bannen?

Taylor: Ich hatte einmal den Jazz-Gitarristen Wes Montgomery zusammen mit Arrangeur Don Sebesky und den Streichern des New York Philharmonic Orchestra im Studio. Wir wollten alles on the spot aufnehmen. Und Wes saß mit diesem fragenden Blick im Gesicht vor seinem Notenblatt. Schließlich sagte er: „Ich habe keine Ahnung, was ihr da veranstaltet.“ Er konnte keine Noten lesen. Also nahm ich alle Stimmen mit Klavier auf , und er konnte sich die Kassette, während er auf Tour war, anhören. Die nächste Session lief dann wie am Schnürchen.

SZ:Sind Sie sich dessen bewusst, dass junge experimentelle Elektro-Hip-Hop-Produzenten wie der John Coltrane-Neffe Flying Lotus von Ihren Produktionen auf Impulse schwärmen?

Taylor: Flying Lotus? Nie gehört. Aber ich kenne Coltranes Sohn, er versucht sich als Jazzmusiker mit einer Standard-Combo – eine tragische Geschichte: Der selbe Name, aber Coltrane ist das nicht. Wahrscheinlich macht es heute mehr Sinn, dessen Nachfolge mit Laptop und elektronischer Musik anzutreten.
Interview: Jonathan Fischer
SZ 27.7.2011

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