Stimmen der Empörung – Salam Yousry, Leiter des Kairoer Beschwerdechors, über Kultur in Ägypten, nervöse Polizisten und den Vielklang der Basis

2005 wurden in Birmingham und Helsinki erste „Complaints Choirs“ ins Leben gerufen: Chöre, in denen Bürger ihre Ärgernisse, Wünsche und Hoffnungen in gemeinsamer Improvisation musikalisch inszenieren. Der Kairoer Maler, Schriftsteller und Theaterdirektor Salam Yousry hat das Konzept der Beschwerdechöre seit 2010 in der arabischen Welt popularisiert. Diese Woche leitet Yousry einen Complaints Choir Workshop in München. Das Ergebnis ist am Freitag im Pathos Transport Theater zu sehen.

SZ: Haben Künste in der ägyptischen Gesellschaft eine progressive Rolle?

Salam Yousry: Die Künstler selbst, ja. Doch viele Institutionen wie die Kunsthochschulen werden seit vielen Jahren von den Islamisten dominiert. Sie sitzen an den Schaltstellen und versuchen, das öffentliche Leben zu kontrollieren. Generationen von Kunststudenten durften deshalb keine nackten Körper zeichnen, nicht über Religion und angeblich göttliche Ordnungen diskutieren.

SZ: Wie groß ist der Einfluss der Islamisten?

Yousry: Ich bin lange an der Kunstakademie geblieben, um mit anderen liberalen Kräften eine Gegenbewegung zu stärken. Allerdings haben die Religiös-Konservativen selbst vermeintliche Freiräume wie das Cultural Wheel (ein Kulturzentrum, wo Veranstaltungen von Rap-Konzerten bis zu freiem Theater stattfinden) kontrolliert. Wir mussten unsere Bühnenkleidung genehmigen lassen, Frauen durften nicht mit knappen Oberteilen auftreten, immer mehr religiöse Veranstaltungen schlichen sich ins Repertoire. Ich bin deswegen dort ausgestiegen und habe eine Off-Bühne aufgebaut.

SZ: Sie glauben dennoch, dass die offizielle Zulassung islamischer Parteien befreiend auf die Kulturszene wirken wird.

Yousry: Ja, weil die Muslimbrüder und Salafisten jetzt endlich Farbe bekennen müssen. Die aggressive Werbung für ihr Programm und einen möglichen zukünftigen islamischen Staat ist ein dringend nötiger Weckruf: Vorher wussten viele Ägypter nicht wirklich Bescheid. Zumal Muslimbrüder und Salafisten während der Revolution sich sehr tolerant gaben. Jetzt hören wir den Wolf heulen, wenn er keine Kreide mehr frisst

SZ: Was hat Sie veranlasst, im Mai 2010 den ersten Complaints Choir in Kairo aus der Taufe zu heben?

Yousry: Malerei und bildende Kunst erreichen in Ägypten nur ein begrenztes bürgerliches Publikum. Ich wollte aber in einen Diskurs mit Menschen aller Klassen und Herkunft treten: Deshalb hatte ich bereits 2002 die Theatertruppe Al Tamye – das bedeutet übersetzt Nilschlamm – gegründet. Das Konzept der Complaints Choirs schlägt in dieselbe Kerbe. Die Idee kam mir zusammen mit einer Galeristin und einem Stand-up-Comedian, nachdem wir Aufnahmen von europäischen Complaints Choirs auf YouTube gesehen hatten: Jeder kann mitmachen, jeder kann seine Beschwerden und Einfälle einbringen. Wir haben dann ganz ohne Anleitung gearbeitet. Schließlich ist das Befreiende an so einem Chor, dass er seine eigenen Regeln macht.

SZ: Die Beschwerdechöre haben also die ägyptische Facebook-Revolution im Kleinen vorweggenommen?

Yousry: Nachdem wir ein Demovideo ins Netz gestellt hatten, waren wir vom Zulauf überrascht. Zunächst interessierten sich hauptsächlich Schauspieler, Künstler und Aktivisten für den Beschwerdechor. Später kamen Menschen aus allen Schichten dazu. Ihre Themen waren dieselben wie im postrevolutionären Ägypten: Zensierte Nachrichten, korrupte Politiker, straflos prügelnde Polizisten. Aber es ging eben nicht ausschließlich um Politik. Sondern auch um Taxipreise, spuckende Menschen auf der Straße oder Hämorrhoiden. Sobald sich ausländische Fernsehteams anmeldeten, wurde die Staatssicherheit nervös und drohte der als Trägerverein fungierenden Townhouse Galery.

SZ: Inzwischen existieren neun verschiedene Chöre in Kairo, während Sie Workshops von Alexandria bis Amman veranstalten. Sehen Sie die Chorarbeit als Verlängerung der Demokratiebewegung auf dem Tahrirplatz?

Yousry: Ich möchte die Workshops nicht von vornherein mit Politik verknüpfen. Aber da Politik so ein wesentlicher Teil unseres Alltags ist, kommt sie unweigerlich zur Sprache. Vor allem geht es um den gemeinsamen Prozess. Hier kann jeder seine ureigene Stimme finden.

SZ: Verstehen Sie die Complaints Choirs Workshops als Basis-Demokratie?

Yousry: Wir haben einmal spontan mit den Demonstranten auf dem Tahrirplatz gesungen, um die linke Gegenbühne zur Plattform der Muslimbrüder zu unterstützen. Grundsätzlich aber hat ein Complaints Choir keine Agenda. Bei einem Workshop in Amman etwa kamen viele Teilnehmer mit der Vorstellung, dass wir Revolutionslieder singen und bestimmte korrupte Politiker beim Namen nennen sollten. Ich erkläre dann, dass es wichtiger ist, Fragen zu stellen. Das erlebe ich im Westen mit seiner Konsum-Ideologie nicht anders als in der arabischen Welt. Der Chor ist ja eine Übung darin, aus den eigenen Denkzirkeln und Routinen auszubrechen: Diese Freiheit geht weiter als jedes politische Programm, sie ist die Hefe jeder gesellschaftlichen Erneuerung.

Interview: Jonathan Fischer
SZ 20.7.2011

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