Knisternde Kniegrätschen – Wie im „Low End Theory Club“ in Los Angeles die Zukunft der elektronischen Popmusik erforscht wird

Wer an einem Mittwochabend aus der nächtlichen Stille der Lincoln Heights in Los Angeles zwischen die 10 000 Watt starken Boxentürme im ersten Stock des „Airliner Club“ tritt, darf sich auf metallisch sirrende Monster-Insekten gefasst machen, auf als Tiefstfrequenzen getarnte Kniegrätschen und aus ihren Comic-Blasen befreite und nun als Klangprojektile den Körper durchbohrende bunte Blitze, Sterne und Spiralen. Auf digital vereiste Jazz-Drumming, Kassetten-Knistern in Düsenjet-Lautstärke und Bässe, die die Hosenbeine flattern lassen. Mit einem akustischen Faustschlag empfängt der „Low End Theory Club“ jeden, der es auf sich genommen hat, stundenlang in einer hundert Meter langen Schlange zu stehen, sich einer Leibesvisitation zu unterziehen, und dann endlich die schmale Treppe in den ersten Stock des Clubs am Rande von Chinatown hinaufzusteigen, zur „heißesten Clubnacht der Vereinigten Staaten“.

Der „Low End Theory Club“ gilt als Vatikan aller Laptop-Tüftler, als kompromisslosestes Klanglabor des Hip-Hop. Er ist Heimatclub von DJ-Genies wie Flying Lotus. Die Liste der Gäste reicht von Thom Yorke von Radiohead bis Odd Future . Das Programm lautet: Die Grenzen des Pop niederreißen.

Süßliche Marihuana-Schwaden hängen in der Luft. Von den rot gestrichenen Decken des länglichen, schwach erleuchteten Raums tropft das Kondenswasser auf taumelnde High-School-Kids in ausgewaschenen T-Shirts, die sich an ihren Bierflaschen festhalten, während der DJ mit drei Laptops hantiert. Es stehen Rhythmen im Raum, die sich gegen jeden Tanzschritt sperren. Stop-and-go-Gestolper, nervöses Geknurpsel, kollabierende Hip-Hop-Beats. In jedem anderen Club der Welt wäre diese Musik der sicherste Weg, um die Gäste gen Tür zu scheuchen, bevor die Putzlichter angehen. Hier antwortet das Publikum mit begeistertem Kopfnicken. Nerds mit Milchgesicht und dicker Brille – Typen, denen man kaum zutrauen würde, sich den Weg aus einer Papiertüte freizukämpfen – lassen sich von der rohen Energie mitreißen, hüpfen ein paar Takte Pogo, schwenken die Arme wie Boxer beim Finish, bevor sie sich wieder zu den Software-Diskussionsrunden an die Bar verziehen. Hier lehnt auch Steve Ellison alias Flying Lotus, die Schiebermütze tief ins Gesicht geschoben: „Die Szene“, sagt er und nickt in Richtung Bühne, wo sich der DJ als Schatten vor psychedelischen Hologramm-Projektionen abzeichnet, „dreht sich um die Akzeptanz von ziemlich sonderbarem Scheiß. Ich frage mich immer, wie wir kreativ sein können, ohne uns selbst zu riskieren. Da liegt doch das Herz unserer Kunst: in der Suche.“

Der 27-jährige Musiker und Produzent steht wie kein anderer für das Programm des „Low End Theory Club“. Die Überschneidung verschiedener Musikuniversen ist schon in seiner Biographie angelegt: Der Neffe von John Coltrane wuchs im Aschram seiner Tante Alice Coltrane mit Meditations-Chören auf, kiffte später mit den Hip-Hop-Veteranen Dr. Dre und Snoop Dogg, bevor er Drum’n’Bass, den Funk exzentrischer Videospiele und computer-manipulierte Harfenklänge und Streicher zu einem Avantgarde-Hip-Hop mischte, der keine MCs mehr braucht, sondern getrieben von flirrenden Beats und Bass-Geblubber wie ein Meteoriten-Schwarm in die lichten Weiten des Weltalls zu streben scheint. „Cosmogramma“ hieß 2010 sein größter Erfolg. Es war ein Album, das vom englischen Electro-Label Warp veröffentlicht wurde, und die Klänge von Tischtennis-Bällen und den Geräten, an denen Ellisons sterbende Mutter im Krankenhaus angeschlossen war, sampelte. Ellisons Ruhm fiel auf den „Low End Theory Club“ zurück: Selbst popferne Medien wie das Wall Street Journal feierten plötzlich die sich um Software-Jockeys wie Flying Lotus, Matthewdavid, Daedalus oder Samiyam kristallisierende L.A.-Beat-Szene und erklärten den „Low End Theory Club“ zur Keimzelle der zeitgenössischen Pop-Avantgarde.

Erykah Badu nimmt gerade mit Flying Lotus ein komplettes Album auf. Björk und Thom Yorke bitten um Remixe. „Wir sind eine Community“, sagt Steven Ellison, „wir schicken uns gegenseitig Sound-Files und wir teilen auch so ein spirituelles Ding.“ Er zieht einen bärtigen Typen zu sich heran, der eben noch von seinem Bühnen-Laptop aus krisselige Soundscapes durch die Boxen jagte: „Das ist unser Kassetten-DJ.“

Warmes analoges Rauschen ist das Spezialgebiet von Matthew McQueen alias Matthewdavid, der wie die meisten hier zugleich als Künstler, Produzent, Labelbetreiber, Toningenieur und, wie er selbst sagt, „interstellarer Kollaborateur“ arbeitet. Flying Lotus hat Matthewdavids Debüt „Outmind“ auf seinem Label Brainfeeder veröffentlicht. Mc Queen wiederum hat dem Coltrane-Neffen Knister-Samples geliefert. Und beide arbeiten Alpha Pup, dem Label des „Low End Theory Club“-Betreibers Daddy Kev zu. Am Ende aber graben sich alle Mitglieder des LA Beat-Kollektivs ihren ganz eigenen Weg ins elektronische Neuland.

Matthew Mc Queens Lebenslauf ist typisch für einen „Low End Theory“-DJ: Aufgewachsen in Atlanta nahm er als Kind Klavierstunden, begeisterte sich später für experimentelle Beats und trat 2006 eine Praktikumsstelle beim innovativen Hip-Hop-Label Plug Research in Los Angeles an. Kurz darauf eröffnete der „Low End Theory Club“. An dieser Schnittstelle aller möglichen Nerd-Szenen fand McQueen, der zu Hause Tausende alter Kassetten sammelt, sampelt, mixt und aus Bänderrauschen Komponiertes auf dem eigenen Leaving Records veröffentlicht, endlich Gleichgesinnte. Klangforschern wie ihm und Flying Lotus, sagt er, gehe es um philosophische Fragen. Das Warum und Wohin der Musik. Die Technik dagegen – ob Kassettendecks oder Software-Controller-Pads – sei nur Mittel, um neue psychisch-akustische Räume zu eröffnen. Elitär ist an ihr sowieso kaum noch etwas: Die Massenverbreitung von Laptops, die wie Live-Instrumente gespielt werden können, sowie von Software, die das Manipulieren und Komponieren von Samples leichter macht als den Kauf einer U-Bahn-Fahrkarte, all das hat dazu beigetragen, die Grenzen zwischen Machern und Zuhörern aufzulösen. Viele der „Low End Theory“-DJs haben ihre Karriere als Gäste und Fans begonnen. Eine ansteckende Form musikalischer Demokratie: Gerade hat der Club monatliche Ableger in San Francisco und New York eröffnet. Darüber hinaus stellt das Label Alpha Pup einen frei zugänglichen Fluss von digitalen Mixtapes, Remixen und Singles ins Netz, mit Stücken, die meist auch im weltweit heruntergeladenen „Low End Theory“-Podcast auftauchen.

Die Idee, eine loyale Gemeinde an elektronischen Experimenten Interessierter um einen Club herum aufzubauen, verfing erst in den vergangenen Jahren. Schon 2003 hatte eine Handvoll von Produzenten aus Los Angeles mit „Sketchbook“ eine Clubnacht für instrumentalen Hip-Hop eröffnet. „In der Regel“, erinnert sich Flying Lotus, „saßen wir da mit ein paar Dutzend Typen zusammen, um Gras zu rauchen, uns gegenseitig unsere neuesten Tapes vorzuspielen und Beats auszutauschen.“ Das ganze Konzept schien noch seiner Zeit voraus. Nur eine Minderheit verstand, was hier ausgebrütet wurde, und immer wieder schritten enttäuschte Besucher, die wohl auf einen Tanzabend oder zumindest ein paar Raps gehofft hatten, protestierend zum DJ-Pult. Heute ist nicht nur die Hip-Hop-Szene durchlässiger geworden. Nicht zuletzt die Auftritte von Tyler, The Creator bis zu Thom Yorke haben dem Club Ruhm eingebracht.

Die gemeinsame musikalische Herausforderung scheint alle kulturellen und sozialen Gräben überschreiten zu können, ein Utopia zwischen Laptops und Boxentürmen herzustellen, wo Afroamerikaner und Weiße, Latinos und Asiaten gemeinsam die Zukunft der elektronischen Musik vermessen; eines Avantgarde-Pop, der letztendlich die kosmische Suchbewegung von John Coltrane, Albert Ayler und Pharoah Sanders wieder aufgreift: „Unsere Musik“, hat Flying Lotus einmal erklärt, „soll wie eine Art Meditation funktionieren: Wir übersetzen lediglich, was wir empfangen.“
JONATHAN FISCHER
SZ 19.7.2011

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