Das fünfte Element – Ein Interview mit dem New Yorker Hip-Hop-Pionier Afrika Bambaataa

Afrika Bambaataa gilt als einer der legendären Gründer der Hip-Hop-Kultur. Im Rahmen des Tommy-Boy-Label-Abends tritt er am 15. Juli am Jazzfestival Montreux auf. Jonathan Fischer sprach mit ihm über seine Musik und sein Leben.

Afrika Bambaataa, Sie gelten zusammen mit Kool Herc und Grandmaster Flash als einer der Paten des Hip-Hops: Hatten Sie anfangs eine Ahnung, welche Erfolgsgeschichte Sie da lostraten?

Nein, Mitte der siebziger Jahre dachten wir, niemand ausserhalb der Bronx interessiere sich für unsere Musik. Herc, Flash und ich, wir steuerten damals alle etwas Eigenes zur Entwicklung des Hip-Hops bei: Kool Herc fing damit an, auf seinem gewaltigen Soundsystem nur die intensivsten Sekunden einer Platte, die sogenannten Breakbeats, zu spielen. Flash fand einen Weg, diese auf einen durchgehenden Beat aufzufädeln. Und ich mixte all die verrückten Breaks und Grooves, an die sich zuvor noch kein DJ gewagt hatte: Rock von den Rolling Stones, Ennio-Morricone-Soundtracks, Beethoven und Kraftwerk. Mit diesem Mix konnte ich Anfang der achtziger Jahre selbst die Punkrock-Crowd für Hip-Hop begeistern.

Welchen Effekt hatte diese Musik auf Ihre Nachbarschaft in der Bronx?

Du konntest den Enthusiasmus auf den Hip-Hop-Partys mit Händen greifen. Lange hatten Gang-Gewalt und Depression den Alltag in der Bronx geprägt, nun aber war etwas Neues am Entstehen, in dem es noch keine festen Spielregeln gab. Eine Aufbruchstimmung einte uns alle – DJs, MCs, Graffitikünstler sowie die B-Boys und B-Girls, die den Breakdance entwickelten.

In der sogenannten Zulu-Nation haben Sie alle vier Elemente definiert und zusammengebracht.

Als fünftes Element habe ich «knowledge», Wissen, hinzugefügt. Es geht mir darum, Wissen über alle Kulturen der Welt zusammenzutragen und herauszufinden, was unsere Zivilisation vorangetrieben oder vermurkst hat. Keine Glaubenssätze, sondern nur Fakten. Dazu gehört die Kultur der alten Ägypter genauso wie Ufologie. Wenn du Teil der Zulu-Nation bist, solltest du dich für Geschichte interessieren – egal, welcher Rasse, Nationalität oder Kultur du entstammst.

Auch wenn Sie in einem der schlimmsten Ghettos Amerikas aufwuchsen, hat Sie immer dieser Wissensdurst beflügelt?

Schon als Kind sah ich Science-Fiction-Filme und Fernsehserien wie «Star Trek»: Was, fragte ich mich, ist die Wahrheit hinter der populären Version der Wahrheit? Ich nenne das Factology.

Kann man Teil von Hip-Hop sein, ohne sich für solche Zusammenhänge zu interessieren?

Das würde bedeuten, sich um das fünfte Element – «knowledge» – zu drücken. Aber ohne «knowledge» ist der ganze Rest wertlos. Als B-Boy musst du etwas wissen, um dir beim Tanzen nicht das Genick zu brechen. Ein guter DJ muss Songsequenzen, die Stimmung seiner Zuhörer, die Mathematik der Beats kennen. Jeder MC muss sich mit Atemtechnik beschäftigen. Und selbst Graffitikünstler müssen ihre Geschichte kennen, die Gegenstände ihrer Kunst studiert haben.

Man findet aber auf MTV und in den einschlägigen Hip-Hop-Videos wenig von diesem Wissen.

Im Fernsehen und in den Videoclips bekommst du hauptsächlich Party und Bullshit geliefert. Das ist oft eine Art geistig-intellektuelle Beleidigung der Zuhörer und Zuschauer. Natürlich kannst du über nackte Ärsche und was immer du willst rappen – am Ende sollte es da aber eine Art Balance geben. Deshalb appellieren wir von der Zulu-Nation an die Radiostationen: Für jeden 50-Cent-Song sollen sie eine Nummer von Common spielen, für jeden Limp-Bizkit-Hit irgendetwas von den Beatles oder Chuck Berry, wenn sie Sean Paul spielen, können sie auch Bob Marley und Yellowman bringen. Es geht um die Balance. Um Ying und Yang. Diese Balance ist im Hip-Hop, ja in der ganzen Pop-Kultur aus den Fugen geraten.

Glauben Sie, dass Hip-Hop immer noch eine subversive Kraft in sich birgt?

Hip-Hop war im Kern immer eine politische Bewegung – im Kampf gegen den Rassismus, bei der Anti-Apartheid-Bewegung und auch bei den Revolutionen in Nordafrika hat er eine Rolle gespielt. Wenn wir unsere Macht nützen, dann können wir unsere Umwelt verändern: Die Zulu-Nation hat zum Beispiel eine Kampagne gegen die New Yorker Radiostation Hot 97 organisiert, als sie unter dem Banner der Hip-Hop-Kultur einen Wettbewerb namens «Smack fest» veranstaltete, bei dem sich Mädchen gegenseitig blutig prügelten. Sie musste sich entschuldigen und 300 000 Dollar an wohltätige Organisationen spenden.

Hip-Hop scheint heute im Gegensatz zu seiner Frühzeit ein Genre mit weitgehend ausformulierten und konservativen Spielregeln zu sein. Können Sie als DJ Ihre Zuhörer noch überraschen?

Die meisten erwarten jedenfalls nicht, innerhalb eines Sets Bob Marley, ACDC, frühen Techno und Miles Davis zu hören . . .

Und niemand beschwert sich darüber?

Doch, erst neulich ist es mir wieder passiert: Ich hatte die Menge mit meiner Breakbeat-Collage zum Tanzen gebracht, da kam ein Mädchen ans DJ-Pult: Entschuldigung, könnten Sie nicht auch einmal Hip-Hop spielen? Ich entgegnete nur: Du hörst doch gerade Hip-Hop. Viele Medien suggerieren heute, dass Hip-Hop nur aus Rappern und Rap-Platten besteht.

Sie predigen immer noch den ursprünglichen Geist des Hip-Hops?

Heute verfügen die meisten Hip-Hop-DJ zwar über eine phantastische Technik. Aber ihnen fehlt der musikalische Mut. Sie halten sich freiwillig an ein Apartheid-System, das nur eine Sorte Musik kennt. Deshalb breche ich in Klubs diese Monokultur auf. Statt nur Rap, Rap, Rap haue ich ihnen Kraftwerk und Calypso um die Ohren. Ich erinnere mich an einen Techno-Rave: 30 000 Raver in einem Stadion, und alle DJ klingen gleich – nicht zum Aushalten! Schliesslich komme ich als Nummer zwanzig ans Plattenpult und lege REM auf und dann ACDC, The Clash und Aretha Franklin. Haben die Leute mich ausgebuht? Nein, sie sind ausgeflippt. Das ist Hip-Hop!

Interview: Jonathan Fischer

Afrika Bambaataa – der engagierte Pate der Hip-Hop-Kultur.

Musik und Engagement

jf.

Afrika Bambaataa, ein ehemaliger Anführer der Black Spades Gang aus der New Yorker Bronx, begann Anfang der siebziger Jahre Partys mit Gang-neutralem Dresscode zu veranstalten, auf denen DJs, MCs, Breakdancer und Graffitikünstler in friedlichen Wettstreit miteinander traten. Zudem gab er der neuen Strassenkultur auch einen Namen: Hip-Hop. Musikalisch erweiterte der DJ-Pionier die Bandbreite von Hip-Hop: Die von ihm produzierten Electro-Funk-Hymnen «Planet Rock» und «Looking for the Perfect Beat» gelten als Meilensteine des Genres. 1973 gründete er die Universal Zulu Nation mit dem Ziel, politische, soziale und rassische Barrieren durch Musik zu überwinden.
NZZ 8.7.2011

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