Selfmademan: Der Produzent und Songwriter Lamont Dozier wird 70

Als Lamont Dozier 2004 Santa Monica zum letzten Mal für eine Promotour verließ, tadelte er die Coolness des Rhythm’n Blues von heute: „Wer sich mit der Seele beschäftigt, der darf sich nicht vor sentimentalen Gefühlen fürchten.“ Damals hatte Dozier „Reflections Of“ herausgebracht, ein Smooth-Jazz-Album, das dem eigenen Rekord – 54 Nummer-Eins-Hits und fast so viele Top-Ten-Platzierungen – wenig hinzufügen konnte. Doch es bestätigte, dass Dozier Amerikas Songwriter Nummer Eins war.

Aufgewachsen im grimmigsten Ghetto von Detroit konnte der Schulabbrecher nicht mit Noten umgehen, als Motown-Gründer Berry Gordy ihn 1963 als Songwriter und Produzent anstellte. Bis dahin hatte Dozier „auf dem Klavier herumgeklimpert und ein Band mitlaufen lassen.“ Nun sollte er im Team mit Eddie und Brian Holland die Rohstoffe für die Traumfabrik „Hitsville“ liefern. Er krempelte die Firmen-Philosophie um: „Warum sollen wir nur für Schwarze schreiben?“ Das Motown-Credo, „The Sound of Young America“, war geboren. Als genialer Jongleur und Zeichensetzer einer kollektiven Emotionsprache adaptierte Dozier für Motown Country, Jazz und Folkmusik: Millionen Mal durchs Radio gejagte, auf Babyboomer-Partys gespielte und gern von Werbespots gekaperte Songs wie „How Sweet It Is To Be Loved By You“ oder „You Can’t Hurry Love“.

1971 nahm Dozier eine Solo-Karriere auf. Er mischte symphonischen Soul und Sozialkritik und rechnete mit Nixon ab, worauf das State Department ihn als „antiamerikanisch“ bezeichnete – ein grober Unsinn. Denn was die Menschen auf der Straße redeten, übersetzte er in Melodien, die die USA als ein optimistisches Land feiern. Der Selfmade-Man, der heute 70 wird, unterrichtet nun an der University of Southern California. Fach: Populärmusik.
JONATHAN FISCHER
SZ, 16.6.2011

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