Nichts für Schwächlinge: Der Künstler und Unternehmer Ice Cube aus Los Angeles über Sinn und Zweck des Gangsta-Rap

Ice Cubes Kombination von lyrischem Talent und politischer Wucht machten Gangsta-Rap in den 80er Jahren weltweit populär und schufen die Blaupause für das Schaffen solcher Figuren wie Tupac und Notorious B.I.G. In den letzten Jahren hat der Hip-Hop-Veteran aus Los Angeles vor allem als Schauspieler und Comedian in Blockbustern wie „Friday“ oder „Barbershop“ von sich reden gemacht. Nun kehrt der Großvater des Gangsta-Rap auf die Bühne zurück. Am Samstag tritt er im Backstage auf.

Sie haben vor 20 Jahren den Gangsta- Rap in die Charts gehievt. Seitdem gelten Sie als wichtigste Stimme des West Coast Hip-Hop, während Kritiker über Gewalt verherrlichende Texte lamentieren.

Rap war noch nie etwas für Schwächlinge und Zweifler. Vielmehr ging es hier immer darum, großspurig aufzutreten, gewagte Behauptungen in die Welt zu setzen und zu provozieren. Und vergessen Sie nicht: Ich komme aus Compton, eine Nachbarschaft, die allem anderen ähnelt, nur keinem Country Club. Gut 80 Prozent der Einwohner sind dort bis heute arbeitslos, Jugendliche haben kaum eine andere Perspektive, als sich einer Gang anzuschließen und Drogen zu verticken. Das ist Folge einer verfehlten Stadtpolitik. Warum also Gangsta-Rap dafür verantwortlich machen, dass geplündert, geschlagen, vergewaltigt wird? Ich habe nur die Aggression um mich herum eingefangen und für meine Musik genützt.

Aber tragen Sie als Popstar nicht eine gesellschaftliche Verantwortung?

Die trage ich auch als Gangsta-Rapper. Bevor Schoolly D, KRS-One und Ice-T den Gangsta-Rap erfanden, wusste die Welt nichts von Crack und der Polizei-Brutalität in den Ghettos. Nun aber konnte man die verzweifelten Schreie der Menschen dort hören. Die Unruhen nach der Misshandlung von Rodney King durch weiße Polizisten bestätigten doch nur, was wir schon lange predigten.

Andererseits sind Sie inzwischen ein erfolgreicher Unternehmer, Hollywood-Schauspieler – und seit 20 Jahren Ehemann und Vater vierer Kinder. Steht das nicht im Widerspruch zu Ihrem Gangster-Image?

Sie meinen, dass ich deswegen nicht in familienfreundlichen Komödien wie „Are We There Yet?“ mitspielen dürfte? John Gotti hatte auch eine Familie. Hören Sie, ich bin in erster Linie Geschäftsmann, und da weiß ich, welche Züge am erfolgversprechendsten sind. Außerdem muss man keine Verbrechen begehen oder ins Gefängnis gehen, um authentisch zu sein – vielmehr geht es darum, für seine Texte einzustehen. In dieser Hinsicht bin ich kein Image, sondern ein sehr geerdetes menschliches Wesen.

Dennoch ist es erstaunlich, dass Sie immer noch über das Ghetto rappen.

Ich glorifiziere das Ghetto nicht – sonst würde ich wohl heute kaum in einem Villenviertel von Los Angeles wohnen. Aber dann gab es in dem Drecksloch, aus dem ich komme, eben auch die Partys, die großen Autos, den Schmuck, der dich das Elend kurz vergessen ließ. Als ich mit dem Rappen anfing, war es noch originell, darüber zu berichten

Sie haben mit „Fuck Tha Police“, Ihrer Hymne gegen Polizeigewalt und korrupte Autoritäten, einst den Nerv nicht nur junger, schwarzer Amerikaner getroffen. Auch auf Ihrem letzten Album „I Am The West“ verbinden Sie Bad-Man-Posen mit Sozialkritik.

Das Hip-Hop-Publikum sehnt sich nach politisch relevanten Raps – es gibt doch einfach zu viele Songs, die nur „ich, ich, ich“ schreien. Ich möchte lieber über uns sprechen und was wir für die schwarzen und armen Menschen tun können – ehrlich gesagt wundere ich mich, dass nicht mehr von denen Amok laufen.

Könnten Sie die Songs von vor 20 Jahren heute noch genauso schreiben?

Ich verstehe die Welt heute besser: Der junge Ice Cube rappte „Burn Hollywood Burn“ und hatte große Lust, Hollywood niederzubrennen. Inzwischen würde ich zwar die selben Worte gebrauchen, aber die Filmfabrik eher von innen denn von außen verbrennen lassen. Das heißt, dass ich als Teil von Hollywood mein Möglichstes tue, um es zu verändern, um jungen, armen und Minderheiten-Angehörigen, die nach mir kommen, eine Chance zu eröffnen. Ein paar von ihnen wie Chris Tucker, Mike Epps und Katt Williams habe ich bereits die Türen geöffnet – das ist besser, als sich nur zu beklagen.

Gerade touren auch Veteranen wie Public Enemy oder Snoop Dogg in ausverkauften Hallen. Spüren Sie eine Nostalgie für die goldene Ära des Hip-Hop?

Amerika tickt nach dem Motto: Weg mit dem Alten, her mit dem Neuen. Dennoch hat seit den 90er Jahren und Bands wie Public Enemy oder NWAHip-Hop nie wieder diese Reinheit und Wucht hervorgebracht. Junge Rapper haben es heute schwerer als wir: Sie müssen clever genug sein, um neue Metaphern und Ideen zu entwickeln. Ich möchte jedenfalls nicht den selben Stoff, den ich vor 20 Jahren rappte, aus dem Mund irgendwelcher Vorstadt-Kids hören. . .

. . . die Posen Ihrer jungen Pop-Enkel ärgern Sie?

Nein es ist einfach so, dass du heute keine kritische Botschaft mehr ins Radio bekommst. Also reden alle über Marihuana, Sex und Möchtegern-Gangster-Shit. Ich bin allerdings zu alt, um noch irgendetwas auf Radio-Hits zu geben.

Sehen Sie denn überhaupt eine Altersgrenze für Ice Cube, den Rapper?

Nein, ich kenne 60-jährige Sportjournalisten, die super schreiben, auch wenn sie nicht mehr selbst auf dem Platz stehen – wenn man so viele Hip–Hop-Phasen wie ich durchlebt hat, sieht man alles aus einer weiteren Perspektive. Wie könnten Teenager schon die Gefühle gereifter Hip-Hop-Fans ausdrücken?

Auf Ihrer letzten Platte rappen auch zwei Ihrer Kinder. Welchen Ratschlag geben Sie Ihnen als Rapper mit?

Ich kläre sie auf, dass es einen Unterschied zwischen Entertainment und der wirklichen Welt gibt. Dass ich nicht alles leben muss, was ich rappe. Gute Raps verhalten sich vielmehr zum Leben wie die Comic-Bücher über den Vietnam-Krieg zum wirklichen Geschehen auf dem Schlachtfeld.

Interview: Jonathan Fischer
SZ 1.7.2011

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