AUS SCHMERZ MACH POP! Cee-Lo Green, die Soul-Machine

Er wird von den Kritikern als Genie in den Fußstapfen von Prince gefeiert. Er landete als Hälfte von Gnarls Barkley mit „Crazy“ den bisher größten Single-Hit des 21. Jahrhunderts. Und machte letzten Sommer einen nur im Netz veröffentlichten Song – mit 20 Millionen Klicks in wenigen Wochen – zur Soulsensation des Jahres: „Fuck You!“. Nicht zu vergessen sein auf vielen Endjahreslisten 2010 ganz hoch gewertetes Album „Ladykiller“, die Auftritte in allen wichtigen amerikanischen Talkshows, sowie die fünf Grammy-Nominierungen, etwa für den Song des Jahres und das Album des Jahres. Dennoch hält sich Cee Lo Green eigenen Angaben nach für einen „ Underdog“. Vergleicht er sich gerne mit einer Raupe, die jahrzehntelang unbemerkt auf ihrem Ast Blätter fraß, bis sie sich in einen Schmetterling verwandelt – einen hübschen Falter, der doch den Schmerz des hässliche-Raupe-Seins nicht vergessen kann. „Meine Musik“, sagt der Typ mit dem Kastenschädel und den tätowierten Armen, „kommt aus der Einsamkeit. Es ist für mich ein Weg, den Schmerz zu kanalisieren“.

Cee Lo Greens Image als herzensguter, lustiger Hau-drauf-Geselle, seine oft Operetten-haften Video-Inszenierungen können leicht täuschen: Den verzweifelten Seelenforscher maskieren. Klar, dass der lang verkannte Sänger den neuen Superstar-Status genoss, als er mit Gnarls Barkley 2006 und 2008 zur Bewerbung ihrer beiden Alben „St. Elsewhere“ und „The Odd Couple“ auf Welttournee ging. Je nach Laune verkleideten sich dabei Green und sein musikalischer Partner Dangermouse als römische Zenturionen, als Kaftan-tragende Hippies oder Star-Wars-Krieger. Über dieser Show ließ sich leicht vergessen, dass Cee Lo Green mit Gnarls Barkley einige der düstersten Songs seiner Karriere aufnahm. Sein Patentrezept: Auftriebige Melodien mit Texten zu verbinden, die den Frohsinn ganz beiläufig konterkarieren. Popsirup mit einem Schuss Bitter. Das funktionierte ganz besonders gut auf Hitsongs wie „Crazy“ oder „Fuck You“, wo schwere Bässe und Mitsing-Refrains eine Seelen-Tragödie kaschierten, während Cee-Lo Greens Soulstimme etwas vom Schmerz, der Wut, der Traurigkeit des Sängers offenbarte. Eine Art Double-Talk. Und der Punkt wo sich ganz große Soulkunst seit jeher mit dem Leben trifft.

Tragödien gehörten von klein auf zu Cee Lo Greens Leben: Sein Baptistenprediger-Vater starb, als er zwei Jahre alt war, seine Mutter, ebenfalls eine Predigerin, verunglückte später bei einem Autounfall. Cee Lo, damals ein 16-jähriger Freizeit-Rapper, hatte seine an allen Gliedmaßen gelähmte Mutter zu versorgen. Zwei Jahre später verstarb auch sie. Das war 1995, als Green gerade im Begriff war, „Soulfood“, sein Debut-Album mit dem Goodie-Mob zu veröffentlichen. „Meine Mutter drei Jahre lang leiden zu sehen, hatte mich vollkommen hilflos gemacht. Ich kann mich nicht an das Gefühl kindlicher Unschuld erinnern. Stattdessen versuchte ich auf aggressive Weise zu überleben, mir Respekt zu verschaffen“. Nur seine HipHop-Leidenschaft rettet den Schläger und Autoknacker davor im kriminellen Milieu zu versinken. Stattdessen packt er seine Erfahrungen mit mentaler Labilität in seine Musik. Lässt er sich auf keinen Stil festlegen. Jongliert er mit den Genres wie mit den Charakter-Rollen. „Crazy“: Das ist auch Cee Lo Greens Überlebens-Programm. „Ich habe nicht viele Freunde. Und obwohl ich im Grunde ein netter Kerl bin, verletzte ich immer wieder die Menschen um mich herum.“ Mit Gnarls Barkley – und zuletzt als „Ladykiller“ – konnte er das endlich in gesungene Geständnisse packen.

Viele seiner neuen Fans aber haben keine Ahnung, dass der Soul-knödelnde Superstar sich bereits seit 15 Jahren als Rapper des Goodie Mob einen Namen gemacht hat. Oder dass er unter eigenem Namen bereits zwei Soloalben herausbrachte. „Manchmal höre ich Fans fragen: Warum hat Gnarls Barkley sich in Cee Lo Green umtaufen lassen? Aber das macht mir nichts aus. Diese Underdog-Rolle arbeitet für mich. Sie gibt mir das Gefühl, ein einfacher Arbeiter zu sein – und den Antrieb, mich in Zukunft noch mehr anzustrengen“. Cee Lo Green hat schon immer im Schatten der Pop-Charts brilliert. Abseits der ganz großen Bühnen und ohne den Erwartungsdruck von Nummer Eins Hits prägte er mit seinem Goodie Mob den Stil des „Dirty South“. Den idiosynkratischen Southern HipHop aus Atlanta. Doch während geistesverwandte Kollegen wie Outkast, N.E.R.D., Timbaland und Missy Elliott mit poppigen Hooklines abräumten, predigte Goldzahn-Rapper Cee Lo bevorzugt über die dunklen Seiten seiner Heimatstadt. Überraschte er seine Hörer mit positiven Botschaften jenseits von Autos und Dollarbündeln. Später gelangen ihm mit seinem 2002er Debut „Cee Lo Green And His Perfect Imperfections“ und dem zwei Jahre später veröffentlichten „… Is The Soulmachine“ wegweisende Fusionen von Gospel, Funk und Rap. Die Kritiker reagierten begeistert – doch sein Label Jive ließ ihn aufgrund enttäuschender Verkaufszahlen fallen. Offensichtlich war das Publikum noch nicht reif für Cee Los wilden psychedelischen Mix. Mutete er der Soulgemeinde zu viel Experimente zu, während die HipHop-Fans seine esoterisch wirkenden Heliumgesänge verunsicherten. Wer wollte sich schon mit einem Freak einlassen?

„Ladykiller“ ist Cee Lo Greens bisher reifstes, gediegenstes Solo-Projekt. Ein Soulalbum alter Schule. Und der Beweis, dass Cee Lo Green zu den größten Stimmen seiner Generation gehört. Doch bei aller musikalischen Weiterentwicklung bleibt der Mann auch hier seinem Lebensthema treu: Aus Schmerz mach Pop! Das neue Album, sagt Green, sei „einem allzu oft gebrochenen Herzen“ entsprungen. Ganze sechs Jahre hat er zu dessen Fertigstellung gebraucht. Der Hauptgrund für die Verzögerung: Die Suche nach einer zündenden Hit-Single. Erst drei Jahre und 70 Songs nachdem er sich schon am Ziel geglaubt hatte, wurde der Soulsänger fündig: Mit „Fuck You!“ , dem Aufschrei eines verlassenen Liebhabers, der seine Ex mit neuem Freund im Ferrari vorbeirauschen sieht: „Er ist für dich eine X-Box/ ich bin nur ein Atari“. Humorvoll verpackt Green die Tragödie einer unerwiderten Leidenschaft in einen unwiderstehlichen Fingerschnipper. Selbst Motown-Chef Berry Gordy wäre wohl kaum um die Mitpfeif-Qualitäten dieses Songs herumgekommen. Von einem bloßen Abklatsch der goldenen Soul-Aera aber ist Cee Lo Green weit entfernt. Stattdessen flucht er, beugt er die Regeln, wann immer es ihm passt. So spannt der Sänger HipHop-Produzenten wie Salaam Remi oder Jack Splash ein, um den Soul vergangener Epochen postmodern aufzumöbeln, einen Gegenentwurf zum minimalistischen, zeitgenössischen Rhythm’n Blues zu liefern: Mit Gospel-Beats, den Aaahs und Ooohs einer Amen Corner, opulenten Streichern, Glockenspiel… Einen ähnlichen Rückgriff auf Motown und Musical habe zuletzt auch Raphael Saadiq oder Janelle Monae gewagt. Niemandem aber gelingt das ähnlich facettenreich wie Cee Lo Green.

In seinem nasalen Gesang schwingt bei aller Kraftmeierei a la Tom Jones stets auch die erotische Verzweiflung eines Marvin Gaye mit. Ungetrübt optimistisch kommt bestenfalls die Disco-Funk-Nummer „Bright Lights Bigger City“ rüber. Ein Groove wie von einem Michael-Jackson-Klassiker, zu dem sich Green als Großstadt-Partylöwe inszeniert. Ansonsten leidet der Soulsänger an seiner Ex, findet er eine neue Flamme, nur um wieder missbraucht zu werden, versucht er eine erkaltete Affäre zu retten, um schließlich als herzzerreißender Crooner und mit der Ballade „Old Fashioned“ zur ersten Liebe zurückzukehren. Und dann ist da noch der düster-intensive Thriller „Bodies“: Zu einem Film-Noir-tauglichen Soundtrack aus der Feder Chad Hugos von den Neptunes singt und flüstert ein scheinbar paranoider Cee Lo von einer Frauenleiche auf seinem Bett. Als ob er mal kurz die Maske lüften, den Tod hinter der Partykulisse vorführen wollte. „Ich halte dieses Album“, erklärt Green, „nicht für modernen Rhythm’n Blues und mich nicht für einen modernen Rhythm’n Blues Künstler. Ich versuche Frauenbeziehungen wieder zu kultivieren, während die meisten zeitgenössischen Rhythm’n Blueser gleich ohne Vorspiel zur Sache kommen“. Als Vorbilder nennt er nicht nur Sly Stone, sondern auch Elton John, Billy Idol, die Schminke-Rocker KISS. Ja selbst Billy Joels Mainstream-Pop und Countrynummern bringen Green zum Schwärmen. Oder ist man doch gerade dem Double-Talk des Soul-Clowns aufgesessen? „Ich benutze Witze, um die Wahrheit zu erzählen“, hat Cee Lo Green einmal gesagt. „Wenn du lachst: Cool, dann war es ein Witz. Aber wenn du mich ernst nimmst, dann habe ich die Wahrheit gesagt“.
JONATHAN FISCHER
Uptown Strut Nr. 08/Sommer 2011

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