Stille Autorität: Nailah Porter war einmal eine erfolgreiche Anwältin und Washingtoner Polit-Lobbyistin. Als Jazzsängerin hat sie jetzt ihr hochgelobtes Debüt-Album aufgenommen

Ihre Songs wehen aus einer Welt herüber, in der noch John Coltranes Saxophon, die kosmischen Chants Pharoah Sanders und die politisch aufgeladenen Stimmen von Abbey Lincoln und Nina Simone nachhallen. Darf man also für Nailah Porter die Soul-Jazz-Schublade aufmachen? Sie in die Tradition afroamerikanischer Politbarden stellen? Oder genügt es, mit dem britischen DJ und Musik-Trendsetter Gilles Peterson aus ihren Balladen, die „Jazzstimme des Jahres“ herauszuhören, und eine Überzeugungskraft, der kein noch so verknöcherter Misanthrop widerstehen könne? „Ich mache Musik, die in der Seele wurzelt, aber auf Jazz basiert“, versucht die Mittvierzigerin aus dem kalifornischen Culver City dem Journalisten auf die Sprünge zu helfen – und schiebt ein warmes, kehliges Lachen nach: ihr mit eurem Schubladendenken! Die Plattenindustrie hat in den vergangenen Jahren entdeckt, dass ein junges Gesicht und ein Cocktail aus Softpop und Sexappeal die wichtigsten Zutaten sind, wenn ein gesangsbegabtes Model als neue Jazzdiva gelten soll. Nailah Porter ist dafür zu alt, zu eigensinnig, zu eklektisch. Nein, Nailah Porter würde wohl auch nicht die tausendunderste Version von „Summertime“ einsingen – sie hat ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Es ist die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter von zwei Kindern, die tagsüber Gesetzesvorlagen verfasste und Lobbyarbeit auf dem Capitol Hill in Washington betrieb, und abends in Jazz-Clubs ihre eigenen Lieder präsentierte. Nailah Porter findet das keinen allzu großen Widerspruch. Sie spricht lieber darüber, wie Jazz schon immer die Erfahrungen der Afroamerikaner transzendierte. Oder über „die Erinnerung an den Kampf meiner Vorfahren“. „Conjazzness“ (Universal) nennt sich das Debütalbum der schmalen Frau mit der Zöpfchenfrisur. Und wenn diese Paraphrasierung von „Consciousness“ auch ein wenig bemüht wirkt: Nailah Porters aus Folk-Melodien, Soul-Rhythmik und Gesellschaftskritik gespeisten Gesänge fließen mit der stillen Autorität einer Kirchenzeremonie. Sind gesättigt von den Sinneseindrücken ihrer Jugend in Winston Salem, North Carolina, von „baumwollgegerbten Fingern, die mich in die Wangen kneifen“, dem Fußstampfen und den afrikanischen Harmonien des Kirchenchors. Die LA Weekly umschrieb Nailah Porters Gesang treffend als eine „ungeschliffene, aber dennoch seidige Kreuzung aus Sarah Vaughan und Cassandra Wilson“. Ihre Songs sind leise – und schrauben sich doch in die Höhe. Porter hat die Lyrics geschrieben, Melodie und Basslinie vorgegeben. Und dann ihrer Band unter Leitung von Pianist Deron Johnson, freie Hand gelassen.

Zuerst aber musste sich die Juristin selbst von der Leine lassen. Vor einigen Jahren gab Porter ihren gut dotierten Job als Anwältin und Politlobbyistin in Washington auf, wo sie auch an der Verabschiedung von Gesetzen wie der Brady Bill – der Überprüfungen vor jedem Waffenkauf vorsieht –, der Hate Crimes Bill und dem Assault Weapons Ban mitgewirkt hatte. Ermüdet von den endlosen Kompromissen des politischen Geschäfts, entschloss sie sich, „der Schönheit den Vorrang zu geben“. Was das bedeutete? Mehr Zeit für die Kinder und die Musik, aber eben auch Jobs als Schuhverkäuferin und Sekretärin neben Gigs in kleinen Clubs. Bisweilen wurde sie als Backgroundsängerin für Rapper Warren G, für John Cale, Beck oder Nicola Conte engagiert und von Jazzgrößen wie Tom Scott und Jeff Lorber auf die Bühne geholt. Nur Porters eigene Kompositionen blieben unerhört.

Bis Gilles Peterson ihre Songs auf Myspace entdeckte und in die Playlist seiner einflussreichen „Worldwide“-Radiosendung bei der BBC aufnahm. „Ich habe bei ihr viel Freiheit, Hingabe und Leidenschaft gehört“, schwärmte der Hipster-DJ. „Es gibt so viele hübsche junge Mädchen da draußen, die Standards singen. Aber über Nailah Porter zu stolpern, bedeutete für mich, die Goldader im Geröllhaufen zu finden.“

Dass die Sängerin anschließend von Erfolgsproduzent Guy Eckstine unter Vertrag genommen wurde, und Einladungen zu Festivals in aller Welt erhielt, zeigt vor allem, welche Lücke Nailah Porter füllt: Ihre Vorbilder heißen nicht umsonst Abbey Lincoln, Nina Simone, Bill Withers und Gil-Scott-Heron. Und gelegentlichen Flirts mit Smooth Jazz zum Trotz strahlen ihre Songs Persönlichkeit und politische Relevanz aus, sie thematisieren die Katrina-Folgen in New Orleans („Lillies And Birds“) , kommentieren gesellschaftliche Missstände („Jesus Wept“) und erzählen „von der Erfahrung, als ein dunkelhäutigeres Mädchen aufzuwachsen, dem stets vermittelt wurde, dass es seiner afrikanischen Gesichtszüge wegen nicht hübsch genug sei“ („Beautiful Anyway“). Eine Wunde, sagt Porter, „die auch heute noch schmerzt“.

Den tiefsten Eindruck aber hinterlässt ihr Song „Uncle Coo’ Jack“: Er handelt von einem Moment existentiellen Zweifels, als Porter bereit war, den Traum vom Musikerleben in Los Angeles aufzugeben und in ihrer Kinderstube in Winston-Salem Zuflucht suchte.

Onkel Cool Jack habe sie daraufhin zur Seite genommen und von seinem Leben im Süden vor der Bürgerrechtsbewegung erzählt: „Weißt du“, sagte er, „dass ich 45 Jahre alt werden musste, um einem weißen Mann in die Augen schauen zu können? Du hast keine Ahnung von Schmerzen. Also steh auf, und bringe zu Ende, was du angefangen hast!“ Seitdem, sagt Nailah Porter, nütze sie den Schmerz als Kraft. Um Uncle Coo’ Jack und ihrem Vornamen gerecht zu werden: Nailah kommt aus dem Arabischen und bedeutet „eine, die es vollbringt“.
JONATHAN FISCHER
SZ 28.5.2011

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