Ali Cukur über Schläger

Das Allstar-Sportcafé, eine triste Kneipe in einer Einkaufspassage in München-Milbertshofen. „Alles klar, Jungs?“ begrüßt der sportliche 50-jährige Ali Cukur zwei Rentner, die hier ihr Feierabendbier trinken. „Das Lokal gehört meinem Bruder“, erklärt er. Dann setzt sich Cukur seine Lesebrille auf. „Institut für konfrontative Handlungslehre“ lautet der etwas kantige Titel seiner Mappe, in der er Unterrichts-Material zum Anti-Gewalt-Training aufblättert. Foto: Hans-Bernhard Huber

von Jonathan Fischer

SZ: Herr Cukur, wie oft hören Sie die Einwände besorgter Mütter, Kinder würden erst bei Ihnen lernen, anderen richtig die Fresse zu polieren?

Ali Cukur: Ist doch verständlich, dass die das denken, wenn sie ihr Bild vom Boxen aus Schaukämpfen in deutschen Privatsendern beziehen. Profi-Boxen zieht mit seiner Brutalität, dem vielen Geld und der Zuhälter-Aura viele Zuschauer.

Auch die Öffentlichkeit ist hochalarmiert. Jede Woche hört man von Jugendlichen, die auf Bahnhöfen wehrlose Menschen zusammentreten. Sie behaupten, aggressive Jugendliche wieder in die Gesellschaft integrieren zu können; mit Boxtraining, ausgerechnet.

Das ist keine Theorie. Ich erlebe viele Boxschüler, die als Problemkinder zum Training kommen und plötzlich eine ganz neue Perspektive auf ihr Leben gewinnen. Einer meiner Schüler – er hatte einst einen Ruf als gewalttätiger Kleinkrimineller – studiert inzwischen Informatik und steht den Anfängern als Trainer zur Seite. Der hat sich dafür regelrecht bedankt. Oft rufen mich auch die Mütter von Jugendlichen an, die etwas ausgefressen haben: Ob ich nicht helfen könnte. Es spielt dann keine Rolle mehr, dass ich Türke bin und sie Kurden, Armenier oder Deutsche.

Klingt ein bisschen zu schön, um wahr zu sein.

Im Boxtraining spricht niemand von

Integration, aber: Wo bitte arbeiten deutsche Hauptschüler, türkische Gymnasiasten oder afrikanische Asylbewerber schon so selbstverständlich miteinander?

Einerseits gilt Boxen als Türöffner für unterprivilegierte Minderheiten. In Deutschland sind die meisten erfolgreichen Boxer Immigranten erster oder zweiter Generation.

Stimmt.

Andererseits hat Thilo Sarrazin mit seinem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ eine hitzige Debatte über die Bedrohung nicht integrierbarer Migrantenkinder entfacht. Kennen Sie sein Buch?

Mich ärgern Schlussfolgerungen, die da aus Einzelfällen abgeleitet werden. Klar gibt es Jugendliche, die sich verweigern. Aber dahinter steckt doch ein ganz anderes Defizit: mangelnde Anerkennung. Wer die nicht von Eltern und Lehrern bekommt, der verschafft sie sich womöglich auf krummen Touren. Warum schreit ein Kleinkind, außer es hat Hunger oder Schmerzen? Doch vor allem, weil es die Beachtung braucht. Weil es gesehen werden will.

Genau wie Ihre Schützlinge?

Absolut. Neulich hatte ich in einem Präventionstraining einen 13-Jährigen, der sich jeder Anweisung widersetzte.

Alle trainierten, er nicht. Ich fragte ihn: Glaubst du wirklich, deine Ehre wird

gekränkt, wenn du tust, was andere dir sagen? Treffer! Wir waren in Kontakt. Nächste Woche kam er wieder: Darf ich die zwanzig Straf-Liegestützen vom letzten Mal nachholen?

Sie sind einer der erfolgreichsten Amateurboxer Deutschlands und der Türkei. Einerseits trainieren Sie Boxer darin, ihre Gegner k.o. zu schlagen. Andererseits arbeiten Sie als Anti-Gewalt-Trainer. Wie lebt es sich mit diesem Widerspruch?

Boxtraining und Anti-Gewalt-Training beruhen doch auf demselben Prinzip: Lerne, deine Aggression zu kontrollieren! Wer sich nicht unter Kontrolle hat, verliert nicht nur unweigerlich einen Boxkampf, sondern auch im realen Leben.

Wie Mike Tyson, der als Außenseiter in der Schule von allen gehänselt wurde, nach einem hysterischen Wutanfall zum ersten Mal Respekt bekam und später, als Boxer, seinen eigenen Gewaltausbrüchen zum Opfer fiel . . .

Sie sprechen von den Geschichten, wie er seine Trainer verprügelte und einem Gegner ein Stück Ohr abbiss. Tyson wäre nie so tief gefallen, wenn er mehr an seiner Selbstkontrolle gearbeitet hätte. Dieses irrationale Gewaltding mag anfangs auch eine Masche sein, um sich Respekt zu verschaffen. Am Ende aber verlierst du. Als Boxer und als Mensch. Man kann diesen Mechanismus auch auf dem Schulhof beobachten: Wer sonst für nichts bewundert wird, kommt womöglich auf die Droge, anderen eine reinzuhauen.

Viele solche Jugendliche werden zu Ihnen geschickt, damit sie ein Anti-Gewalt-Training absolvieren. Auch der der wohl bekannteste minderjährige Schläger Deutschlands gehörte zu Ihren Klienten . . .

Sie meinen Mehmet? Eigentlich heißt er Mulis. Ein sehr labiler Junge, der im Grunde Zuneigung gebraucht hätte. Den ließ ich beim regulären Boxtraining mitlaufen – mit erstaunlichen Ergebnissen: Hier musste er bekennen, wer er wirklich ist. Als ich ihn etwa aufforderte, die Handschuhe für das Sparring anzuziehen, da druckste er plötzlich herum, er sei doch Anfänger, und ob er jetzt gegen einen Stärkeren antreten müsse. Das war das einzige Mal, dass ich ihn auf seine Berühmtheit als Schläger ansprach. Ansonsten ignorierte ich das Thema. Oft ist es ja gerade diese negative Aufmerksamkeit, die als Ersatz für echten Respekt herhalten muss.

Und Sie zollen Typen wie ihm echten Respekt?

Wenn zu mir ein Jugendlicher kommt und zwei, drei Schläge auf den Sandsack macht, dann sage ich: ,Hey Junge, das machst du wunderbar, du bist ja ein richtiges Talent.‘ Was meinen Sie, wie stolz der nach Hause geht? Mit ihm ist daheim oder an der Schule nie jemand zufrieden gewesen. Und dann sieht er plötzlich, dass er etwas kann. Das Boxen ist doch eine Parabel für das richtige Leben: Natürlich sage ich meinen Schülern, dass sie noch ihre Schritte, die Schläge, das Wegducken verbessern können. Aber vor allem brauchen sie Selbstvertrauen, den Glauben an sich selbst. Das motiviert mehr zum Arbeiten als alles andere.

Soziologen bringen Gewalttätigkeit von Migrantenkindern immer wieder mit der Macho-Kultur ihrer Familien in Zusammenhang. Oder erklären sie als Ventil für die Kränkung, in der Schule zu den Verlierern zu gehören.

In der Generation meiner Eltern haben die Väter zu ihren Söhnen gesagt: Du hast den Schwanz, du hast das Sagen, und lass dir bloß nichts gefallen. Heute läuft diese ganze Geschichte eher indirekt: Sie wird durch alte türkische Filme oder die Art, wie die Eltern über andere reden, vermittelt. Manche Gewalttäter reden sich auf solche Ehrvorstellungen heraus. Na und? sage ich dann, einer hat zu dir ,Fick deine Mutter!’ gesagt; hast du genug Selbstbewusstsein, um einfach darüberzustehen?

Wir reden die ganze Zeit von der Resozialisierung von Gewalttätern. Aber was ist mit ihren Opfern?

Wir mischen im Anti-Gewalt-Training oft eine Gruppe von Tätern mit einer Gruppe von Opfern – allerdings ohne direkten Bezug zueinander. Da geht es einerseits darum, die Täter selbst spüren zu lassen, wie sich Hilflosigkeit anfühlt. Andererseits werden die Opfer gewürdigt: Du hast Schlimmes erlebt, und bist dennoch auf den Beinen geblieben. Auch da kann Boxtraining helfen. Wer nicht so leicht umfällt, wird weniger gemobbt.

Wenn jugendliche Gewalttäter einen couragierten Mann wie Dominik Brunner totprügeln, bleibt meist eine Frage außen vor: Haben Sie als Anti-Gewalt-Trainer ein Patentrezept, wie man sich als Angegriffener verhält?

Keine Frage: Sich einmischen ist die erste Pflicht. Gleichzeitig sollte man auf jeden Fall vermeiden, die Täter zu beschimpfen oder schulmeisterlich aufzutreten. Erfahrungsgemäß sind es ja gerade die angehäuften Abwertungs-Erfahrungen, die Gewalttäter ausrasten lassen. Da müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen: Wie respektvoll gehen wir mit Jugendlichen um? Wichtig ist, auf Augenhöhe mit ihnen zu reden. Wenn ich mit dem Täter einen Kontakt herstellen kann, dann würde ich ihm vielleicht eine Hand auf die Schulter legen – um ihn aus seinem Film zu reißen. ,Halt, kannst du dein Problem nicht mit Worten klären?‘ oder ,Lass das lieber, sonst kommst du noch in Teufels Küche . . .‘ Und wenn das nicht geht, die öffentliche Aufmerksamkeit herstellen.

Mehmet, oder auch Mulis, wurde dennoch rückfällig. Politiker fordern angesichts von Intensivtätern wie ihm eine Verschärfung des Jugendstrafrechts.

Dieselben Politiker sollten einmal darüber nachdenken, ob die Steuergelder nicht besser in Präventionsmaßnahmen angelegt wären. Mit dem Geld, das eine Handvoll Plätze im Jugendknast pro Jahr kosten, könnte man in einer Großstadt wie München flächendeckend mit gefährdeten aber noch nicht straffälliggewordenen Jugendlichen arbeiten. Boxtraining kann keine Erziehung rückgängig machen. Da gehört auch eine Veränderung des Umfelds dazu. Aber oft liefert es Erfolgserlebnisse, die genau dazu führen. Ich musste selbst als junger Mann für drei Monate hinter Gitter – die traumatischste Zeit meines Lebens. Glauben Sie, da kommt ein Jugendlicher gesünder im Kopf raus, als er reingegangen ist?

Wie sieht denn so ein Präventions-Training bei Ihnen aus?

In einem Team von Anti-Gewalt-Trainern und Sozialpädagogen vom Verein Brücke e.V. arbeiten wir in ganz Oberbayern. Demnächst starten wir einen Modellversuch mit Schülern, die uns ein Gymnasium an einem sozialen Brennpunkt in München schickt. Wir begleiten sie jede Woche – ein halbes Jahr lang. In meinem Fall heißt das, dass ich ihnen Boxhandschuhe anziehe . . .

. . . damit sie lernen, ihre Opfer noch besser zu verprügeln?

Das hören wir auch manchmal aus der Boulevardpresse. Dabei wird das Ganze natürlich von Gesprächen begleitet: Was läuft im Boxring anders als auf der Straße? Die Jugendlichen müssen selber draufkommen. Dass hier einer gegen einen boxt, dass es verbindliche Regeln gibt. Und vor allem, dass ich ihnen Gegner von gleicher Größe und gleichem

Gewicht zuteile. Damit packe ich sie meist: Was für eine Ehre hast du, wenn du dir auf der Straße Schwächere suchst?

Es gibt Fitness-Studios, Spielhöllen, Internet . . . Wie kann man Jugendliche überhaupt in heruntergekommene, nach Herrenschweiß riechende Turnhallen locken?

Das Interesse ist gewaltig. Der Nachwuchsarbeit im Boxen mangelt es vielmehr an Sponsoren und öffentlicher Anerkennung. Wir können froh sein, überhaupt noch Trainer zu finden, die ohne einen Euro Bezahlung zehn oder mehr Stunden pro Woche die Jugendlichen betreuen. Und dann müssen wir die Kommune regelrecht um die Bereitstellung von Trainingsräumen anbetteln.

Was schlagen Sie vor?

Wenn wir uns nicht Boxverein, sondern

Integrationsprojekt nennen würden – immerhin holen wir Jugendliche aus 40 verschiedenen Nationalitäten von der Straße – hätten wir wohl bessere Karten. Noch

effektiver wäre, Boxunterricht gleich an die Schulen zu bringen. In Amerika laufen solche Programme bereits.

Es ist wahrscheinlich trotzdem nicht ganz einfach, einem deutschen Politiker den gesellschaftlichen Nutzen Ihres Boxtrainings nahezubringen?

Vielleicht würde ich ihm einfach von den sieben straffälligen Skinheads erzählen, die ich ins Boxtraining aufnahm. Ich hatte anfangs Bedenken: Wie würden sich die Glatzen mit all den Türken, Schwarzen, Russen verstehen? Doch nach dem ersten Training war ich überrascht: Jeder der Skins bestand darauf, auf seinem Handy ein Erinnerungsfoto zu machen. Zusammen mit mir, dem türkischen Trainer. Arm in Arm. Ich hatte sie nach dem Training noch jahrelang am Telefon.

Sie selber müssten es ja eigentlich wissen: Hat das Boxen geholfen, Sie in die deutsche Gesellschaft zu integrieren?

Es hat mir jedenfalls einiges im Leben erleichtert. Etwa bei den Türstehern in Münchner Diskotheken. Sorry, nur für Stammgäste, hieß es immer uns Türken gegenüber. Dann gehörte ich urplötzlich dazu. Deswegen lege ich heute großen Wert darauf, dass es in unserem Boxclub anders als in der Diskothek zugeht. Jeder, egal welche Hautfarbe, welche Herkunft, ist willkommen.

Ali Cukur bringt Jugendlichen nicht nur im Ring Disziplin bei, sondern ermutigt sie auch, das Boxen als Parabel für ihr Leben anzunehmen; so könnte man seine Mission umreißen. Der gelernte Elektrotechniker und Cheftrainer der Box-Abteilung des TSV 1860 München hat einerseits Dutzende Meisterschaftspokale für sich und mit seinen Schülern errungen. Andererseits gehört er zu den ersten Anti-Gewalt-Trainern Deutschlands, die sowohl im Ring als auch im Therapie-Gespräch ausgebildet sind. Seit zehn Jahren arbeitet der türkischstämmige Familienvater im Rahmen von Resozialisierungsmaßnahmen mit gewalttätigen und verhaltensauffälligen Jugendlichen.
Daneben betreut er im Boxtraining seines Vereins einige hundert Jugendliche aus allen gesellschaftlichen Schichten und Migrations-Hintergründen.
SZ 28.5.2011

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