Fürchtet Euch nicht! Pharoahe Monch und die Midlife-Crisis im Hip-Hop

Laut, brutal und sexy! Das waren einmal die Vorsätze jedes anständigen Hip-Hoppers, bevor einige Rapper beschlossen, erwachsene Themen in Familienwohnzimmer zu tragen, mit mehrschichtigen Metaphern statt Knall-Bonbons zu werfen, und Midlife-Crisis auf Funk zu reimen oder auch Asthma auf Krieg: So wie Pharoahe Monch auf seinem neuen Album „W.A.R.“ (Duck Down Music). Das Album zeigt den aus Queens stammenden Rapper nicht zufällig mit Atemmaske nebst einem Stapel Inhaliersprays: Krieg heißt hier auch die Konfrontation mit eigenen Unzulänglichkeiten und Gebrechen. „Pardon if it sounds a little weezy / not Wayne motherfucker, it’s I got asthma it’s not easy“. Wann durfte sich Rap je Intimitäten wie den Nahtod- und Erstickungs-Traumata eines asthmatischen Kindes so nähern? Und in den Abgrund der eigenen Ängste blicken? Dass Pharoahe Monch aus solchen Tabubrüchen sein Meisterwerk strickt, hat mit der kommerziellen Krise des

Albums zu tun.

Der von Kollegen und Fans als einer der besten Lyriker des zeitgenössischen Hip-Hop gefeierte Rapper wurde nach seinem weltweit „nur“ 80 000-mal verkauften Album „Desire“ (2007) vom Major Universal geschasst. „Ich musste mich also entscheiden“, sagt Monch: „Kunst oder Teenie-Mucke.“ Für seinen großen Hit „Simon Says“ hatte der ehemalige Kunststudent die Komplexität noch bewusst zurückgefahren. Kompromisse dieser Art hat er als Indie-Rapper jetzt nicht mehr nötig: Geld verdienen lässt sich in diesem Bereich ohnehin nur noch über Auftritte, Alben sind die künstlerische Visitenkarte. Monch vergleicht den Mainstream-Hip-Hop mit einer Fastfood-Kette. Die Liebe der Fans aber gehöre den „kleinen Boutiquen“. Das Album ist dementsprechend voller abstrakter Hochstapeleien wie in „Haile Selassie Karate“, voller Old-School-Beats wie in „Assasins“ mit Jean Grae, und voller Durchhalteparolen wie „Shine“ und „Still Standing“, die Jill Scott und Mela Machinko mit zärtlichem Soul-Gesang untermalen. Eine Baptistenpredigt gibt es natürlich auch, im Gospel-Rap „Let My People Go“.

Wie einst Soulmann Curtis Mayfield versteht es Pharoahe Monch, einen unwiderstehlichen Flow mit einer zutiefst humanistischen Botschaft zu verbinden: „Don’t be afraid to be yourself!“ Dabei kommt er von der persönlichen Desillusion zu den politisch-gesellschaftlichen Leiden Amerikas. Das gelingt ihm besonders effektvoll in dem von Vernon Reids Rock-Gitarre befeuertem Titelsong. Oder in „Clap“ und dem dazugehörigen elfminütigen Video: Cops stürmen darin ein verdächtiges Apartment und töten versehentlich ein Kind. Danach versammelt sich eine stumme Menschenmenge vor dem Haus. Sie klatschen rhythmisch. Clap! Es ist ein sarkastischer Kommentar zur alltäglichen Polizei-Brutalität.

Der Clip kam innerhalb weniger Tage auf 100 000 Youtube-Clicks. „Ein Major Label hätte mir so einen kompromisslosen Film nie durchgehen lassen.“ Monch aber zeigt, dass gutgemachte Politik immer noch mit dem Limousinen-Service zur nächsten Party konkurrieren kann, dass John Coltrane – sein erklärtes Vorbild in Sachen Flow – durchaus neben Lil Wayne sitzen kann, und selbst die Dramen des durchschnittlichen, über dreißigjährigen Hip-Hop-Hörers guten Stoff hergeben.

Auf die Generation Midlife-Crisis zielen auch Atmosphere aus Minneapolis. Ihr Album „The Family Sign“ (Rhymesayers) streift über entspannten, melodischen Beats Themen wie Elternschaft, Partnerglück und unerwiderte Liebe. Besonders stark: „The Last To Say“, in dem der Protagonist die Geschichte eines ehelichen Missbrauchs erzählt.

Ähnlich trickreich zieht der kanadische Rapper Luke Boyd alias Classified die Hörer in seine Familiengeschichten hinein: „Handshakes And Middlefingers“ (Halflife Records) klingt mit poppigen, orchestralen Arrangements erst einmal nach leichter Kost. Bis der Alltag eines Familienvaters Hip-Hop als Startrampe für Superheldenabenteuer dekonstruiert. Und nur noch – wie es Gastrapper Brother Ali vormacht – spirituell gesinnter Aktivismus hilft.

das ist eigentlich die Spezialität des Kanye-West-Schülers, Polit-Rappers und skatenden Intellektuellen Lupe Fiasco. Doch dessen drittes Album „Laser“ (Atlantic) ist eine große Enttäuschung. Lupes Flow wird unter Synthie-Grooves begraben. Sein Nonkonformismus wirkt so glaubwürdig wie ein von 50 Cent geschriebener Soundtrack für Schwangeren-Gymnastik. Wurde der Mann – wie er selbst behauptet – wirklich von Atlantic erpresst? Oder lockten die großen Scheine? Vielleicht sollte er seinen Kumpel Pharoahe Monch anrufen und darüber nachdenken, ob er nicht lieber aufs Geld verzichtet. Wie hatte Pharoahe prophezeit? „Angesichts des Rap-Overkills im Internet werden die originellsten Texter den Unterschied machen. Das ist unsere Chance!“
JONATHAN FISCHER
SZ 26.5.2011

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