Diese unwiderstehlichen, sündigen Versprechen: Wem der Neo-Soul schon zum Hals heraushängt, der sollte im Reich des Rhythm & Blues tiefer graben. Die Wiederveröffentlichungs-Labels HooDoo und Kent heben weitere Schätze

Indem die Retro-Welle im schwarzen Pop dank Adele, Raphael Saadiq oder Aloe Blacc längst bis in die Mainstream Radios überschwappt und immer neue Bands auf den Soultrain von gestern aufspringen, droht dem Genre eine gewisse Übersättigung. Ja, selbst dem Soulliebhaber können die Motown-Pastiches schon einmal zum Hals heraushängen. Hat man das nicht alles schon mal so oder sehr ähnlich gehört? Die Zeiten, da man nach Soul-Originalen jagen musste wie nach einem scheuen und seltenen Wild sind sowieso längst passe, begraben unter einer Flut von Wiederveröffentlichungen, obskuren Werkschauen, willkürlich geplünderten Archiven. Unzählige Sampler haben sich am großen Funk- und Soul-Steinbruch bedient: Was die frühen Hip-Hop-Discjockeys noch von eifersüchtig behüteten Vinylscheiben abspielten, denen sie zum Schutz vor Nachahmern die Label-Beschriftungen abgewaschen hatten, steht längst fein säuberlich katalogisiert in jedem Kaufhausregal.

Die Avantgarde der Soulsammler und Discjockeys muss tiefer wühlen und abseits der funky Spätsechziger und Frühsiebziger nach den letzten unberührten Schätzen suchen, in denen der schwarze Pop von gestern seiner Wiederentdeckung durch die Trendsetter von morgen harrt. Tatsächlich scheint in der Clubszene gerade nichts hipper als rarer, rumpelnder, rollender Rhythm & Blues, schwarze Tanzmusik ohne Glättung für den Crossover-Markt. All die rohen Blues-Bastarde, die dem geschmeidigeren Soul von Sam Cooke und Jackie Wilson vorangingen und die in den fünfziger und frühen sechziger Jahren in den Ohren weißer Teenager wie ein unwiderstehliches, sündiges Versprechen geklungen haben müssen.

Das Wiederveröffentlichungs-Label Hoodoo Records gräbt genau in dieser Goldmine und holt viele der halbvergessenen Helden von damals mit aufwändig gestalteten Kompilationen in die Gegenwart zurück: Chuck Willis, Bobby Blue Bland, Dee Clark, Ruth Brown, Hank Ballard – um nur einige der bekannteren Namen aufzuzählen. Auch wer glaubt, deren Repertoire bereits zu kennen, findet hier noch das eine oder andere Nugget, das locker den Kauf der ganzen CD rechtfertigt: Etwa Ruth Browns „I Don’t Know“, eine Ballade, die die zwischen Unschuld und Aufsässigkeit oszillierende Stimme der Atlantic-Sängerin in ein auch für einen David-Lynch-Soundtrack taugliches Blues-Arrangement verpackt. Oder die mit ihren Flöten-Riffs und Frauenchören ähnlich verspukt daherkommende Dee-Clark-Nummer „Blues Get Off My Shoulder“. Oder Hank Ballards „Rock Granny Roll“, ein bisher kaum erhältlicher Titel, der zeigt, wie der Leadsänger der Midnighters den rohen, erdigen Sound vorausnahm, der später zum Markenzeichen eines James Brown werden sollte.

Besonders zwei dieser Hoodoo-Alben gehören in die Sammlung jedes feinfühlenden, für ästhetische Zwischentöne empfänglichen Bluesfans: „Little Boy Blue“ von Bobby Blue Bland und „Rockin‘ with The Sheik of the Blues“, eine Chuck-Willis-Kompilation der Okeh- und Atlantic-Aufnahmen aus den fünfziger Jahren. Der Turban tragende Sänger und Songwriter beeindruckt durch Vielseitigkeit: Da sind seine Rock’n’Roll-Glanzlichter wie „C. C. Rider“, ein unwiderstehliches Remake der gleichnamigen Folk-Blues-Nummer, oder das später von Elvis Presley bis Little Milton gecoverte „Feel So Bad“. Doch mindestens so hypnotisierend wie die Uptempo-Rocker à la „Lawdy Miss Mary“ bohren sich seine jazzigen Blues-Fingerschnipper ins Ohr, etwa „Whatcha Gonna Do When Your Baby Leaves You“ – melismatischer Klagegesang, perlende Jazz-Gitarren, ein unwiderstehlicher Schlürf-Rhythmus. In der selben Liga glänzt Bobby Blue Bland mit „You Did Me Wrong“ oder „Wishing Well“, frühen Aufnahmen, in denen Blands grunzender, klagender, falsettierender Bluesgesang von B.B.-King-Gitarren-Riffs und raffinierten Big-Band-Bläsern zum Swingen gebracht wird. Niemals klang der Bluessänger expressiver und selbstbewusster.

Auch die restlichen Nummern entstammen Blands Fünfziger-Jahre-Singles für Duke Records und zeigen, wie der Mann die hohe Kunst des empathischen Schnurrens und Gurrens perfektioniert und sich mit einer phantastischen Combo zum Frank Sinatra des Blues emporknödelt.

Ein weiterer Hoodoo-Sampler „No Buts, No Maybes“ deckt die afrokaribischen Wurzeln des New Orleans Blues auf und versammelt 28 der Aufnahmen, die Professor Longhair zwischen 1949 und 1957 für Plattenfirmen wie Atlantic, Federal und Mercury aufnahm. Henry Roeland Byrd alias Professor Longhair gehörte zu den originellsten und einflussreichsten Musikern einer an Legenden nicht gerade armen Stadt. Der Booklet-Text bringt es auf den Punkt: „Wenn Sie noch nie von ihm gehört haben, wissen Sie nicht so viel, wie Sie sich einbilden.“ Prägte doch der funky, rumba-basierte Pianostil des Professors in Verbindung mit seinen tiefen, wilden Gesängen die kollektive DNA moderner Popmusik. „Einen Guru, Paten und spirituellen Wunderheiler für alle die nach ihm kommen“, nannte Dr. John ihn. Der Song „Tipitina“ allein rechtfertigt diese Aussage. Ein Who Is Who der frühen Rock’n’Roll-Szene von New Orleans begleitet Professor Longhairs durch rollende Boogie-Woogies und karibisch synkopierte Party-Hymnen à la „Mardi Gras in New Orleans“ – extrem originell.

Das darf man auch von der Musik des Gitarristen und Sängers Ray Sharpe behaupten. Die Anthologie „Gonna Let It Go This Time“ (ebenfalls auf Hoodoo Records) zeigt den schwarzen Texaner als Grenzgänger zwischen Rock’n’Roll, Blues und Country. Wer Charlie Feathers und Johnny Cashs Sun-Records-Phase schätzt, den werden auch Sharpes treibende Uptempo-Nummern wie „Monkey’s Uncle“, „Kewpie Doll“ oder „Long John“ auf die Tanzfläche katapultieren. Eine raunzende Bluesgitarre wechselt da mit swingenden Rockabilly-Rhythmen. Hinzu kommen Ray Sharpes offensichtliche Gabe für Wortspiele wie „Silly Dilly Millie“, Begleitmusiker wie Duane Eddy oder Al Casey und ein Produzent namens Lee Hazlewood. Pflichtanschaffung für jeden DJ-Koffer. Ähnlich vielseitig zwischen Country, Blues und Funk bewegt sich die Soulsängerin Etta James. Unter dem Titel „Who’s Blue? Rare Chess Recordings of the 60s and 70s“ haben die englischen Soul-Archivare von Kent Records das Kunststück fertiggebracht, der ausführlich dokumentierten Karriere der Chicago Queen Of Soul noch ein paar neue Seiten abzuringen. Etwa auf raren Single B-Seiten wie dem dramatischen 1967er-Stomper „I’m So Glad“ oder „Fire, einem monströsen Muscle Shoals-Groove nach Art von „Tell Mama“. Dazu gesellen sich bisher nie auf CD erschiene Albumtitel: „Only a Fool“ etwa oder „Take out Some Insurance“, blues-getränkte Funknummern, auf denen James Gospelgesang Aretha Franklin jede nur erdenkliche Konkurrenz macht.

Ihre Kollegen Doris Troy und Jerry Williams alias Swamp Dogg dagegen sind für viele Soulfans immer noch Unbekannte. Ein Glück, dass Kent auch diesen unbesungenen Soul-Titanen großartige Anthologien widmet: „I’ll Do Anything“ reicht von Troys Früh-Sechziger Soulklassikern für Atlantic Records über Northern Soul-Hymnen wie „I’ll Do Anything“ bis zum bluesigen 1996er James Hunter-Duett „Hear Me Calling“. Und warum nur bleibt Swamp Dogg ein ewiger Geheimtipp? Müsste den Mann hinter Southern Soul Meilensteinen von Irma Thomas, Sandra Phillips oder Doris Duke nicht längst eine 10-CD-Box mit Goldschnitt ehren? „It’s All Good – Swamp Dogg: A Singles Collection 1963 bis 1989“ macht schon einmal einen Anfang.

Gut, Jerry Williams alias Swamp Dogg mag nie als Sänger allein überzeugt haben. Doch seine Kompositionen und Arrangements tragen eine originelle Handschrift und einen Witz, der den meisten Retro-Soul-Stars von heute verdammt gut zu Gesicht stehen würde. „The 1965 King Size Nicotin Blues“ oder „Silly, Silly, Silly, Silly Me“. Adele und Co, wo bleiben Eure Coverversionen?
JONATHAN FISCHER
FAZ 14.5.2011

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