So klingt die Zukunft des Hip-Hop: Hin und wieder kommt eine Gruppe Halbwüchsiger und erneuert Popkultur von Grund auf, so wie es der Rapper Tyler The Creator und sein Freunde gerade in Los Angeles tun

Eine Kakerlake, ein Schwall Erbrochenes und eine Schlinge für den finalen Abgang: Das sind die Elemente von „Yonkers“ des Rappers Tyler the Creator, des verstörendsten Hip-Hop-Videos der letzten 15 Jahre. Während er frenetisch in die Kamera rappt, krabbelt die Kakerlake über seine Hand, um schließlich in den Mund geschoben, zerkaut, geschluckt und wieder ausgekotzt zu werden. Etwas ist mit ihm da passiert: Seine Pupillen verdunkeln sich, Blut fließt ihm aus der Nase, er legt die Schlinge um den Hals, springt vom Hocker.

Als der 19-jährige Tyler The Creator, Kopf des aus Los Angeles stammenden Rap-Kollektivs Odd Future Wolf Gang Kill Them All, im Februar sein „Yonkers“-Video, zur ersten Vorabsingle seines neuen Albums „Goblins“ (XL Recordings) ins Netz stellte, erntete er nicht nur acht Millionen Klicks in ein paar Wochen, sondern auch eine Schar von Anhängern, die die frohe Botschaft in sämtlichen Hipster-Blogs und Lifestyle-Magazinen verkündeten: Die innovative Zukunft des Hip-Hop kommt von einer Horde Teenager aus Los Angeles. Und sie meinten damit auch die feuchten Handflächen und Adrenalinschübe, die Hip-Hop-Fans seit den dunkel aggressiven Kung-Fu-Mythologien des frühen Wu-Tang-Clans, Eminems Mutterkiller-Fantasien oder den sich in Ghetto Fiction suhlenden NWA Anfang der Neunziger Jahre vermissen mussten. Dabei braucht der ehemalige Filmstudent Tyler The Creator nicht viel: Sein Schwarz-Weiß-Clip funktioniert mit einer einzigen immer wieder ins Unscharfe gleitenden Kameraeinstellung, einem düster rumpelnden Beat und einer autoritären Bass-Stimme.

Eine so elementare grenzüberschreitende Wucht hat Hip-Hop seit seinen rauen Anfängen in der Bronx selten entwickelt. Die zehnköpfige Nachwuchs-Crew aus LA bricht mit all den Gewissheiten des Genres. Ghetto-Realismus war gestern. Das neue Grauen entstammt nicht Pistolenläufen sondern psychopathischer Komik, der Darstellung dysfunktionaler Persönlichkeiten und paranormaler Phänomene. Tyler und seine Odd Future Crew, begeistert sich das führende englische Popmagazin NME, „sind der ultimative Anti-Establishment-Act, der die Welt einreißen und wieder aufbauen will“. Das Magazin hat den jungen Rapper auf dem Cover seiner aktuellen Ausgabe denn auch als neuen Punk-Gott inszeniert: In Prinz Williams Hochzeitskostüm mit schiefer Krone und vulgär-despektierlichem Gesichtsausdruck. Was wir noch erfahren: Dass Sid Vicious auf dem Handy des Rappers klebt. Dass seine „Bande hyperaktiver, angepisster, hormonell aufgeladener Teenager“ ihr Publikum zu „kill people, burn shit, fuck school“-Gesängen animiert. Und OFWGKTA wohl noch heute nichts als eine Gruppe renitenter Skater wäre, die auf den Parkplätzen von West Hollywood abhingen, wenn sie nicht irgendwann Spaß daran gefunden hätten, ihre von Kritikern als frauenfeindlich, homophob, mörderisch, unchristlich oder auch nur Jackass-doof gescholtenen Teenager-Fantasien in Raps zu verpacken, mit satten, verzerrten Basslinien zu unterlegen, und sie in Form von einem Dutzend Singles und drei Alben frei verfügbar ins Internet zu stellen – Tylers Debüt „Bastard“, Earl Sweatshirts „Earl“ und Frank Oceans R’n’B-Mixtape „Nostalgia/Ultra“.

Aber ist reine Provokation schon Zweck und Ende der Odd Future-Geschichte? Woher speist sich das Rebellentum dieser lyrisch talentierten schwarzen Mittelschichts-Kinder? Und wie kann ihre offensichtliche Freude an der sinnfreien Provokation in der Verwertungs-Mühle der Hip-Hop-Industrie überleben? Das alles will man den im März 20 Jahre alt gewordenen Tyler Okunma aka Tyler The Creator fragen.

Der maßgebliche Autor, Video-Dirigent und Grafiker des OFWGKTA-Outputs, der nun für das „Goblins“-Album bei XL Records erstmals bei einer regulären Plattenfirma unterschrieben hat, aber versetzt den Interviewer ganz ungeniert: Lieber noch mal eine Runde mit den Kumpels skaten, bevor er zur ersten Europa-Tournee aufbricht. Bleibt der Blick auf das Studio der Odd-Future-Crew, ein Gartenhaus in einer hübschen Villen-Gegend in Washington-Crenshaw, wo Sydney Bennett alias Syd the Kid, das einzige weibliche Mitglied der Truppe, seit jeher die markerschütternden Beats für ihre rappenden Kumpels zusammenschneidet.

Man wusste es ja schon vorab: Dass Tyler, eigenen Angaben nach Sohn eines nigerianischen Vaters und einer halb-kanadischen Mutter, der bei seiner Großmutter in Inglewood am Rande der Ghettos von South Central aufgewachsen ist, einer ist, der niemandem nachläuft. Der sich gerne mal spontan auf dem Boden wälzt anstatt für seinen Geschmack dämliche Fragen zu beantworten.

Tatsächlich wirkt es erfrischend, wie er systematisch jede Hip-Hop-Etikette untergräbt, herausblökt, was ihm als erstes durch den Kopf schießt, und politische Korrektheits-Regeln genauso ignoriert wie die Dollar-protzenden Selbstdarstellungs-Riten doppelt so alter Rapstars. Am Ende lässt er einen mit der Auskunft zurück, dass er gerne masturbiert, Bücher sammelt, und „außer Ritalin, Albuterol und Predinisone keine Drogen konsumiert“.

Und, ach ja: „Free Earl!“ Der neue Kampfruf der Odd Future-Crew gilt Earl Sweatshirt, Tylers rappendem Halbbruder, der von der Mutter auf ein Internat nach Samoa verbannt wurde, nachdem diese die Vergewaltigungs- und Mordfantasien des 16-jährigen als Youtube-Hit wiederfand. Das „Earl“-Video zeigt den milchgesichtigen Rapper mit seinen Odd Future-Kollegen in einem Friseursalon, beim Skateboard-Fahren und Mischen von Drinks aus Bier, Marihuana und anderen toxischen Substanzen. Am Ende winden sich die berauschten Kids in Gift-Krämpfen, fließt Blut aus Zahnfleisch, Ohren und Brustwarzen – ein Voodoo-Kurzfilm voller Teenage-Angst, dunkler Anspielungen und Exorzismen, der zusammen mit dem Video „French“ die Odd Future-Rapper als virales Internet-Phänomen etablierte und Kollegen wie Flying Lotus, Kanye West, GZA zum Schwärmen brachte.

„Sie präsentieren sich nicht nutzerfreundlich“, erklärte Roots-Schlagzeuger Questlove nachdem er einen Auftritt der Truppe bei der Fernsehshow „Late Night With Jimmy Fallon“ begleitet hatte. „Und genau das hat Hip-Hop die letzten 20 Jahre gefehlt“. Während das Poetry Magazin ihnen eine wohltuende „Abwesenheit moralischer Schwerkraft“ attestierte.

Letztlich scheint auch das Wort Rebell zu blass. Nein, Tyler und seine Odd Future Crew auf „Anti-Helden für abgefuckte Kids rund um die Welt“ (NME) zu beschränken, ihre Zeilen auf die üblichen Teenage-Schocker zu durchforsten würde ihrer künstlerischen Tragweite kaum gerecht. „Warum“, schimpft Tyler, „beschwert sich denn niemand über die ganze Gewalt in den Tarantino-Filmen? Wenn ich einen Song schreibe, dann gehe ich ihn wie ein Buch oder einen Film an. Als verdammtes Kunstwerk.“ Das Gros seiner High School – Jahre verbrachte Tyler nicht umsonst damit, Cartoons anzuschauen, Bilder mit Photoshop zu manipulieren, und Mode für sich und andere zu entwerfen.

Auch Tylers Reime gehen weit über krude Sex-Fantasien hinaus: Sie schillern mit esoterischen Andeutungen und doppeldeutigen Wortspielen, befreien Hip-Hop aus seinem Straßen-Journalisten-Käfig, inszenieren Stil als reine, sinnliche Lust. Ein Prozess, der sich auf kein Produkt festlegen will. Wer weiß schon, welche Haken der rappende Hipster als nächstes schlägt?

„Die Essenz der hippen Sprache“, schreibt John Leland, „liegt nicht in Vokabular oder Syntax, sondern in der Fähigkeit, diese immer wieder neu zu erschaffen.“ Genau dieses Maskenpiel beherrscht Tyler mit seiner Crew – wie vor ihm Miles Davis, Bob Dylan oder Muhammad Ali. Sie unterminieren alle abgesteckten Positionen der Popwelt. In ihrem Chaos lauert jede Menge Potential: Erst recht, wenn Tyler ein Interview mit dem Satz abbricht, er müsse jetzt wieder dringend „Trampolin springen und Comics schauen“.
JONATHAN FISCHER
SZ 5.5.2011

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