TRACHTENJANKERPUNKER: Attwenger – das ist eine Zwei-Mann-Energiewalze, die allein mit Akkordeon, Schlagzeug und Gesang Volksmusik mit Hip-Hop mit Blues mit Punk mit Ernst Jandl versöhnt

Neben der Bühne des Münchner Techno-Clubs Rote Sonne stellen die beiden Oberösterreicher ihr gewohntes Phlegma aus. »Irgendwas ist immer«, grantelt Hans Peter Falkner, der Stämmige mit der Ziehharmonika. Dabei hat er partout keine Eile, das Ärgernis genauer zu benennen oder gar zu beheben. »Schatzi«, frotzelt Markus Binder, sein drahtiger Schlagzeuger-Kollege, »hos du olles beinand?« Widerworte in breitestem oberösterreichischem Dialekt, Stirnrunzeln, stoisches Gschau. Ja, so kennt man die Attwenger-Musiker: im ständigen lakonischen Clinch. Ihre gepflegte Wurstigkeit gehörte allerdings schon immer zum Attwengern wie die einsilbigen Titel ihrer auf Trikont veröffentlichten Alben: Most, Pflug, Luft, Sun, Song, Dog – und nun eben: Flux. »Diese Kürze kommt auch optisch irgendwie lässig«, erklärt Binder. Lässig schon. Doch was steckt dahinter? Etwa eine Anspielung auf die Fluxus-Kunst? Für verbindliche Exegesen sind die beiden Oberösterreicher nicht gerade berüchtigt. Naive Journalistenfragen beantworten sie gern mit einem beredten Schweigen. Attwenger bezeichnen sie »eher als einen Zustand als eine Band«. Und was Flux betrifft, verrät Binder nur: »Es hat etwas mit Fluss und Flow zu tun.«

Doch auf der Bühne zaudern Attwenger nicht. Da setzt sich der interessanteste und unberechenbarste Pop-Export Österreichs vielmehr über alles Räsonieren hinweg, reißt Hip-Hop-Teenager wie Janker tragende Traditionalisten in seinen rhythmischen Strom. Eine Zwei-Mann-Energiewalze: Hans Peter Falkner beugt sich schwitzend über sein diatonisches Akkordeon, während er per Fußpedal elektronische Verzerrungen und Filter zuschaltet. Markus Binder konterkariert die vom Rechner eingespielten Loops mit frenetischer Schlagkraft – mal Techno-Trance, mal polternder Rock‚n‚Roll. Und noch ein drittes Instrument schiebt die Beat-Lokomotive an: Binders und Falkners Mundartgesang, Kehr- und Querreime, die sich wie Samples der Alltagssprache ausnehmen und durch ständige Wiederholung anfangen, in bisher unbekannten Soundfarben und Bedeutungen zu schillern: »Und amoi do mog i sie / und daun wieder frog i mi / mog i sie frog i mi / oda sie mi…«. Attwengers repetitiv rollender Text-Musik-Sound schuldet dem Flow amerikanischer Hip-Hopper ebenso viel wie Ernst Jandl und der oberösterreichischen Gstanzl-Tradition, jenen Spottgesängen im Dreivierteltakt, bei denen die Zwei-Mann-Band zudem ihren Namen gefunden hat. Und auch wenn nicht jeder die im CD-Booklet abgedruckten Texte versteht: Es ist doch stets zu erahnen, dieses Attwengersche Spiel, Plattitüden so lange durch die Sprachmangel zu drehen, bis sich der Sinn verschiebt – oder ganz abhanden kommt.

Dabei wandelt sich der Aggregatzustand der Band – ihre Mischung alpenländischer und popaktueller Sounds – ständig. 1991 überrollten sie mit frechen Gstanzl-Raps und Polka-Punk alle, die zu wissen glaubten, was Volksmusik bedeutet, später fließen vermehrt Hip-Hop, Drum‚n‚Bass und Techno in Mantra-artige Klangstrukturen ein. Attwengers letztes Album Dog liegt schon fünf Jahre zurück. Eine Feedback-Orgie, die rhythmisch vorwärts peitschte, gegen Materialismus und die Kleinkariertheit der Österreicher wetterte. Mit Flux schlagen Attwenger noch einen Haken, bedienen sich bei amerikanischer Rootsmusik wie Country, Swing und Rock‚n‚Roll und deren Textklischees. Schon die vorige Platte hatte mit der Nähe des Englischen zum oberösterreichischen Dialekt kokettiert. Nun schießt Binder bereits im Opener Shakin‚ My Brain mit pophistorischen Sprachhülsen: »Foa ned midm Bus / walk a mile in my shoes«. Oder er reimt die Bill-Withers-Zeile »ain‚t no sunshine when she‚s gone« auf »es rennt da nix davo«. Rock-‚n‚-Roll-Samples, Soulzitate, Slang, der keine Inhalte, sondern »fluxierende Bedeutungen« transportiert – so leichtfüßig wildernd hat man Attwenger noch nicht gehört.

Schrammte das Avantgarde-Duo bisher gewollt räudig an jeder Radiotauglichkeit vorbei, schloss die Sozialisation mit Punk und Volksmusik – der Akkordeonspieler Falkner tritt bis heute mit seinen Eltern in Wirtshaussälen auf – jeden konventionellen Wohlklang aus, darf der Mitsing-Pop diesmal zumindest durchs Fenster schauen. Das Schlagzeug rollt mehr, als dass es kracht. Funky Akkordeon-Basslinien schieben große Melodien an (Hintn Umi), Blasebalg-Drones unterfüttern Blues-Gesänge (Orkan). Selbst die Textschleifen sind vergleichsweise optimistisch, mäandern durch den Dschungel der zwischenmenschlichen Beziehungen bis hin zur Netzkultur: »Olles is dead, owas Internet ged«. Nur selten einmal blitzt die alte Polemik hervor, etwa in Mief, wo Gscheit-Daherreder und Meckerer, Scheinheilige und Aufgeblasene ihren Schmäh abbekommen: »Dua den Vorhaung auf die Seitn / die Scheinwerfer schoit aus / daun kommt da ganze Mief zum Vorschein / bitte kaan Applaus / vo Wien bis München oba a vo Hongkong bis Paris / feel the Mief, feel the Mief…«

Glaubt man Binder, ist das Album im Live-Prozess entstanden, durch »Probieren und Ausloten, welche Dinge für uns funktionieren«. Einer bringe einen Riff mit, der andere eine Textzeile, am Ende müsse der Song wie eine reife Frucht vom Baum fallen. Etwa als Binder noch ein paar Zeilen Text übrig hatte. Einer Eingebung folgend, holte er den Gypsy-Gitarristen Harry Stojka ins Studio, ließ die Soundmodule ungeglättet aufeinanderprallen und schaffte doch, was das Stück verspricht: Swing. Wichtig sei, sagt Binder, Musik als größere Einheit zu sehen. »Du gehst auf der Straße, ein Bus fährt vorbei, jemand sagt zwei Worte – und es klingt wie ein Kunstwerk.« Fluxus-Pop. Ganz ähnlich wollen auch Attwenger Stimme und Sound, Elektronik und Folk, Störgeräusche und Schönklang nicht hierarchisieren, eine Ästhetik, die sie beim Blues und der afrikanischen Musik bewundern: »Diese Auflösung empfinden wir als extrem lässig.« Zudem entfalte sie eine subversive Kraft: Ist es doch erklärtes Ziel des Attwengerschen Dialekts, nicht nur zu täuschen und zu tricksen, zu verdrehen und zu verarschen – sondern eine herrschaftsfreie Gegensprache zu entwerfen. Wie bringt es Binder lakonisch auf den Punkt? »Alles egal – aber im Guten egal!«
JONATHAN FISCHER
Die Zeit 28.4.2011

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