Schön unterkühlt: Sergio Mendes zum 70. Geburtstag

Es ist leicht, Sergio Mendes’ Musik als „Easy Listening“ abzutun. Sich über die Edelklangteppiche zu mokieren, mit denen er Yuppies und Retro-Hipster in Tropenholzbars zum Fußwippen bringt. Aber so gut, wie das der brasilianische Pianist, Arrangeur und Produzent seit einem halben Jahrhundert beherrscht, muss man es erst einmal machen: Die Songs anderer mit weiblichen Chorstimmen, Bläsern, Streichern, Harfen und Windspielen zum Schweben zu bringen. Und ihnen schließlich einen dieser unwiderstehlichen Bossa-Soul-Fingerschnipp-Rhythmen unterzujubeln.

Sergio Mendes glaubt an die Schönheit. Als Brasilianer hat er gelernt, den Widersprüchen seines Landes eine versöhnende Ästhetik abzuringen. Die Verhältnisse mit kultivierter Nonchalance zum Tanzen zu bringen. Es fing 1961 an, als der Arztsohn aus Niteroi, einer Kleinstadt auf der anderen Seite der Bucht von Rio, das Debüt seiner Band Bossa Rio Sextet vorlegte. Nur ein Jahr später spielte er in der New Yorker Carnegie Hall neben Joao Gilberto, Charlie Byrd und seinem Mentor Antonio Carlos Jobim. Es folgte ein Album mit Cannonball Adderley und ein Vertrag mit Atlantic.

Seine Hitsträhne begann, als er 1964 nach Los Angeles zog und mit seiner neuen Band Brasil ’66 bei Herb Alperts Label A&M unterschrieb. In einer Zeit, in der in seiner Heimat eine Militärdiktatur alle mit dem Bossa Nova verbundenen Träume platzen ließ, wurde Sergio Mendes zum bekanntesten brasilianischen Musiker. Zum Mann mit dem goldenen Pop-Händchen. Er brauchte sich nur eine Melodie zu leihen – „Mas Que Nada“ etwa von Jorge Ben, „Fool On The Hill“ von den Beatles oder Burt Bacharachs „The Look Of Love“ – sie anschließend schön unterkühlt zu servieren und fertig war der Welt-Hit.

Unter der eingängigen Oberfläche verstecken sich durchaus komplexe musikalische Arrangements. Wer hatte es vor Mendes schon fertig gebracht, brasilianische Bossa-Laszivität so elegant mit den Soulmoden Nordamerikas zu verbinden? Und anders als ihr Schöpfer, der heute 70 wird, scheint diese Musik kaum zu altern. In ihr überleben der Jetset-Optimismus der frühen sechziger Jahre, die kosmopolitische Disco-Jazz-Fusion der siebziger Jahre, und alle Sommer-Fantasien des Pop.
JONATHAN FISCHER
SZ 11.2.2011

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