Generation Revolte: Der tunesische Polit-Rapper El Général über Jugendproteste, Facebook und Islam

Die Unruhen in der arabischen und islamischen Welt sind eine Jugendrevolte. 60 Prozent der Menschen in den arabischen und islamischen Ländern von Marokko bis Iran sind unter 30 Jahre alt. Deswegen spielen Jugendkulturen wie die sozialen Netzwerke im Internet oder Popmusik und Hip-Hop auch eine entscheidende Rolle.

Die Unruhen werden aber keineswegs von einer gesichtslosen Bewegung angetrieben. Längst gibt es Schlüsselfiguren der Generation, wie den 30-jährigen ägyptischen Google-Projektleiter Wael Ghonim, den 30-jährigen ägyptischen Ingenieur und Facebook-Aktivisten Ahmed Maher oder den 22-jährigen Pharmaziestudenten Hamda Ben-Amor aus der tunesischen Hafenstadt Sfax, der als „El Général“ die Protesthymne der arabischen Jugendrevolution geschrieben hat.

In dem Rap „Rais Lebled“ (Der Chef meines Landes) fasst El Général Dinge in Worte, die Millionen nicht zu sagen wagten: „Herr Präsident, Ihr Volk stirbt“. Worte, die später auch die Demonstranten in Ägypten, Algerien, Bahrain, Libyen und Marokko skandierten.

El Général ist der nun auch in Europa und den USA bekannteste Vertreter einer Subkultur, die sich längst in der gesamten arabischen Welt ausbreitet. Es sind keine subtilen Songs, die den Protest transportieren. Will man Vergleiche zur letzten Epoche finden, in der Pop politische Bedeutung hatte, dann ist El Général kein Bob Dylan, sondern eher ein Woody Guthrie, der mit schlichten Songs und direkten Texten arbeitet. Die in Nordafrika und der arabischen Welt eine umso stärkere Wirkung entfalten.

SZ:Wie erklären Sie sich die enorme Wirkung Ihres Songs „Rais Lebled“?

El Général:Ich habe offensichtlich zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Nerv getroffen: „Die Menschen essen aus Mülltonnen/ viele haben kein Dach über dem Kopf/ werden vom Unrecht erdrückt/ während sich diese Hundesöhne – Sie kennen sie, Herr Präsident – die Taschen vollstopfen. . .“. Oder: „Die Polizisten müssen nichts fürchten, wenn sie ihre Schlagstöcke einsetzen/ weil niemand da ist, um nein zu sagen.“

SZ:Wurden Sie durch amerikanische Rapper mit politischen Botschaften wie etwa „Public Enemy“ beeinflusst?

El Général: Ich spreche kein Englisch. Deshalb habe ich deren Texte nie verstanden. Aber ich habe das Feeling mitbekommen, die Wut, die sie ausdrücken.

SZ: War Ihnen bewusst, was Sie riskierten, als Sie diesen Protest-Rap ins Netz stellten? Als Ihr Song auf Facebook zum Hit reüssierte, wurden Sie am 24. Dezember immerhin verhaftet.

El Général: Hat Ihnen jemand den Song übersetzt? „Ich habe mich entschieden, über das Unrecht zu sprechen/ auch wenn mich viele gewarnt haben/ und ich weiß, dass Schläge auf mich warten“. Ich war allerdings trotzdem überrascht, als eines Morgens 30 Beamte in Zivil in mein Haus in Sfax kamen, um mich barfuß und in Unterwäsche festzunehmen. Sie sagten mir nicht, wohin sie mich bringen würden. Und meine Familie rechnete mit dem Schlimmsten.

SZ:Was hatte Sie ursprünglich zu dem Song getrieben?

El Général: Ich war motiviert, weil es in dem Song nicht um mich geht, sondern weil ich für alle frustrierten Jugendlichen um mich herum sprach. Ich habe schon seit 2008 politische Raps geschrieben. Friedliche Nummern, die vor allem eine Untergrund-Gemeinde hörte.

SZ: Sie wurden nach drei Tagen wieder freigelassen. Hat man Ihnen mehr Respekt entgegengebracht als einem gewöhnlichen politischen Dissidenten?

El Général: Der Präsident selbst hatte angeordnet, dass ich nicht geschlagen und gefoltert werden durfte, um keine Märtyrerfigur zu schaffen. Er wusste, dass wir Rapper das Sprachrohr der tunesischen Jugend darstellen. Die Polizisten zwangen mich aber, eine Erklärung zu unterschreiben, keine politischen Texte mehr zu schreiben oder aufzuführen.

SZ:Welche Rolle spielte das Internet beim Aufstieg Ihres Songs zur Protesthymne in so vielen Ländern?

El Général: Für unsere Raps ist Facebook bisher die einzige öffentliche Plattform. Es war auch bis zur Revolution die einzige Möglichkeit, offen zu reden, oder Jugendliche zu mobilisieren. Lassen Sie es mich so formulieren: Das Internet lieferte das Dynamit für den Einsturz des alten Regimes. Auch algerische und ägyptische Rapper stellten nach „Rais Lebled“ gerappte Solidaritäts-Erklärungen auf Facebook.

SZ:Darf der Song inzwischen auch im Radio gespielt werden?

El Général: Der Song läuft hier jeden Tag fünf, sechs Mal im Radio. Zumindest die Redefreiheit haben wir erkämpft. Jetzt arbeite ich gerade an meinem ersten Album: „La Voix Du Peuple“. Ein politisches Werk. Die Arbeit, das alte System umzukrempeln, fängt ja erst an.

SZ: Rechnen Sie mit Widerstand? Immerhin sind immer noch eine Menge alter Kräfte inMachtpositionen.

El Général:Aber auf der Straße bekomme ich mehr als 99 Prozent positive Rückmeldung. Und seit ich im Gefängnis war, explodiert meine Facebook-Seite. Da habe ich mehr als 80 000 registrierte Anhänger. Das Beste aber ist: Unser Kulturministerium hat mir nun jede mögliche Unterstützung für die Fertigstellung des Albums versprochen.

SZ: Die Unruhen in Tunesien begannen bekanntlich, nachdem sich der von den Behörden schikanierte Verkäufer Mohamed Bouazizi selbst verbrannte.

El Général: Lassen Sie mich eines klarstellen: Mein Song war keine Reaktion auf die Selbstverbrennung von Mohamed Bouazizi, ich hatte „Rais Lebled“ schon zwei Monate zuvor veröffentlicht. Bouazizis Tod war der wirklich letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

SZ:In Algerien, wo es schon seit 1988 eine politische Hip-Hop-Szene gibt, haben Islamisten Rap-Stars als Vertreter dekadenter westlicher Einflüsse angegriffen. Haben Sie ähnliche Probleme?

El Général: Nein, ich komme aus einer sehr religiösen Familie, meine Mutter und meine Schwestern tragen alle Kopftuch, und finden meine Musik dennoch gut. Ich habe auch einen Song „Allah Akbar“ geschrieben – Allah hat uns den Rap gegeben, damit wir uns von Unrecht befreien können.

SZ: Gerade fliehen Tausende Ihrer Landsleute übers Mittelmeer nach Italien. Ist die Lage so hoffnungslos?

El Général: Nein, der Optimismus der Revolution ist noch nicht verflogen. Dennoch kann ich die Flüchtlinge verstehen. Sie haben jahrelang vergeblich nach Arbeit gesucht, und jetzt liegt die Wirtschaft erst recht am Boden. Der Zusammenbruch des Polizeistaates bot ihnen erstmals die Chance, zu fliehen.

SZ: Zieht es Sie nicht auch ins Ausland? Bekommen Sie nicht schon Angebote?

El Général: Mich hat noch keine ausländische Plattenfirma angesprochen, mein Album erscheint auf einem kleinen lokalen Label. Trotzdem möchten es mir gerade alle tunesischen Jugendlichen nachmachen. Jeder will hier Rapper sein. Manche glauben auch, das wäre ihre Fahrkarte ins Ausland. Denen rate ich, ihre Energie doch erst mal hier bei uns einzusetzen. Ich selbst möchte auf jeden Fall in Tunesien bleiben. Sonst könnte ich keine politisch relevanten Raps mehr schreiben.

Interview: Jonathan Fischer
SZ 23.2.2011

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