Reduktion, Baby! James Blake lässt auf seinem entschleunigtem Debutalbum alles Überflüssige weg

Stille ist auch nur eine andere Art von Lärm. Als Forscher der Stanford University vor einigen Jahren die Gehirnströme von Probanden untersuchten, die einer Sinfonie des Komponisten William Boyce lauschten, kamen sie zu einem erstaunlichen Ergebnis: Die Spitzenaktivität im Hirn ereignete sich zwischen den einzelnen Sätzen, in den Stillephasen. Jazzmusiker wie Miles Davis haben diesen Zusammenhang intuitiv verstanden. Einer seiner berühmten Sätze lautet: Die eigentliche Kunst liege »nicht in den Noten, die man spielt, sondern in den Noten, die man nicht spielt«.

Im Pop hingegen schienen bisher alle anderen musikalischen Variablen – Geschwindigkeit, Rhythmus, Timbre, Melodie – eine größere Rolle zu spielen, fürchtet der gemeine Unterhaltungsartist doch nichts mehr als einen kaputten Lautsprecher, ein ausfallendes Mikrofon, die Soundlöcher in einem Konzert. Da wirkt es umso mutiger, wenn ein Newcomer namens James Blake mit der Abwesenheit von Sound spielt. Der gerade mal 22-jährige Londoner forciert die Kunstpausen. In seinen Songs treffen sparsame Klavierfiguren, tiefe Bässe und verfremdete Gesangslinien auf musikalische Antimaterie. Das Resultat: Schwarze Klanglöcher. Gespannte Stille. Lange, bedeutungsschwangere Leerstellen.

Blakes Musik entwickelt einen ganz eigenen, entschleunigten Rhythmus, der seine Hörer ins Innere zieht. Und erst dieser geisterhafte Gesang! Einzelne, mantragleich wiederholte Phrasen schieben sich wie U-Boote in den Mix, doch Blakes Soulstimme erinnert in ihrer verhallten Kälte eher an gregorianische Mönchschoräle als an die Gospel-Expressivität des schwarzen Pop. Die Verbindung von Ambient und Soul beeindruckte nicht nur die 160 Kritiker, die ihn auf Platz zwei der als Trendbarometer geltenden »BBC Sound of 2011«-Liste hievten, sondern auch die Plattenindustrie: Das schlicht James Blake betitelte Debütalbum erscheint auf dem Major-Label A&M. Ein Werk, das dem Pop in Zeiten der bloßen Variation und Ausschmückung von Retro-Formeln eine ungeahnte Frische verleiht.

Wer hat denn gesagt, dass alles gesagt ist? Plötzlich gilt die Kunst des Weglassens, das bewusste Setzen bestenfalls mit Elektrostatik gefüllter Lücken als Ausweis zeitgeistigen Rebellentums: War nicht erst vor Kurzem John Cages berüchtigtes, nur Schweigen beinhaltendes Stück 4’33˝ im Wettbewerb um den Weihnachtshit 2010 die britischen Charts emporgeklettert? Und hatten in letzter Zeit nicht eine ganze Reihe von Produzenten und Bands die Stille zwischen den Noten äußerst effektvoll instrumentalisiert? Etwa der Dubstep-Produzent Burial, dessen Tiefstbässe in weite meditative Räume führen, oder das Londoner Trio The XX mit seinen intimen, reduzierten Grooves? Und dann stand auf der BBC-Liste neben James Blake auch noch der Sänger Jamie Woon.

Im Radio sind die Songs mit all ihren Aussetzern ein Schock

Seine minimale, luftig-ätherische Soulnummer Night Air hatte im letzten Oktober den Nerv von Clubgängern und progressiven Pophörern gleichermaßen getroffen. Blake aber treibt das Spiel mit dem Antilärm auf die Spitze. »Einen ganzen Raum voller Menschen nicht reden zu hören, während lediglich die Geräusche von der Kneipe nebenan durchsickern«, schwärmte er nach einem seiner Auftritte, »das war schon unglaublich. Da gab es einen Moment, in dem ein Mann seinen Mantel auszog, der wirkte wie das Kratzen von Nägeln auf einer Tafel.« Es bleibt ein gelinder Schock, seine Songs im Radio zu hören – mit all ihren Verzögerungen und scheinbaren Aussetzern. Und doch wuchs There‚s A Limit To Your Love mit über eineinhalb Millionen Klicks zu einem YouTube-Hit heran.

Dabei ist Blakes bisher eingängigstes Stück selbst recycelte Musik – die Coverversion eines Songs der kanadischen Sängerin Feist. There‚s A Limit To Your Love erbringt den Beweis, dass ein guter Popsong durch Reduktion nur gewinnen kann: Da entkleidet der Londoner das Stück seiner Folk-Verzierungen, stellt die Gesangslinien nackt in einen großen Raum, um ihnen nur vereinzelte Stützen zu lassen. Ein simpler Pianoakkord, ein Schlag auf den Trommelrand, ein aus der Tiefe grollender Erdbebenbass. Wenn dann noch einzelne Wörter künstlich zum Zittern gebracht werden, schlägt die Spannung elektrische Funken. Ein Krimi im Schlafwandler-Format. Und womöglich das Meisterstück eines neuen Genres: Ambient Soul.

So viel Massen-Appeal hätte James Blake noch vor eineinhalb Jahren kaum einer zugetraut. Als er 2009 seine erste Vinyl-Scheibe Air And Lack Thereof veröffentlichte, war er ein kaum bekannter Dubstep-DJ, Remixer und Produzent. Er verschickte seine Stücke auf gut Glück an Kleinstlabels, nahm rauschende, knisternde und an primitiven Blues erinnernde Pianostücke auf seinem Laptop auf – und fing dabei anrührend Persönliches ein. Schon seit seinem sechsten Lebensjahr hatte Blake Klavier gespielt und gesungen – und dabei Sam Cooke, Robert Johnson und Sonny Boy Williamson, die musikalischen Helden seiner Eltern, im Herzen getragen: »Immer wenn ich unglücklich war, setzte ich mich mit dem Blues ans Klavier. Das löschte komplett meinen Schmerz«.

Auch in seinem Debütalbum schwingt die große anästhetisierende Stille von Field Hollers und Gospel-Seufzern mit, beseelt deren menschliches Versmaß seine elektronische Musik. Etwa in der Agonie von I Never Learned To Share: Über einer Wolke von Synthesizer-Geräuschen suggeriert dieser eine ständig wiederholte Satz ein archaisches Klageritual. Oder in der Ballade Give Me My Month. Da croont der Sänger nicht viel mehr als die in ihrer Trostlosigkeit anrührenden Fetzen eines Selbstgesprächs: »I never told her where the fear comes from…« Romantik und Paranoia, Mitgefühl und Kälte – in Blakes Songs überlagern sie sich gegenseitig wie ein Wurf zitternder Mikadostäbchen.

John Cage gehört zu den Idolen des klassisch ausgebildeten Pianisten

Als klassisch ausgebildeter Pianist mag Blake den Effekt der Kunstpause bei Haydn, Beethoven oder Ives kennen. Möglicherweise hat er auch, wie sein Idol John Cage, das buddhistisch-taoistische Raumkonzept studiert: So bezeichnen etwa in japanischen Schinto-Schreinen die Matten zwischen den Säulen und Türen, die gekiesten und unbepflanzten Innenhöfe nicht einfach nur Leerflächen. Nein, es ist Raum, der auf ein Ereignis wartet. Bisweilen gerät man in Versuchung, die geräuschvoll atmende Verlorenheit von Blakes Musik als Äquivalent zu Sitzmeditation, Yoga, Feng-Shui zu interpretieren. Doch das täuscht. Wer Wellness mit Wohlgefühl verwechselt, den werden diese Leidensgesänge spätestens ab dem ersten metallisch verzerrten Geschnorchel verstören.

Gerade durch die Manipulation der menschlichen Stimme kommt eine verletzliche, ja untergründig rastlose Seite ins Spiel. Man höre nur, wie in Wilhelm Scream eine nervöse Gesangsspur vergeblich dem Beat hinterherkriecht. Man achte auf die Antiklimax von Unluck und dessen im Mix versandendem Herzschlag. Hier geht es nicht um Entspannung, sondern um Möglichkeiten. »Wir leben in einer Kultur, in der es nie schnell genug gehen kann«, sagt Blake. »Aber macht nicht erst das Erwarten die Dinge wertvoll?« Im besten Fall erwischt einen eines dieser Klanglöcher wie der Schlag eines Zen-Meisters in den Nacken. Nutze die Zeit, sagt es. Schlechte Musik gibt es auf der Welt schon genug.

JONATHAN FISCHER
DIE ZEIT, 10.2.2011

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