Mäuse und Männer – Wo Bob Dylan das Hören lernte: Seit 50 Jahren dokumentiert Chris Strachwitz mit Arhoolie Records akribisch den amerikanischen Folk und Blues

„No Mouse Music“ verkündet die Wandbemalung über dem Parkplatz – keine Micky-Maus-Musik. Es ist so etwas wie das inoffizielle Firmen-Motto von Arhoolie Records. „Wenn ich vernünftig wäre, würde ich Musik aufnehmen, die ich hasse,“ sagt Chris Strachwitz, der 79-jährige Label-Gründer und Verlagsboss mit verächtlich gekräuselter Nase. „Denn immer wenn ich etwas grauenhaft finde, ist es ein Hit.“ Der Name stammt von Strachwitz’ erster Feldaufnahme aus dem Jahre 1960. Damals war der junge Lehrer aus Kalifornien wieder einmal mit seinem Magnechord-Rekorder in den Süden aufgebrochen, war in einem Futterladen in Navasoto, Texas, einem Hinweis auf einen singenden Erntehelfer nachgegangen, um schließlich im schwarzen Viertel des Städtchens den Gesuchten auf seinem Traktor anzuhalten: Mance Lipscomb. Natürlich war der alte Mann erst einmal misstrauisch. Was konnte ein weißer Mann schon von ihm wollen? Ihm Geld geben um seine Musik aufzunehmen? Nach einem langen gemeinsamen Abend bannte Strachwitz schließlich eine Reihe archaischer Bluessongs auf Band, von Lipscomb „Hoolies“ genannt. Die Session erschien als Arhoolie LP 001. Strachwitz falzte und klebte das Albumcover noch eigenhändig. Dass es einmal den Grundstock für den bedeutendsten Verlag für amerikanische Rootsmusik stellen sollte, konnte er da noch nicht ahnen.

Heute herrscht im Erdgeschoss der Arhoolie-Firmenzentrale, einem weiß gestrichenen Flachbau in El Cerrito, 30 Kilometer nördlich von San Francisco, ein Zustand geordneter Anarchie: Spanischsprachige Arbeiter in Service-Montur lungern am Stand mit Texmex-Musik herum, Studenten der nahen Berkeley University wühlen in den überquellenden Plattenfächern. Wer sich für amerikanische Minderheitenmusik interessiert, findet sie im „Downhome Music“-Plattenladen – oder nirgendwo. Vom Packraum, wo ein paar Aushilfskräfte CD-Boxen mit deutschen, spanischen und japanischen Adressen beschriften, führt eine schmale Treppe ins Obergeschoss. Zwischen Wandregalen zur Archivierung von Tonbändern steht ein mit Telefonen, Papierstößen, Akten und Kassetten über und über bedeckter Schreibtisch: Chris Strachwitz’ Arbeitsplatz. Mit festem Händedruck bittet er seinen Gast auf den einzigen Stuhl, der nicht unter CDs begraben ist. Mehr als 400 Alben hat er in den vergangenen 50 Jahren herausgegeben, von jenseits ihrer Nischen kaum bekannte Typen wie dem Tex-Mex-Musiker Flaco Jimenez, dem Zydeco-König Clifton Chenier oder zuletzt die Sacred-Steel -Gitarristen der Pop-Öffentlichkeit erschlossen. Und die Rolling Stones, Bonnie Raitt, Linda Ronstadt und T-Bone Burnett mit rohem Folk und Blues versorgt. Bob Dylan sagte einmal, er sei auf Arhoolie-Platten zuerst den Songs von Blind Lemon Jefferson, Blind Blake, Charlie Patton und Tommy Johnson begegnet. Während Ry Cooder ein von Strachwitz aufgenommenes Big-Joe-Williams-Album dafür verantwortlich machte, sein Leben verändert zu haben.

Wenn der Labelboss ins Erzählen kommt, dann fallen auch immer wieder ein paar Brocken Deutsch. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er mit seinen Eltern, Landadeligen aus Schlesien, zu einer Tante nach Reno, Nevada, ausgewandert. Als einsamer Teenager suchte er sich seine Ansprache im Radio: „Ich hörte Bluesgesänge, Texmex-Akkordeons, die nasalen Stimmen, Mandolinen und Gitarren von Hillbilly-Bands – und fühlte mich als Außenseiter von dieser Außenseitermusik angezogen.“ Es waren Klänge, die die großen Plattenfirmen für unverwertbar hielten. Zu dreckig, zu traurig, zu jubilierend für den Micky-Maus-Mainstream. Später sollte Strachwitz – in Texas wurde er nur „El Fanatico“ genannt – einer inneren Kompassnadel folgend durch schwarze Storefront-Kirchen, Blues-Spelunken, Tejano-Bars und Cajun-Dancehalls streifen und seinen Rekorder überall dort aufstellen, wo er echte Authentizität vermutete. „In einer Bierkneipe in Houston saß ein Mann mit Gitarre vor einem Mikrofon und sang darüber, wie es sein Auto in der vorigen Nacht fast zerlegt hätte, und dass er eine Aspirin-Pille für sein Arthritis braucht. Ich hatte Lightnin’ Hopkins kurz davor getroffen. Als ich eintrat, flocht er eine Zeile über den Mann aus Kalifornien ein, der gekommen war, um ihn singen zu hören. Er improvisierte ständig und die Menschen um ihn herum riefen Kommentare zurück.“ Strachwitz hielt es für die außergewöhnlichste, erregendste Musik und diese Magie wollte er auf Platte bannen. Seine Offenheit hing mit seinem Immigrations-Hintergrund zusammen: „Aus einem anderen Kulturkreis kommend“, sagt Richard K. Spottswood, Herausgeber der 15-teiligen Library Of Congress-Serie „Folk Music in America“, „sah Strachwitz die große Kunst dieser Entertainer früher als der Rest von uns. Seine Vision einer kaleidoskopischen amerikanischen Musikkultur von Tejano über Country bis Texas Blues rückte die einseitigen Standards der Musikindustrie zurecht.“

Die gerade aufblühende Folk-Szene feierte die Arhoolie-Künstler: Bluesmänner wie Mance Lipscomb, Big Joe Williams oder Bukka White erlebten hier einen zweiten Frühling. Dazu kamen die ausführlichen Kommentare und Notizen, die Strachwitz den Aufnahmen beilegte. Wer hätte damals ohne sie schon von musikalische Außenseitern wie dem Proto-Rap-Künstler Bongo Joe erfahren? Dem Mundharmonika-Prediger Roma Elder Wilson? Oder von Blind James Campbell mit seiner schwarzen Fiedel-Combo? Seit den berühmten Feldaufnahmen von Alan Lomax hatte Strachwitz die gründlichste Vermessung amerikanischer Rootsmusik vorgenommen. Kein weißer Labelbetreiber war je so tief in die Welt dieser Künstler eingetaucht. So übernachtete Strachwitz in einer Zeit als der Süden noch segregiert war, mit Fred McDowell in schwarzen Motels ohne Türen, stritt sich mit Restaurantbesuchern die Mance Lipscomb nur in der Küche essen lassen wollten, und rettete sich oft nur dank der Plattenkiste im Kofferraum vor der Verhaftung: „Du machst mit dem Nigger Aufnahmen? Dann sorge dafür, dass er wieder in sein Viertel kommt!“

Geld hat Strachwitz mit seinen Aufnahmen nur selten verdient, mit Ausnahme einer Handvoll Zufallstreffer: So kam 1964 ein gewisser Country Joe McDonald mit einem Haufen abgerissener Typen in seinen Laden und fragte, ob sie ein paar Songs für einen Friedensmarsch aufnehmen könnten? „Ich sagte, okay, hing wie üblich mein Kondensator-Mikro von der Decke und stellte sie darunter auf. Als wir durch waren, fragte er, was er mir schulde. Ich sagte: Ist okay, aber überlass mir das Copyright.“ Einer der Songs hieß „Fixin To Die Rag“. Fünf Jahre später sang ihn Joe McDonald auf der Bühne von Woodstock, die Anti-Vietnam-Hymne wurde Teil des Soundtracks und Mittelpunkt des Films. Das bescherte Strachwitz seinen ersten großen Scheck. Zwei Jahre später kam der nächste: Die Rolling Stones hatten, inspiriert von einer Arhoolie-Aufnahme, Fred McDowells Gospelnummer „You Gotta Move“ gecovert. Strachwitz bezeichnet es als einen seiner glücklichsten Momente, als er dem alten Bluesmann mehr Geld in die Hand drücken konnte, als dieser je zuvor in seinem Leben gesehen hatte. Und zuletzt entschädigte Alan Jacksons Country-Hit „Mercury Blues“ aus dem Jahr 1992 – im Original von KC Douglas – Strachwitz für Hunderte Liebhaber-Aufnahmen, die ihn eher als Sammler denn Geschäftsmann erscheinen ließen.

Aus Anlass seines 50-jährigen Bestehens hat Arhoolie nun eine Sammlung mit vier CDs herausgebracht, mit Songs die Chris Strachwitz zwischen 1954 und 1970 in der San Francisco Bay Area aufgenommen hat: „Hear Me Howling: Blues, Ballads & Beyond“ ist dabei wie ein Buch aufgemacht. Auf 136 Seiten erzählt es die Geschichte des Labels und lässt den Leser am extremen Enthusiasmus des Gründers teilhaben. Zwar hält Strachwitz die Geschichte der amerikanischen Rootsmusik für auserzählt. Dafür ist seine Saat im Pop aufgegangen: Wenn immer ein Countrystar oder eine Indie-Rock-Band heute mit einem Cajun- oder Texmex-Anstrich flirtet, dann hat Arhoolie einst den Grundstein dafür gelegt. Chris Strachwitz verfügt heute vermutlich über die größte Privatsammlung mexikanisch-amerikanischer Musik der Welt. Die Song-Bibliothek hat er inzwischen der University of California in Los Angeles gestiftet, die sie als „Frontera Collection“ der Öffentlichkeit zugänglich machte. Eine weitere Anhörstation soll im Downhome-Music-Plattenladen entstehen: Strachwitz hat dafür alte Kunden wie Bob Dylan und Bonnie Raitt in den Beraterstab seines Non-Profit-Archivs „Arhoolie Foundation“ geholt. Besucher führt Strachwitz stolz in ein Nebengebäude. Die „Music Vault“. Hier arbeiten Arhoolie-Angestellte beinahe rund um die Uhr an der Digitalisierung der fast unüberschaubaren Plattensammlung des Chefs. Tonnenweise Gegengift gegen die Massenplage Mouse Music.

JONATHAN FISCHER
SZ 4.2.2011

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