Herr Präsident, Ihr Volk stirbt! – Tunesien und Ägypten sind junge Gesellschaften, deswegen fürchten die Machthaber den Protest der Popkünstler besonders. Der Rapper El Général entzündete mit seinem Zorn einen Flächenbrand.

Wenn im Fernsehen Bilder der protestierenden Massen in ägyptischen Großstädten laufen, dann hört man wütendes Geschrei, bisweilen auch das Dröhnen von Panzerketten und das Krachen von Wurfgeschossen. Doch es gibt noch einen anderen Soundtrack zu dieser Revolution der arabischen Bürger: Lieder, die sich die Demonstranten von Handy zu Handy schicken, Rap-Zeilen, die jeder Jugendliche auswendig skandieren kann, wie etwa: „Herr Präsident, Ihr Volk stirbt.“ So lautet ein Song des jungen tunesischen Hiphop-Musikers Hamada Ben Amor alias El Général, der zur inoffiziellen Hymne der Jasmin-Revolution in Nordafrika aufstieg.

Wie sehr das Regime des geflohenen tunesischen Präsidenten Ben Ali den Rapper fürchtete, zeigten die Ereignisse vom 7. Januar. An diesem Tag holten dreißig Polizisten in Zivil den Zweiundzwanzigjährigen in seinem Haus in der Hafenstadt Sfax ab. Über den Grund der Verhaftung und den Verbleib gaben sie keine Auskunft; Familienmitgliedern wurde lediglich beschieden, der Rapper „wisse schon, warum“.

Bald darauf wusste ganz Tunesien, warum: In einem Land, in dem der Altersdurchschnitt der Bevölkerung bei fünfundzwanzig Jahren liegt, ist kaum eine Stimme gefährlicher als die eines jungen Popstars – vor allem, wenn er wie Hamada Ben Amor einen bereits bedrohlich köchelnden Volkszorn in Worte fasst. In seinem Song adressiert der Rapper selbstbewusst den Präsidenten, spricht unverblümt von Armut, Polizeigewalt und der Willkür der Regierung und bezieht sich dabei ausdrücklich auf die Selbstverbrennung eines von den Behörden schikanierten Straßenhändlers, die letztlich den Funken zum Straßenaufstand lieferte. An der staatlichen Zensur wäre „Herr Präsident, Ihr Volk stirbt“ wohl nie vorbeigekommen. Auf Facebook aber entwickelte sich das Video über Nacht zum Hit, quasi zu einem viralen Aufstandsbeschleuniger.

Viele Tunesier hatten offensichtlich nur auf Zeilen wie diese gewartet: „Unsere Gesetze in der Verfassung / geben nur Dekoration ab / jeden Tag höre ich von Gerichtsverfahren / in denen die Armen betrogen werden.“ Die Nachricht von der Verhaftung des Rappers fachte die Flammen nur noch weiter an. Und da seine Texte auf Arabisch gehalten sind, rappten bald auch Jugendliche von Ägypten bis Jemen seine Botschaft mit.

Ben Amor ließ sich dabei von der Hiphop-Szene in Algerien inspirieren: Als 1988 die Proteste Jugendlicher gegen die Erhöhung der Lebensmittelpreise und das marode Bildungssystem von der Armee blutig – es sollen bis zu tausend Todesopfer gewesen sein – niedergeschlagen wurden, schoss die frustrierte Jugend mit scharfen Raps zurück. Auf schwarzkopierten Kassetten und CDs kursierten danach Songs über die sogenannten Oktobermärtyrer; Rap schien das geeignete Medium, um den Unmut gegen die Staatsmacht in Worte zu fassen, die Bevölkerung aufzurütteln, Gewaltexzessen und Behördenwillkür zumindest verbal die Stirn zu bieten.

Obwohl der algerische Staat und die Musikindustrie den jungen Rappern nur Steine in den Weg legten und Islamisten Jagd auf sie machten, zogen sie ein Millionenpublikum an. Zwar mussten viele von ihnen ins Exil flüchten. Doch die Politiker fürchteten sie als Sprachrohr einer verlorenen Generation. So machte der algerische Rapper Rabah Ourrad kurz vor der Präsidentenwahl 2004 Schlagzeilen, als er die politischen Missstände in seinem Land aufs Korn nahm, in einer Fotomontage seinen Kopf auf den Körper von Präsident Bouteflika setzte und dann auch noch als dessen Gegenkandidat auf Wahlkampftour durch Algerien aufbrach. Zwar wurde Bouteflika trotz allem wiedergewählt. Doch der junge Hiphop-Star hatte eine Gegenöffentlichkeit hergestellt, alle Medien hatten über die Texte des Rappers berichtet.

Ähnlich ansteckend wirkt nun Ben Amors „Herr Präsident, Ihr Volk stirbt“. In der arabischen Welt, wo das Internetportal Facebook längst zum wichtigsten Kommunikationsmittel der jungen Menschen aufgestiegen ist, machten bald weitere gesungene und gerappte Solidaritätsbekundungen die Runde. So war der ägyptische Superstar Tamer Hosny schnell mit einem Heldensong über die tunesischen Nachbarn zur Stelle: „Shuhada‘ uk ya Tunis Al Khadra.“ Was sich in etwa mit „Dein Martyrium, grünes Tunesien“ übersetzen lässt. Und die algerische Rap-Gruppe Karim El Gang inszenierte gar eine Art Revolutions-Gangsta-Rap mit Bildern brennender Straßenbarrikaden und dem tunesischen Präsidenten im Fadenkreuz.

Es ist wohl das erste Mal, dass arabischer Protest-Pop eine weltweite Öffentlichkeit findet. Bisher schien dem Westen seine Existenz so unwahrscheinlich wie die Möglichkeit eines Volksaufstandes gegen die autokratischen Regime. Tatsächlich blieben kritische Songs aufgrund von Zensur und der Übermacht eines auf blumige Amouren abonnierten arabischen Pops meist im Untergrund stecken. Ausnahmen waren Anti-Israel-Songs: Diese Zielscheibe gefährdete keine arabische Regierung und konnte sich auf die Zustimmung weitester Bevölkerungskreise berufen. „I Hate Israel“ nahm etwa 2001 der ägyptische Rapper Shaaban auf. Ein Multimillionär mit eigener Limousinen-Flotte, der – zumindest bis vor zwei Wochen – auch opportunistische Lobhudeleien auf Präsident Hosni Mubarak rappte.

Auf der anderen Seite stehen Solidaritätsvideos ägyptischer Untergrund-Hiphopper für Khaled Said, den von ägyptischen Polizisten für eine Internetkritik brutal zusammengeschlagenen Geschäftsmann aus Alexandria. Sein Name steht inzwischen für eine der meistbesuchten Facebook-Adressen Ägyptens: Die anonym eingerichtete Seite ist zum Organisationsforum der heimischen Menschenrechts- und Demokratisierungsbewegung herangewachsen, bündelt Nachrichten, Demo-Aufrufe und Videokommentare von Musikern und Rappern. Von hier aus verbreitete sich auch der vom jungen ägyptischen Rapper Halil verfasste Internethit „Taghyeer“ („Wechsel“): Zu Raps à la „Die Macht gehört uns“ überblendet er Bilder aus Tunis, wo Demonstranten Polizeikordons überrennen, mit Aufnahmen der heimischen Massenproteste. Symbolisch das Ende: Man sieht ein zerrissenes Porträt Mubaraks – während der Titel jaulend in sich zusammensackt, als ob jemand den Stecker des Plattenspielers gezogen hätte.

Es bleibt bezeichnend, dass sich diese Protestsongs amerikanischer Popformate bedienen. Offensichtlich geht es den jungen Demonstranten kaum um die Verteufelung des Westens. Dafür sprechen nicht nur die Abwesenheit islamistischer Spruchbänder, sondern auch die westlichen Beats, die ihre Botschaften untermalen. Amerikanische Hiphop-Websites übernehmen inzwischen einige arabische Videos und erklären wie das Blog popdust.com halb bewundernd, halb neidisch Ben Amors Raphymne zu einem „der einflussreichsten Hiphop-Songs aller Zeiten“. El Générals Zukunft zumindest ist gesichert: „Herr Präsident, Ihr Volk stirbt“ läuft inzwischen selbst in tunesischen Radiosendern, während der junge Star, von der neuen Freiheit beflügelt, an seinem ersten offiziellen Album arbeitet.

JONATHAN FISCHER
FAZ 2.2.2011

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.