Vom tödlichen Ernst der Liebe: 128 Millionen verkaufte Platten, ein hautenges Strass-Kostüm und der lange Weg zur unpeinlichen Noblesse – Neil Diamond wird siebzig

Neil Diamond hat schon immer polarisiert. Glaubt man Bob (alias Bill Murray) in dem Kinoklassiker „What About Bob?“ gibt es generell nur zwei Sorten Menschen: sie, die Neil Diamond mögen, und die, die ihn nicht mögen. Letzteren lieferte der Autor sentimentaler Evergreens wie „Sweet Caroline“, „Holly Holy“ oder „Red Red Wine“ reichlich Munition: Wie konnte man nur in hautengem Strass-Kostüm, aus dessen Ausschnitt das volle Brusthaar quoll, ins Scheinwerferlicht treten? Und dazu noch pathetisch den Zeigefinger gen Himmel recken?

Solchen Peinlichkeiten steht allerdings eine hübsche Erfolgsbilanz gegenüber: Offenbar reicht Neil Diamonds Sexappeal auch nach einem halben Jahrhundert Bühnenpräsenz aus, um Monat für Monat für ausverkaufte Stadien und glücklich gerötete Gesichter zu sorgen. Mehr als 128 Millionen Platten hat er bisher verkauft – in der Pop-Kategorie „adult contemporary“ waren nur Barbra Streisand und Elton John erfolgreicher. Die Monkees („I’m A Believer“), Elvis Presley („Sweet Caroline“), Deep Purple („Kentucky Woman“) und Johnny Cash („Solitary Man“) haben ihn gecovert – während sich hochkarätige Produzenten wie Chips Moman, Robbie Robertson von The Band und zuletzt Rick Rubin darum rissen, seine Baritonstimme musikalisch zu verpacken.

Was steckt hinter dem Erfolg diese oft diskreditierten Musikers? Es muss mehr sein als nur die Fähigkeit , eine eingängige Melodie nach der anderen aus dem Ärmel zu schütteln, dieses „crazy little thing called love“ mit schlichten, ergreifenden Worten einzufangen. Nein, Neil Diamond verkündet seine Schlagertexte wie ein Prophet die Wahrheit des Herrn: Die stets vom Verlust bedrohte Liebe, die Einsamkeit und die Sehnsucht nach Verschmelzung – seine Texte erzählen letztlich die Lebensgeschichte eines scheuen, von Selbstzweifeln geplagten Superstars, der allein auf der Bühne Erleichterung findet. In seinem wohl persönlichsten Song „I Am . . . I Said“ besingt er einen Frosch, der sich in einen König verwandelt. „Wenn mir etwas Gutes zustößt“, hat der Sänger seine Dauer-Düsternis einmal erklärt, „nehme ich es nicht ernst. Es könnte mir ja wieder weggenommen werden.“ So scheint Diamond dazu verdammt zu sein, als ewiger Sucher durch die Welt zu tingeln, seine Isolation bestenfalls hier und da mit einer Frau – er ist in dritter Ehe verheiratet – zu teilen. Und die Zuhörer mit dem gravitätischen Pathos seiner Stimme zu fesseln: Hier nimmt einer die Liebe eben doch tödlich ernst.

Diamond wuchs in Coney Island als Sohn jüdisch-osteuropäischer Immigranten auf. Aufgrund seiner Leistungen als Sportfechter erhielt er ein Stipendium an der New York University, warf aber sein Medizinstudium hin, als ihm ein Job als Songwriter angeboten wurde: im legendären New Yorker Brill Building, lange Zeit zu einem Wochenlohn von 50 Dollar – selbst dann noch, als er 1967 den Monkees ihren Welthit „I’m A Believer“ lieferte. Doch das Geld musste Diamond bald nicht mehr kümmern, schrieb er doch fortan für sich selbst Millionenseller wie „Cherry, Cherry“, „Solitary Man“ oder „Song Sung Blue“, und stieg aus dem Vorprogramm von Herman’s Hermits oder The Who zu einem der erfolgreichsten Live-Entertainer des Planeten auf. Selbst als seine Plattenverkäufe während der achtziger und neunziger Jahren etwas absackten, brachen die Tourneen immer noch Rekorde. Und Hand auf’s Herz: Wer hat nicht zumindest heimlich schon einmal eine Neil-Diamond-Melodie mitgesummt? Etwa zum UB-40-Cover von „Red Red Wine“ oder zu „Girl, You’ll Be A Woman Soon“ im Soundtrack von Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“?

Zuletzt hat Neil Diamond selbst die Kritiker überrascht: In der Zusammenarbeit mit dem Beastie-Boys – und Johnny Cash-Produzenten Rick Rubin fand der ewige Melancholiker seine Alterswürde. Auf ihrem 2005 aufgenommenen „12 Songs“ wie auf den beiden Nachfolgern „Home Before Dark“ und „Dreams“ schicken sie die seifigen Arrangements der Vergangenheit zur Hölle, um Diamond mit seiner Gitarre und der Intensität seines Gesangs in den Vordergrund zu rücken. Seit den Roots-Rock-Nummern der sechziger Jahre war die Schönheit seiner Songs nicht mehr so greifbar. Und auch als Bühnenfigur scheint Diamond gereift zu sein: Der einst rabenschwarze Schopf schimmert grau, in den kräftigen Bariton mischt sich ein seelenvolles Raspeln, dunkle Anzüge betonen die Grundstimmung seiner Songs. Auf seiner letzten Platte covert der Sänger, der eigenen Angaben zufolge kaum Freunde hat, Bill Withers „Ain’t No Sunshine“ und Gilbert O’Sullivans „Alone Again Naturally“. Nie klang sie unpeinlicher, die einsame Noblesse des „Solitary Man“ – nun feiert Neil Diamond seinen 70. Geburtstag.
JONATHAN FISCHER
SZ 24.1.2011

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.