Scharfsinnig: Der Rapper Talib Kweli verdient seinen Ruhm

Der Titel seines neuen, fünften Soloalbums „Gutter Rainbows“ (Blacksmith/3D), sagt der Brooklyner Rapper Talib Kweli, beziehe sich auf den Zauber, den er als Kind empfand, wenn sich in den Rinnsteinen Öl und Wasser mischten. Selbst auf Ghetto-Asphalt Schönheit zu finden, lyrische Funken aus der grimmigen Realität zu schlagen: Das ist das Programm Talib Kwelis, der seit 1997 als einer der wichtigen sozialkritischen Rapper der USA gilt. Auch auf seinem neuen, selbstfinanzierten Album verwechselt der von Kanye West und Jay-Z bewunderte Rapper Protest nicht mit flacher Didaktik. Seine Beobachtungen über Junkies, desillusionierte Armee-Veteranen und Sex-Raps stecken immer in einem außergewöhnlich trickreichen Reimgewand. Der Sog seines Silben raffenden Wortflusses entfaltet sich am besten über traditionellen Boom-Bap-Beats, die diesmal Untergrundproduzenten wie Marco Polo oder Oh No liefern. Der Titeltrack schwebt auf klassischem Siebziger-Jahre-Soul. „So Low“ und „Cold Rain“ haben all den Schmerz und die Erlösungssehnsucht eines Gospelgottesdienstes. In „Palookas“ richtet Kweli über die Mode-Torheiten der Konkurrenz. Einzig die ein, zwei allzu fröhlichen Upbeat-Nummern wirken deplatziert. In den besten Momenten dichtet der New Yorker so beseelt und scharfsinning wie sein Vorbild Gil-Scott Heron. Über welchen Rapper hat man das zuletzt sagen können?
JONATHAN FISCHER
SZ 26.1. 2011

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