Vom Traum zur Realität: Der Sampler „Yes We Can – Songs About Leaving Africa“

Millionen junger Afrikaner in den expandierenden Megacitys wie Nairobi, Lagos oder Dakar teilen denselben Traum: der Armut, der Arbeitslosigkeit und anderen düsteren Aussichten zu entkommen. Tagtäglich beschäftigen sie sich mit Fluchtplänen, tagtäglich denken sie darüber nach, wie sie nach Europa und zu einem gutbezahlten Job kommen könnten.

«Es herrscht in Afrika ein unerschütterlicher Optimismus», schreibt die englische Journalistin Rose Skelton im Booklet des von ihr zusammengestellten Samplers «Yes We Can: Songs About Leaving Africa». Selbst wenn die Chancen noch so gering schienen, sähen viele ihre Zukunft nur in der Emigration – in der Fahrt über den Atlantik in einem kleinen Boot oder in einem Wahnsinns-Treck durch die Sahara. Auch wenn bisher Zehntausende diese Flucht nicht überlebt haben, nehmen täglich Scharen junger Menschen die Odyssee erneut auf sich. Sie wollen den Traum von einem Leben realisieren, das sie nur vom Hörensagen kennen. Kein Wunder, dass sich die Migration auch in der afrikanischen Pop-Musik niederschlägt: Jeder der fünfzehn Songs auf «Yes We Can» greift das Thema aus unterschiedlicher Perspektive auf.

Wobei der Obama-Slogan etwas irreführend wirkt: Tatsächlich kommen hier zahlreiche Emigranten zu Wort, die recht ernüchternde Einsichten über das Leben im gelobten Land mitteilen. Wer die Überfahrt über Mittelmeer und Atlantik überlebt, mit Hilfe der Familien-Ersparnisse und korrupter Beamter ein Visum nach Europa ergattert hat, den erwartet kaum das schöne Leben, das Filme, Fernsehen und Videoclips suggerieren. Vielmehr werden die «Illegalen» als billige, rechtlose Arbeitskräfte ausgebeutet, in Strassenhändler-Kolonnen gezwungen, von der Polizei und fremdenfeindlichen Einheimischen schikaniert. Ihre Flucht scheint niemals zu enden.

Die tiefe Kluft zwischen Hoffnung und Realität beleuchtet etwa der in Berlin lebende nigerianische Rapper Raptorous: «Gimme the glitz, the glamour, the fame, the fortune, that euro, that dollar, that Dolce & Gabbana», fordert er in «Money Talk», um in einem Nebensatz einzugestehen, dass «die Dinge nicht immer halten, was sie versprechen». Wenn sein in London ansässiger Landsmann Modenine über die Nachteile seines nigerianischen Passes rappt, dann aufgrund eigener Erfahrung mit europäischen Zollbeamten: «Für sie bin ich nur ein weiterer grüner Pass. Potenziell kriminell, minimal intelligent.» Wegen negativer Erfahrungen wird der Sänger Izé in Paris vom Heimweh so sehr gepackt, dass er sich gar zur Rückkehr in seine kapverdische Heimat entschliesst. Andere Songs handeln vom Überleben als Kleinkrimineller auf europäischen Strassen («Lidl» vom Grime-MC Afrika Boy aus London), vom Heirats-Tourismus («Green Card» von Wanlov the Kubolor aus Ghana) oder vom Rassismus gegen die dunkelhäutigen Immigranten («Paris Canaille» vom französischen Rapper Rouda).

Ernüchternde Geschichten, die die Auswanderer oft aus Scham gegenüber ihren Familien, die ihnen die Reise finanziert haben, verschweigen. Dieses Tabu gehen Daara J Family direkt an: Als eine der wenigen senegalesischen Rap-Formationen, die es auch in Übersee geschafft haben, richten sie ihren Song «Unité 75» an die Zurückgebliebenen in Afrika: «Glaubt nicht, dass ich hier das Geld von der Strasse aufhebe / Polizisten fragen mich nach Papieren, die ich nicht habe / ich renne, bis mir der Atem ausgeht / nur um das bisschen für die Familie daheim zu verdienen? / Aber wenn ich meine Lieben daheim anrufe, fragen sie mich nicht, wie es mir geht / Einer sagt: Schick mir Geld! Ein anderer: Schick mir einen iPod / und ich beschwere mich nicht, dass ich nicht genug zum Essen habe / denn ich muss mein Ziel erreichen.»

Vom Druck, der auf den Auswanderern lastet, handelt auch K’naans «15 Minutes Away». Fünfzehn Minuten, die ein Geldtransfer via Western Union dauert, fünfzehn Minuten, die für diejenigen, die es in der Fremde geschafft haben, die Rettung ihrer Ehre bedeuten. Der somalische Rapper K’naan ist der bekannteste Musiker auf einem Sampler, der vor allem die urbanen Untergrund-Stars des afrikanischen Hip-Hop versammelt: vom aus Simbabwe nach Südafrika geflüchteten Rapper Zubz bis zum aus Côte d’Ivoire stammenden und in Nordamerika lebenden MC Boobah Siddik. Auch stilistisch überbrücken diese Songs Welten: von Elektro-Beats über Ragga, Polit-Hip-Hop bis zu kapverdischem Fanana oder Soukous-Pop aus Kongo.
Herausgeberin Rose Skelton – sie berichtet seit zehn Jahren von Dakar und London aus über die Flüchtlingsbewegung aus Afrika nach Europa – hat mit diesem Sampler besseren Anschauungsunterricht geleistet, als es Statistiken oder Zeitungsartikel jemals vermögen: Die Emigranten erzählen hier in ihren eigenen Worten, alle Texte wurden im Booklet ins Englische übersetzt. Und dann bürstet dieser Sampler auch gelegentlich wohltuend gegen die Klischees: So kommt mit Martin Pecheur etwa auch ein sogenannter «Sapeur» zu Wort, ein Dandy, der Luxus als Lebensstil und Religion propagiert. Und der Exil-Kameruner DJ Roch tanzt auf «Bigodra» den Coupé Decalé – jenes ivoirische Genre, mit dem sich Heimkehrer aus Europa in der alten Heimat feiern lassen und dabei ihren auf kriminelle Weise erworbenen Reichtum vorführen.
JONATHAN FISCHER
NZZ 21.1.2011

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.