Der Trickser: Amy Winehouse, Quentin Tarantino, Russell Crowe – warum sie alle tun, was der Hip-Hop-Produzent RZA möchte

„Hast du schon den Mond gesehen?“ Der Mann mit der mit der Aura eines Mönchs zeigt auf die mattgelbe Scheibe, die sich hinter der Silhouette eines Tannenwäldchens empor schiebt. Der Satz ist ein Zitat aus einem Bruce-Lee-Film. Eine Erklärung gibt der Mönch auch noch: „Du darfst nie vergessen, für die Schönheit um dich herum wach zu bleiben.“ Der Mönch ist RZA, einer der originellsten Hip-Hop-Produzenten der Gegenwart, 2011 könnte sein Jahr werden. Aber er zitiert nicht nur sehr gern aus der Geschichte des Kung-Fu-Films, sondern bemüht auch regelmäßig die Bibel, den Koran, Lotus Sutra oder Bagavad Gita. Auch wenn es nur um schwarze Straßenkultur geht: „Jesus muss einen derben Flow gehabt haben!“

Als der Produzent im vergangenen Sommer mit seiner berühmtesten Erfindung, dem Wu-Tang Clan , auf dem Splash-Festival in Dessau gastierte, stellte er sich ein paar Stunden vor dem Auftritt im überfüllten Zelt der Red Bull Music Academy den Fans. Als er eine selbstgebrannte CD, die ihm ein junger Besucher des Workshops auf die Bühne hinaufgereicht hatte, ins Laufwerk schiebt, herrscht gespannte Stille. Ein Synthesizer-Riff, irgendwo zwischen Kirmes-Techno und Kindergeburtstag, bollert aus den Boxen. Gut vierhundert Blicke richten sich auf den schmalen Mann mit Wollmütze und Hornbrille, dem der Hip-Hop einige seiner düstersten und rätselhaftesten Tracks verdankt. Aber RZA lächelt nur: „Ich schätze, junger Mann, Sie sind auf einen Dance-Hit aus, bleiben Sie dran, Respekt für ihren Einsatz.“ Ein Diplomat ist er auch noch. Zuvor hatte er dem Reporter offenbart, dass er sich regelmäßig auf seiner Ranch in den Bergen beim Holzhacken und stundenlangen Spaziergängen sammle. Er hatte von veganer Ernährung und Präsenz-Übungen geschwärmt. Und er hatte die Gewalt seiner Jugend mit dem zu frühen Abstillen junger überforderter Ghetto-Mütter in Zusammenhang gebracht. Wird der Kommandeur einer der Rap-Truppen demnächst Yoga- und Naturkost-Seminare geben? Eher nicht. RZA war vielmehr immer schon ein Trickser, einer, der es wie sein Vorbild Thelonious Monk liebt „falsch zu spielen, und dabei alles richtig zu machen“.

„Wu-Tang reagierte auf die Anbiederung des Hip-Hop an den Mainstream, so wie der Bebop auf den Swing reagierte.“ Die afroamerikanische Sagenfigur des Tricksers gilt nicht nur als Agent des Chaos. Der Trickser bringt auch die vorher unterdrückten Kräfte in eine neue Ordnung. RZA hatte damals einen Plan: „Ich bat die besten Rapper aus dem New Yorker Untergrund, sich für fünf Jahre meinem musikalischen Diktat zu beugen.“ Das war 1992 und RZA verteilte sogar die Noms de Guerre: Seine Männer nannte er GZA alias Genius Zig-Zag-Zig Allah, Ol’ Dirty Bastard, Ghostface Killah, Method Man, Raekwon, U-God, Masta Killa und Inspectah Deck. Und er komponierte ihnen nicht nur Film-Noir-Soundtracks auf den Leib, sondern entwarf ihnen auch so etwas wie eine eigene Ideologie, die von Comics, Bruce-Lee-Filmen und fernöstlicher Spiritualität inspiriert war. Wer sagte, dass das Genre am grauen Asphalt der Ghettos kleben musste?

Robert Fitzgerald Diggs (seine Eltern benannten ihn nach den beiden Kennedys) war Ende der siebziger Jahre bereits tief in die Straßenkultur New Yorks eingetaucht. Er sprühte mit zehn Graffitis, und geriet als Teenager wegen Drogendealens, Sachbeschädigung und Körperverletzung in Konflikt mit dem Gesetz. Von dem Geld, das er als Zeitungsverkäufer verdiente, kauft er sich Mixer, Mikrofon und Plattenspieler und fing an Demos zu basteln. Mit 17 nahm ihn Tommy Boy Records unter dem Namen Prince Rakeem unter Vertrag. „Hip-Hop war damals Pop mit Stars wie Will Smith, MC Hammer und Young MC. Und mein Label zwang mich, weichgespülte Songs mit Frauenchören aufzunehmen: ‚Ooh, we love you, Rakeem’, aufzunehmen.“ Viel eher trafen die bluesigen Soul-Balladen von Al Green und Isaac Hayes das Lebensgefühl seiner Kumpels im Ghetto – wenn sie nicht gerade vor einem Kung-Fu-Film saßen. Schon als Teenager war RZA fast jeden Tag mit seinen Cousins GZA und Ol’ Dirty Bastard in die heruntergekommenen Kinos in der 42sten Straße gepilgert, wo man für eineinhalb Dollar drei Kung-Fu Filme ansehen konnte. Später besorgte er sich Bücher über chinesische Kampfkunst, begann mit Atemübungen und trommelte daheim nach Shaolin-Manier mit nackten Knöcheln gegen die Wand.

Den letzten Kick gab ihm ein Film, der von einem Shaolin-Mönch erzählt, der aus dem Kloster ausgeschlossen wird, weil er das Shaolin-Wissen an den Rest der Welt weitergeben will: „The 36th Chamber“. Hip-Hop lebte schon immer von der radikalen Selbsterfindung der Protagonisten, warum also nicht die Sozialhilfe-Wohnblocks auf Staten Island mystifizieren und die Kumpels zum Sound klirrender Kampfschwerter rappen lassen? „Wir alle liebten diesen Kung-Fu-Film über acht Brüder, die betrogen werden, füreinander in den Krieg ziehen und bis auf einen dabei ihr Leben lassen. Da weinten selbst Ghetto-Gangster – schließlich fühlten wir uns auch um unsere Träume betrogen.“ Mit dem 1993 veröffentlichten Wu-Tang-Clan-Debütalbum „Enter The 36th Chamber“ holten sie sich ihre Träume zurück: Kung-Fu-Metaphern trafen auf den Slang der New Yorker Straßen stolpernde Bassfiguren auf schiefe Klavierläufe und staubige Blues-Samples auf minimalistische Polter-Beats. „Andere Produzenten dachten an Clubhits, an Radio- und Charterfolge. Mir war es wichtiger, die Aggression meiner MCs herauszuarbeiten. Vergiss die Tanzparty! Ich wollte Musik machen, zu der man aus dem Gefängnis ausbricht.“

Mit derselben mönchischen Disziplin, mit der er unter Anleitung eines chinesischen Meisters in Manhattans Shaolin-Tempel trainiert und Pilgerreisen zum echten Wu-Tang-Kloster in China unternimmt, geht er auch die Musik an. Mangelndes theoretisches Wissen macht er dabei zu einem Vorteil: „Ich fügte zusammen, was für meine Ohren passte – egal wie disharmonisch oder neben dem Beat es klang. Am Ende ergab sich daraus ein ganz eigener Puls, eine neue höhere Ordnung: Simple and slightly fucked up.“ Selbst Vokalparts behandelt RZA wie Instrumente, verfremdet sie mit Verzerrungseffekten. Den Sampler benutzte er wie ein Musikinstrument und nicht wie üblich nur als Kopiermaschine.

Inzwischen haben in seiner Musik weichere, souligere Klänge die gehämmerten Pianomotive abgelöst. Seine Filmmusiken für Jim Jarmusch („Ghost Dog“) oder Quentin Tarantino („Kill Bill“) eröffnetem dem Hip-Hop ein ganz neues Feld. Die RZA-Erfindung, Soul-Samples zu beschleunigen oder zu verlangsamen ist heute dank Schülern wie Kanye West längst ein eingeführtes Pop-Manöver. Der Meister selbst ist längst einen Schritt weiter. Er hat das Klavierspielen gelernt. Und als er merkte, dass er nie so gut wie Bill Evans oder Thelonious Monk werden würde, tauschte er es gegen eine E-Gitarre ein. Nun sitzt er jeden Abend auf dem Hotelzimmer und arbeitet 3000 Rocksongs, die ihm ein befreundeter Musiker auf seinen iPod gespielt hat, Stück für Stück ab. „Ich habe Streicher in den Hip-Hop gebracht, jetzt will ich Gitarren ins Spiel bringen. Einige meiner Wu-Tang-Rappern nennen es ‚Hippiemusik‘. Aber was soll so falsch daran sein, Hip-Hop endlich aus dem Ghetto herauszuholen? Es ist nun mal schon lange keine Musik mehr für schwarze Großstadtclubs, sondern für die ganze Welt.“

In einer Zeit in der die großen Plattenfirmen fast ausschließlich in Dance Music investieren – lediglich Acts wie Lady Gaga bekommen noch teure Videos und Radio-Werbung – ist der Trickser gefragter denn je. Kanye West hat sich bei seinem wegweisenden neuen Album „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ für mehrere Tracks von RZA helfen lassen. Beide zusammen werden sie von April an das nächste Wu-Tang-Clan -Opus produzieren. Und Amy Winehouse ist eigens nach Shanghai geflogen, um RZA als Produzent für ihr neues Album zu gewinnen. Dort drehte er gerade seinen ersten Kinofilm: „Man With The Iron Fists“. Es ist ein Remix eines Bruce-Lee-Klassikers. Und, glaubt man RZA, „visueller Hip-Hop“. In Umkehrung der alten Rollenverteilung wird er selbst Regie führen und seinen Freund und Berater Quentin Tarantino mit dem Soundtrack beauftragen. Universal übernahm Vertrieb und Finanzierung des millionenschweren Projekts, Russell Crowe sofort die Hauptrolle. Selbst auftreten wird RZA natürlich auch. Als Schmied, mit zwei eisernen Armprothesen.

JONATHAN FISCHER
Süddeutsche Zeitung, 18.1.2011

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