Verletzlich und todesmutig – Der Folksängerin, Naturschützerin und Hippie-Heiligen Joan Baez zum Siebzigsten

Zuletzt machte Joan Baez mit einem Sturz Schlagzeilen: Sie war beim Abstieg von ihrem Baumhaus auf ihrem Grundstück bei San Francisco ausgerutscht. Baez pflegte seit zwei Jahrzehnten in dem Bretterverschlag in sieben Metern Höhe unter freiem Himmel zu schlafen, zu meditieren, Gitarre zu spielen. Irgendwie schien der Ort nur zu gut zu dieser Frau zu passen: Zur Hippie-Heiligen und Naturschützerin, die sich noch immer gerne öffentlichkeitswirksam Baumbesetzergruppen anschließt, wie auch zur Politaktivistin, die mit ihrem unverschämten Idealismus ein wenig über den irdischen Tatsachen zu schweben schien. „Nur ihr und ich zusammen“, sagte Baez einmal zu ihrem Publikum, „können die Sonne dazu bringen, jeden Morgen wieder aufzugehen.“

Die Aura der Weltenretterin gehörte schon immer zu Joan Baez. Noch immer sammelt die Galionsfigur der Gegenkultur der sechziger Jahre Hunderttausende Flugmeilen, um Marschierern und Menschenrechtlern in aller Welt Mut zuzusingen. Gab es je eine Groß-Demo ohne Joan Baez? Die Königin des Protestsongs unterstützte Lech Walesas Solidarnosc-Bewegung, holte 1987 in der Tschechoslowakei den Bürgerrechtler und späteren Präsidenten Tschechiens, Vaclav Havel, zu sich auf die Bühne, trat für die von Vertreibung bedrohten Farmer in Los Angeles, für die Mütter der Verschwundenen in Chile und Argentinien auf, und sang für Kriegsflüchtlinge, Schwule, Lesben und Todesstrafen-Gegner. Zuletzt widmete sie auf YouTube den friedlichen Demonstranten in Iran die Neufassung ihres berühmten Songs „We Shall Overcome“ mit einigen Zeilen in Farsi.

Man kann Baez Naivität vorwerfen, ideologische Einäugigkeit allerdings kaum: So verdarb sie es sich mit Teilen der Linken, als sie 1977 öffentlich die Menschenrechtsverletzungen der kommunistischen Machthaber in Vietnam geißelte. Was zählte, waren allein ihre pazifistischen Überzeugungen. Sie hatte es so gelernt. Der mexikanischstämmige Vater verweigerte als Physiker die Mitarbeit an lukrativen Militärprogrammen, und am Esstisch wurde über Gandhi und den Welthunger diskutiert. Baez erschütterte die Armut in Bagdad, wo ihr Vater zeitweise arbeitete – und eine Rede des jungen Martin Luther King Jr. 1956 an ihrer High School in Palo Alto. Da ahnte sie noch nicht, dass sie nur ein paar Jahre später neben dem schwarzen Bürgerrechtler durch Kleinstädte in Mississippi marschieren, und vor Kings „I Have A Dream“-Rede singen würde.

Angestachelt von den Songs Pete Seegers wagte sich Baez 1958 in den Coffee Houses rund um die Boston University erstmals auf die Bühne. Sie soll dort gleichzeitig verletzlich und todesmutig gewirkt – und manchmal Songs wegen Weinkrämpfen abgebrochen haben. Ein tödlicher Ernst umwehte ihre jungfräuliche Schönheit. Der Beiname „Madonna“ passte zu ihr, der ewig Verletzten. Ihr Aufstieg fiel mit dem Folkmusik-Boom der frühen sechziger Jahre zusammen. Ihre ersten zwei Alben, melancholische Balladen von Liebe und Mord, wurden große Erfolge. Kurze Zeit später war sie auf dem Cover des Time -Magazins.

Zum Protestsong aber brachte sie ein gewisser Bob Dylan. Baez hatte den noch völlig unbekannten Sänger 1961 eingeladen, mit ihr zu touren. Von ihrem Schützling und zeitweiligen Liebhaber lernte Baez, politische Ideen in Worte zu fassen. Schließlich wollte sie ihre Zuhörer weniger unterhalten als bewegen. Als sich Dylan vom Protestsong abwandte, erkaltete ihre Beziehung: „Ich glaubte, man könne die Welt verändern, er nicht.“ Baez ging nach der Blockade eines Militärstützpunktes für 45 Tage ins Gefängnis, heiratete den bekannten Kriegsdienstverweigerer David Harris, trat hochschwanger in Woodstock auf und reiste mitten im Vietnamkrieg nach Hanoi.

Wie aufopfernd, raunten die Fans. Wie verbissen-humorlos, lästerten die Kritiker. Dylan war cooler. Aber cool zu sein war nie das Ziel der Frau, die 40 Alben und nur wenige Hits wie „The Night They Drove Old Dixie Down“ oder „Diamonds & Rust“ einspielte. Heute spricht Baez von der Bewältigung ihrer Ängste in einer langjährigen Therapie, meditiert täglich 20 Minuten und wirkt auf der Bühne ungewohnt heiter. Die Erde hat Joan Baez zurück! An diesem Sonntag feiert sie ihren 70. Geburtstag.
JONATHAN FISCHER
SZ 8.1.2011

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