Am urbanen Lagerfeuer – Die Boombox kehrt zurück, jenes lautstarke Musikmonster von den Straßen der New Yorker Ghettos, das den Aufbruch des Hip-Hop markierte

Es ist noch gar nicht so lange her, da war die Boombox, jener übergroße Radiorekorder aus den siebziger und achtziger Jahren, das Symbol für eine rebellische schwarze Jugendkultur, aus der später Hip-Hop wurde. Deswegen war so eine Boombox auch der Fokus der Schlüsselszene in Spike Lees Film „Do the Right Thing“. Das verliert der italienische Pizzabäcker die Nerven, und bringt die brüllende Boombox des schwarzen Burschen in seinem Laden mit Hilfe eines Baseballschlägers zum Schweigen.

Wenn der Bursche Radio Raheem sich in einer Sekunde surrealer Stille mit ungläubigem Gesicht über sein verstummtes Kassettenradio-Monster beugt dann wird klar, dass hier mehr verhandelt wird als bloße Ruhestörung. „You killed my radio!“ Der Lautstärkeregler des Ghettoblasters hatte nicht nur für dessen Besitzer ein gewisses Territorium reklamiert, sondern vielmehr der schwarzen Nachbarschaft eine Stimme gegeben. Er stand für den rebellischen Stolz der Strassenkultur, die Selbstermächtigung der Ungehörten. Laut wie das Lebensgefühl im New York der Achtziger Jahre.

„Das Gehäuse einer Boombox verkörperte die Großstadt-Skyline“, hat der Musiker und Künstler DJ Spooky einmal erklärt. „Während seine Boxen ein Sound-Theater entfesselten, der Ohnmacht im urbanen Chaos einen mutigen Beat entgegensetzten.“

Ein Vierteljahrhundert später kehren die anachronistischen Maschinen zurück. Pop-Acts mit „Old school“-Attitüde bringen ihre Boombox auf die Bühne, im Internet gibt es unzählige virtuelle Boombox-Museen, während der renommierte New Yorker Fotograf Lyle Owerko das Phänomen im Bildband „The Boombox Project“ kanonisiert. Straßenszenen wechseln da mit Nahaufnahmen von Doppel-Kassettenlaufwerken, bullige Lautsprecherensembles, Leisten von Knöpfen, Schiebern, Pegelanzeigen, Lichterketten, die an das Cockpit eines UFOs erinnern.

An solchen Boomboxen hängen die Biografien einer ganzen Generation urban sozialisierter Jugendlicher. Wenn ihr Abbild heute Skaterschuhe, T-Shirts und Laptoptaschen ziert, dann spricht das für die ungebrochene Aura dieses Musik-Dinosauriers. Sehnsucht nach dem Bürgersteig-Basswummern aus verchromten Dreifach-Paar Lautsprechern? Inmitten der iPod-Kultur mit ihrem von Privatheit, Abgrenzung und Nichtkommunikation geprägten Musikkonsum scheinen die Soundungeheuer wie Boten einer vergessenen öffentlichen Rebellion, in der „Fight The Power“ und „Fight For Your Right To Party“ noch ein und dasselbe bedeuteten.

Das Zeitalter der Boomboxen fiel mit einer Reihe technischer Neuerungen zusammen, die die Popmusik für immer verändern sollten. Der Walkman machte Ende der Siebziger Jahre den Musikkonsum mobiler und gleichzeitig erschwinglicher. Wenn Sony dieses Jahr die letzten von bisher 220 Millionen produzierten Mini-Kassettenspieler ausliefert, dann mögen ein paar Kaufleute darin nur die Einstellung eines technisch anachronistischen iPod-Vorläufers sehen. Die Walkman-Nostalgiker trauern dagegen gerade seinen Nebengeräuschen nach: Dem Quietschen des Bandes beim Schnellvorhören, den ratternden Kassettenspulen, dem lauten Einrasten der Tasten. War nicht diese sinnliche, haptische Verpackung immer Teil des Musikgenusses?

Das erklärt wohl auch die emotionalen Nachrufe auf den ebenfalls seit Oktober nicht mehr produzierten Technics-1210-Plattenspieler, den Klassiker der DJ-Werkzeuge. Die Trauer gilt der Handarbeit: Dem Gefühl, mit den Fingerspitzen den schweren, Plattenteller an die richtige Stelle zu drehen und dann mit einem sanften Schubs zu beschleunigen. Auch wenn CD-Spieler und Computergestützte Systeme die Haptik eines Plattenspielers inzwischen nachahmen: Im schweren Chassis des 1210er mit seiner breiten Start-Stop-Taste und dem rötlich tanzenden Licht der Pitchcontrol, stecken nicht nur die Ursprünge ganzer Genres wie Hip-Hop und Techno, sondern auch die Aura des Unperfekten, Riskanten, physisch Herausfordernden .

Den Gipfel der Körperlichkeit aber verkörpert immer noch die Boombox. Als die Kästen Ende der Siebziger Jahre ins Monströse wucherten, gerannen sie zu urbanen Statussymbolen – je größer die Lautsprecher, je mehr Knöpfe, Lichter und Kontrollanzeigen, umso besser. Das blitzende Chrom einer Boombox signalisierte dieselbe Macho-Coolness, die heute Hummer und Escalades verkörpern. „I’m a man with a box that can rock the crowd“ rappte LL Cool J, und hievte eine Aufnahme eines JVC RC-M90, des damals größten und lautesten Radiorekorders überhaupt, auf das Cover seines Albums. Der Mann – und es waren fast immer Männer – mit der Boombox jedenfalls gehörte in den Achtziger Jahren zu den Respektspersonen des urbanen Dschungels. Er hatte nicht nur die nötigen Armmuskeln, sondern auch eine musikalische Mission und genug Selbstbewusstsein, diese notfalls gegen den Widerstand seiner Umwelt durchzusetzen. Dafür durfte er von seinen Mitläufern erwarten, sich an der Großpackung A-Batterien zu beteiligen, die alle paar Stunden fällig wurde.

Lyle Owerkos „Boombox Project“ setzt nun beiden ein Denkmal: Den großen Kisten, wie auch der Subkultur um sie herum. Linguisten datieren den Ursprung des Begriffs „Boombox“ auf das Jahr 1981. Spitznamen wie „Ghettoblaster“, „Beat Box“ oder der Londoner „Brixton Suitcase“ deuten auf seine anfängliche Identifikation mit sozial benachteiligten Großstadtschichten. „Sobald die Öffentlichkeit begann, diese gargantuanischen Kreationen zu umarmen“, schreibt Owerko, „brachten sie eine neue Form der Selbstdarstellung hervor.“ Die Boombox wurde zur lautstarken Erweiterung des Körpers.

Ursprünglich wollte der Fotograf und passionierte Boombox-Sammler nur die Nostalgie einfangen, die diese Maschinen umgibt. Doch er fand eine viel größere Geschichte: Nun erhellen auch Kurz-Essays und Zitate prominenter Zeitzeugen den Zusammenhang zwischen Boombox, urbaner Popkultur und der von DJ Spooky so genannten „Demokratisierung des Sounds“. Da erinnert Kool Moe Dee etwa daran, dass die Boombox das einzige Vehikel stellte, um den frühen Stimmen des Hip-Hop Gehör zu verschaffen. Und dann fiel ja nicht nur die Mixtape-Kultur in Hip-Hop und Reggae aus ihren Kassettenfächern. Sondern adoptierten sie auch andere Subkulturen als Waffe ihrer Wahl – von Punkrocker Joe Strummer bis zu Kurt Cobain, der das erste Demo von „Smells Like Teen Spirit“ auf seinem Henkelmann aufnahm.

Dreckig, basslastig, verrauscht: Zum ersten Mal war die Maschine, die die Musik abspielte, in perfekter symbiotischer Beziehung mit der Musik selbst. Ging es doch weniger um Hi-Fi-Sensibilitäten als um die Beschwörung einer widerständigen urbanen Gemeinschaft, die auch Sprayer und Breakdancer einschloss. So verglich die New Yorker Graffiti-Legende Fab 5 Freddy, dessen Boombox heute im Smithsonian Museum in Washington steht, das Phänomen in seiner Heimatstadt mit einem „sonischen Lagerfeuer“. Während der Hip-Hop-Historiker Adisa Banjoko die historische Linie gar bis zu afrikanischen Trommel-Ritualen zieht: „Die urbanen Strassentrommler mit den verchromten Boxen erinnerten jeden – ob er es wollte oder nicht – daran, was die Zeit geschlagen hat.“

Klar, dass so mancher aufatmete, als die lärmenden Musikmonster wieder von den Straßen verschwanden. Und doch haben sie ein Vakuum hinterlassen. Ein sinnliches und soziales Loch. Angesichts des allgemeinen Cocooning im Ohrenstöpsel-Reich der MP-3-Player, erscheint eine Figur wie Radio Raheem als Held und der gemeinschaftliche Lagerfeuerlärm wie eine Befreiung von einer erdrückenden Sprachlosigkeit. Gerade hat TDK den Nachbau einer Boombox auf den Markt gebracht. Im klassischen bulligen Kasten-Design. Nur das Kassettenfach fehlt. An seine Stelle ist nun ein Schacht für iPods getreten.
JONATHAN FISCHER
SZ 12.1.2011

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