Tiefschwarz – „Radio Citizen“ vertont Filme, die es leider gar nicht gibt

Es wurden schon einige sehr schmeichelhafte Vergleiche bemüht, um Radio Citizen , das Projekt des Münchner Multi-Instrumentalisten und Produzenten Niko Schabel, einzuordnen: Sun Ra, Quincy Jones, Tricky, Lalo Schifrin oder das Art Ensemble Of Chicago . Das wichtigste amerikanische Internet-Musikmagazin Pitchfork lobte Radio Citizens Debüt 2006 als „Soundtrack des großartigsten noch nicht verfilmten europäischen Spionage-Dramas“. Doch auch wenn es seitdem einige von Schabels Songs bis in Serien wie „Californication“ schafften – der Sound dieses Band-Experiments scheint noch nicht ausformuliert: Zwar bleibt das neue Album „Hope And Despair“ (Ubiquity) dem cinematografischen Klangdesign treu. Es werden auch ein Dutzend Genres von Ethio-Pop bis zum Free Jazz gestreift. Doch letztlich klingt es viel düsterer als der Vorgänger. Zusammen mit Musikern aus dem Umfeld von Embryo und der Express Brass Band schichtet Schabel schräge Bläserriffs, afrikanische Trommler und Dub-Effekte übereinander. Atmosphäre ist hier fast alles. Etwa wenn die Beat-Poetin Ursula Rucker auf „Test Me“ von schroffen Streichern und Holzbläsern angetrieben wird. Ein Song heißt „Isarwellen“. Der Münchner Fluss ist bei Schabel allerdings ein mysteriöser, tiefschwarzer Ausläufer des Nils.
JONATHAN FISCHER
SZ 15.12.2010

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