Eine Prise Schmerz mit viel Sirup: Cee-Lo Green und sein Gospelfunkrap

Wenn man sich die schwarze Popmusik als Schulklasse vorstellt, dann besetzt der aus Atlanta stammende Cee-Lo Green die Rolle des Klassenclowns. Er ist ein theaterspielender Alleskönner. Schon vor 15 Jahren, damals noch als Rapper des Goodie Mob, hat sich der gedrungene Typ mit dem Kastenschädel und den tätowierten Armen schrille Perücken aufgesetzt. Als er dann 2002 eine Solokarriere begann, wusste man nie so recht, ob er den nächsten Song im Star Wars -Kostüm oder in Frauenkleidern aufführen würde. Entsprechend spleenig wirkten seine Alben: Die Kritiker liebten Cee-Lo Greens zwischen Gospel, Funk und Rap oszillierende Musik, bejubelten ihn gar als fülligeren Wiedergänger von Prince. Dem Massenpublikum erschlossen sich seine Rollenspiele weniger. Zu esoterisch für die Hip-Hop-Jugend, zu aggressiv für die Soulgemeinde.

Man kann Cee-Los Metamorphosen als Spiegel seiner zerrissenen Lebensgeschichte begreifen: Der Sohn eines Paars von Baptistenpredigern singt zunächst im Gospelchor und strebt selbst eine Karriere als Prediger an. Später profiliert er sich als Hip-Hop-DJ und Rapper und wird, gerade erst 18-jährig, durch den Tod der Mutter aus der Bahn geworfen. Nur seine musikalische Leidenschaft rettet den Schläger und Autoknacker davor, ganz im kriminellen Milieu zu versinken. Seine Erfahrungen packt Green 2006 in eine zündende Popnummer: Crazy. Der Song, den er als Hälfte des Duos Gnarls Barkley einsingt, wird zum bisher größten Single-Hit des 21. Jahrhunderts. Vier Jahre hat Green gebraucht, um mit einem Solowerk nachzulegen: The Ladykiller – ein Soulalbum mit Cee-Lo in der Rolle des Frauenbetörers und Schwerenöters.

Dass der Mann inzwischen weiß, wie man Massenappeal buchstabiert, beweist die über 20 Millionen Mal im Internet angeklickte Vorabsingle Fuck You! Keine handelsübliche Obszönität, sondern der Aufschrei eines verlassenen Liebhabers, der seine Ex mit neuem Freund im Ferrari vorbeirauschen sieht: »Er ist für dich eine X-Box / ich bin nur ein Atari«. Sarkastisch verpackt Green die Tragödie einer unerwiderten Leidenschaft in einen unwiderstehlichen Fingerschnipper; selbst der Motown-Chef Berry Gordy käme wohl kaum umhin, anzuerkennen, dass der Song Mitpfeifqualitäten hat. Von einem Pastiche der goldenen Soul-Ära aber ist Cee-Lo Green weit entfernt: Er beugt die Regeln, flucht, wann immer es ihm passt. Außerdem hat er eine Reihe erstklassiger Hip-Hop-Produzenten als Kulissenbauer für seine selbst geschriebenen Songs engagiert. Das Ergebnis wirkt wie ein barocker Gegenentwurf zum Minimalismus des zeitgenössischen Rhythm ‚n‚ Blues: mit Gospel-Beats, den Aaahs und Ooohs des Backgroundchors, opulenten Streichern, Glockenspiel…

Auf The Ladykiller hat Cee-Lo Green endlich das passende Korsett für seine expressiv knödelnde Stimme gefunden: In den Songs schwingt bei aller Kraftmeierei stets auch ein wenig Verzweiflung mit. Oft sind die Geschichten von erkalteten Affären und wiedereroberten Lieben nur ein Vorwand, um den schmachtenden Crooner voll auszuspielen und nach altem Motown-Rezept eine Prise Schmerz mit viel Sirup aufzukochen.

Zum Glück aber haben einige von Greens exzentrischen Charakterzügen die geschliffene Produktion überlebt. So reicht das Spektrum von der Neo-Disco-Nummer Bright Lights Bigger City über die als Forget You entschärfte Vorabsingle bis zur düster-intensiven Mord-Ballade Bodies, in der er von einer Frauenleiche auf seinem Bett flüstert. Für den Tanztee taugt diese Platte nur bedingt. Spannender aber als die braven Retro-Soul-Nummern in den Charts dieser Tage ist Cee-Lo Greens Freak-Show garantiert.
Jonathan Fischer
DIE ZEIT 18.11.2010

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