Niemand geht in den Club, um nachzudenken: In New Orleans dominieren Transvestiten die Hip-Hop-Szene: Ist „Sissy Bounce“ nur versaute Powackelei oder das nächste große Pop-Ding?

„Duck Off“, das bedeutet in etwa „Untertauchen“, steht in Neon-Lettern über dem unscheinbaren Schuppen an der Thureaud Avenue in New Orleans’ rauem 7th Ward. Doch schon wegen der auf dem Mittelstreifen geparkten Autokolonnen samt einiger Einsatzwagen des New Orleans Police Department ist der Club kaum zu verfehlen. Nach dem Passieren eines Waffendetektors, der aussieht wie ein wackliges Metalltor, wird der Besucher von zwei schrankbreiten Typen abgeklopft. „Okay, Sir“. Dann erst öffnet sich die Türe zum Club, der eigentlich nur ein schwach beleuchteter langer Raum ist mit niedrigen Decken, Linoleumboden und einer Kabine in der offensichtlich ein DJ an der Arbeit ist – und vor dessen Sichtfenster zwei tätowierte und aus ihren übergroßen Polos quellende Türsteher die Arme verschränken, als ob hier ein Geldtransport gesichert werden müsste. Die Stimmung schwankt zwischen Vorfreude und latenter Aggression. An den Wänden lungern Jungs mit blitzenden Sonnenbrillen. Doch den größten Teil des Clubs nehmen junge Frauen mit strassbesetzten Medaillons in hautengen Tops und Leggins ein. Gelegentlich nehmen sie für ein paar Takte den erbarmungslos knatternden Bounce-Beat auf. Mit anderen Worten: Sie bewegen ihre Becken ruckartig hoch und runter. Auf allen Vieren. Und in einer Frequenz, die selbst die zerhackten Gesangsparts dieser lokalen Hip-Hop-Spielart mehrfach überholt.

Doch das sind nur Aufwärmübungen. Alle warten hier auf den Star des Abends, den Rapper, pardon die Rapperin, die die Tanzfläche in Wallung bringen soll: Sissy Nobby. Die angestaute Spannung im Club entlädt sich in einer wilden Prügelei zwischen einem halben Dutzend Frauen. Dann, kurz vor zwei Uhr nachts der erlösende Schrei: „Nooooubeee!“ Eine dickliche kleine Energiekugel im Leopardentop und mit bunter Plastikbrille tanzt herein. „Nooouubeee!“ Wenn Bounce-DJs routinemäßig die Melodien ihrer Songs zerhacken, dann imitiert Nobby diesen Sound mit stotternden Raps. „Do it baby, stick it! Like a sis – sis – sis – sissy!“ Nobby ist biologisch gesehen zwar ein Mann. Doch lässt er sich gerne als Frau anreden. „Sissy“ oder „Schwuchtel“ mögen anderswo Schimpfwörter sein – in New Orleans nicht, hier schmückt er die Stars der örtlichen Bounce-Szene: Sissy Jay, Sissy Gold oder die Gruppe Sissies With Attitude. Auch Katey Red, Big Freedia und Vockah Redu kündigen sich gerne als „Sissies“ oder „Punks“ an.

Im Lexikon des Bounce steht der Begriff für homosexuelle, männliche Transvestiten. In New Orleans haben ihre Auftritte während des Mardi Gras Tradition, sind sie in Marching Bands und als Cheerleader vertreten. Doch seit einiger Zeit laufen die Sissies auch im Hip-Hop ihren heterosexuellen Kollegen den Rang ab. Die jüngsten Bounce-Hits jedenfalls gehen fast ausschließlich auf ihr Konto. Und hebeln ganz nebenbei einige der ungeschriebenen Gesetze des extrem homophoben Südstaaten-Hip-Hops aus den Angeln: Wo hat man hier schon einmal Typen gesehen, die nicht nur ungeniert Frauentänze aufführen, sondern dabei auch noch über schwule Sexualität schwadronieren?

Offensichtlich funktioniert Bounce nach ganz eigenen Spielregeln: Zwar befeuerten die Beats dieser Hip-Hop-Spielart schon Hits von Superstars wie Lil’ Wayne oder Beyoncé, letztlich bleibt der sogenannte Sissy Bounce stark lokal verwurzelt. So bemühen etwa Rapper hier selten die Sprachfinessen ihrer New Yorker Kollegen. Viel wichtiger ist die Interaktion mit dem Publikum: „Shake it for the 6th ward, work it for the 7th ward!“ kiekst Nobby ins Mikro. Die Angesprochenen johlen zurück. Selbst im Rahmen der Stadtaufwertung kürzlich planierte Sozialsiedlungen werden rituell ausgerufen. Jenseits aller sexueller Identitäten geht es um einen gemeinsamen örtlichen Bezug über alle Genregrenzen hinweg. Ihre Call-and-Response-Vocals entlehnen die Bounce Rapper den traditionellen Chants der Black Indians, in prachtvollen Federkostümen auftretenden Tanztruppen. Nicht selten spielen Brassbands im Rahmen von Bounce-Parties und Bounce-Rapper gastieren ihrerseits auf Aufnahmen befreundeter Jazzmusiker wie Trombone Shorty, Shamarr Allen oder Kermit Ruffins. Das letzte Album der lokalen weißen Funkhelden Galactic vereinte gar ehrwürdige Soullegenden wie Allen Toussaint und Irma Thomas mit deren schwulen Enkeltöchtern Big Freedia, Katey Red und Sissy Nobby. Die New York Times bezeichnete New Orleans als „kulturelles Galapagos“.

Als Geburtsjahr der neuen Musikgattung Bounce gilt 1991. Damals veröffentlichte MC T. Tucker den Song „Where Dey At“, ein Chant, der über einem rohen, abgespeckten Beat einzig und allein auf maximale Tanz-Animation abzielte. Derselbe, „Triggaman“ genannte Rhythmus hat seitdem nicht nur Tausende nachfolgender Bounce-Songs unterfüttert. Er inspirierte auch die Entstehung verwandter und kommerziell sehr erfolgreicher Spielarten des Südstaaten-Rap wie etwa Crunk. Ebenfalls relativ schlicht – oder traditionsbewusst – sind die Raps: Die hektischen „Chop and cut“- Beats lassen keinen Platz für langatmige Geschichten. Also werden altbewährte Phrasen, Schlagwörter und gnadenlos eindeutige Beschreibungen von Sexualakten rekombiniert. Die Sissy Rapper haben hier lediglich die Beziehungsebene verschoben: Sie spielen mit Beinamen wie „dick eater“. Und hellen die Beatwalzen durch leichtere Disco-Samples auf. Vor gut zehn Jahren brachte Katey Red, ein knapp 1,90 Meter großer schwuler Transvestit aus den Melpomene Projects, das erste Sissy Bounce Album auf den Markt: „Melpomene Block Party“.

Seitdem hat die heute 31-jährige Katey Red durchschnittlich fünf Auftritte pro Woche absolviert und die Tür für eine ganze Reihe von Sissy Rappern geöffnet. Einige von ihnen tragen Perücken und Frauenkleider, andere wie Sissy Nobby definieren sich eher über ihre Sprache und ihren Tanzstil. „Schwule haben es im Alltag in New Orleans nicht leichter als anderswo“, sagt Nobby, „aber wir werden geliebt, wenn wir auf der Bühne stehen“.

Die Sissies können auf eine lange Pop-Geschichte schwuler und schwarzer Transvestiten und Showmänner zurückblicken: Esquerita und Little Richard gehörten mit ihrer dicken Schminke und den pomadierten Frisuren ebenso dazu wie die New Orleans Legende Patsy Vidalia. In Frauenkleidern präsentierte der schwule Entertainer von den vierziger bis in die sechziger Jahre das Programm des legendären „Dew Drop Inn“ Clubs, seine Drag-Kostüme waren Stadtgespräch. Mindestens ebenso berüchtigt war der gelegentlich crossdressende Soulsänger Bobby Marchan: Lange nach dem Versiegen seiner lokalen Hitsträhne organisierte er einige der ersten Hip-Hop-Shows für das Cash Money Label (das den Rapper Lil’ Wayne hervorbringen sollte). Gemeinsame musikalische Interessen wiegen in New Orleans schwerer als homophobe Berührungsängste. Doch ob die flamboyanten Sissy Stars den Hip-Hop wirklich vom Testosteron-Wahnsinn befreien können?

Sissy Nobby bringt jedenfalls eine Ausgelassenheit auf die Bühne, die dem in Machismo erstarrten Hip-Hop leider allzu oft fehlt. Ein halbes Dutzend Mädchen – es bleibt unklar, ob sie Teil der Show sind oder bloß begeisterte Fans – reihen sich rund um Nobby, strecken ihm ihre vibrierenden Hinterteile entgegen, und führen den typischen hypersexualisierten Tanz des Bounce auf: „Pop and Wobble“. Die Tanzfläche füllt sich mit jungen Frauen, die es ihnen nachtun. Und jetzt wird deutlich, dass sie, wie bei den meisten Sissy-Bounce-Shows, die Mehrheit des Publikums stellen. Klar ist auch, dass die Männer kaum wegen der schwulen Sex-Raps gekommen sind – sondern um den Frauen beim Tanzen zuzuschauen. Und Nobby selbst? Sie hüpft mit dem Mikro herum, als ob sie Wespen in den Turnschuhen hätte. Macht sich über Männer lustig, die nicht zu ihrer schwulen Orientierung stehen und beugt sich plötzlich selbst nach vorne. Kreischkonzert: Auch Sissies können den „Pop and Wobble“! Vielleicht erklärt die Party-Euphorie im „Duck Off“, warum Millionen Fans Sissy Nobbys Videos wie „Spining Top“ oder „Arch Yo Back“ anklicken, obwohl es da kaum mehr zu sehen gibt als amateurhaft gefilmte Powackeleien. Ob der Sissy-Boom bald auch über New Orleans hinauskommt?

Katey Red und Big Freedia haben zuletzt erfolgreiche Tourneen absolviert, die sie bis nach Brooklyn führten. Doch die Major Labels trauen sich nicht dran an den Sissy-Rap. Noch nicht: Die Raps klängen für ein Publikum nördlich der Mississippi-Hafenstadt doch etwas zu einseitig versaut. Nobby juckt das nicht: „Die Menschen in New Orleans gehen nicht in den Club, um über Texte nachzudenken – sie wollen die Energie spüren. Den Blues wegtanzen. Und sich vergewissern, dass sie immer noch leben!“
JONATHAN FISCHER
SZ, 16.11.2010

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