Gecko Turners Weltmusik: Geschickt geklaut

Das häufigste Adjektiv, das Gecko Turner angehängt wird, lautet: „cool“. Doch man tut dem spanischen Singer/Songwriter damit Unrecht. Cool: Das suggeriert abgefeimten Cocktail-Samba oder unterkühlten Jazz, und mit dieser Sorte Bar-Berieselung hat Turners Musik so wenig zu schaffen wie sein Vorname mit einer Affinität zu Kleinreptilien. Es ist schwer, eine Genrebezeichnung für die Mixtur des ekzentrxischen Spaniers zu finden. Aber wer sich die swingendsten Songpassagen von Beck, José Feliciano, Seu Jorge und dem Bob Dylan der „Basement Tapes“ ins Gedächtnis ruft, afrikanische Rhythmusschleifen und ein wenig kubanische Son-Melancholie dazu addiert, der kommt dem Soul von Gecko Turner näher. Seiner Wärme. Seiner Leichtigkeit. Dem sonnendurchfluteten Ambiente einer Musik, die das Schwere im Leben nicht leugnet, aber vor allem entschlossen ist, seiner Schönheit keinen Widerstand entgegenzusetzen.

Und so tönt auch Turners drittes, kommende Woche erscheinendes Album „Gone Down South“ (Lovemonk) wie die Quintessenz eines langen, heißen Reisesommers – eine Souvenirsammlung aus den wärmeren Ecken des Globus, die der selbsternannte Afrobeatnik zu einer bunten Perlenkette auffädelt und mit entwaffnendem Charme vorträgt. Man könnte den Eklektizismus des Spaniers für vermessen halten. Schließlich hat er sich auch auf seinen Vorgängeralben stilistisch nie festgelegt, keine Originalitäts-Meise wie sein Landsmann Manu Chao entwickelt, sondern lediglich geschickt zusammengeklaut, montiert, collagiert und neu eingefärbt, was ihm an Strandgut vor die Füße geschwemmt wurde. So wagte er etwa auf seinem Debüt „Guapapasea“ (2004) ein spanischsprachiges Cover von Dylans „Subterranean Homesick Blues“, das selbst der Autor kaum noch erkennen würde.

Auch „Gone Down South“ lebt von der Kreolisierung musikalischer Stilrichtungen, die sich sonst kaum einmal auf ein und demselben Album fänden, etwa dem swingenden Trompetensound des Brasilianers Irapoan Freire, dem Soulgesang des spanischen Gastvokalisten Gene Garcia oder den Son-seligen Klimpereien seines kubanischen Pianisten Javier „Caramelo“ Maso. Dazu stoßen bisweilen noch ein Rapper, eine Flamenco-Gitarre oder, wie auf „Mbira Mbira“, ein südafrikanisches Daumenklavier. Das Großartige daran aber ist gar nicht die Originalität jedes Einzelsongs, sondern die Chuzpe, mit der Gecko Turner in die Auslagen der Weltmusik greift, wie er sich anverwandelt, was auch immer seinem spanischen Soul dienlich ist.

Den Mut dazu fand er erst mit den Niederschlägen seines Lebens. Als Zwanzigjähriger hatte Gecko Turner die Madrider Szene, wo er Indierock-Bands wie den Animal Crackers als Frontmann diente, für ein Straßenmusiker-Leben in Londoner U-Bahn-Stationen verlassen. Hier war er seinen Britrock-Vorbildern vermeintlich näher, hier lernte er aber auch die schwarze Musik Amerikas kennen und schätzen: Leadbelly und Lightin‘ Hopkins, Don Cherry und Dizzy Gillespie. Letzterem folgte er gar auf dessen Europa-Tournee.

Dann holte ihn kurzzeitig das bürgerliche Leben ein. Turner ging zurück nach Spanien, fand eine Anstellung in einer Bank, legte seine Musik als Jugend-Spleen zur Seite. Bis ihn der Tod seiner Frau erschütterte: „Das Leben ist kurz“, sang Gecko Turner auf seinem Debüt und lieferte damit auch die Erklärung, warum er seinen Bankjob kündigte, um die Leidenschaft nicht aufzuschieben. In Spanien stieg er sehr schnell zum gefeierten Star auf. Im Rest von Europa hörte man – bis auf euphorische Lobeshymnen etwa von Insidern wie Will Holland, Kopf der englischen Funktruppe Quantic – kaum etwas von dem Soul-Exzentriker.

Das mag einerseits an den stilistischen Sprüngen – und somit der unmöglichen Kategorisierung – des Spaniers liegen, andererseits daran, dass manche Kritiker sich schwertun, eine Musik ernst zu nehmen, die so klingt wie die Beschallung einer Strand-Bar mit brasilianisch-jamaikanischer Soulfood-Küche, in der alles nebeneinander leben darf, ein Tanz mit jedem jederzeit möglich scheint. Vor allem aber möchte Gecko Jones lokale Akzente nicht für die große Linie opfern. Zu diesem Zweck lädt der Musiker auf seinem neuen Album nicht nur einen brasilianischen Perkussionisten und eine Handvoll kubanischer Jazzer ein. Er hat verschiedene Songs auch in unterschiedlichen musikalischen Klimazonen des Globus aufgenommen, etwa in Texas, in Kalifornien, in London und Madrid.

Entsprechend wechselt Turner auch die Idiome: Neben dem Spanischen singt er auch in Englisch oder Portugiesisch. Und wer ahnte schon vor „Gone Down South“, wie viel Heiterkeit ein bisschen Latin-Funk dem alten Mississippi-Blues bescheren kann? Die eigentliche Rechtfertigung des Albumtitels aber liefert der Auftaktsong „Truly“. Ein Soulstück, das sich weniger im tragisch überfrachteten Gospel rückversichert, sondern nur noch den Rahmen liefert für die versöhnliche Botschaft des Lebenskünstlers Turner: Nimm das Kleine wichtig, das ganz Große leicht!
Jonathan Fischer FAZ 18.9.2010

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