Pardon wird nicht gegeben: Eine CD-Box dokumentiert die Resonanz, die der Vietnam-Krieg in der amerikanischen Popkultur gefunden hat. Das Protestmilieu war den Patrioten musikalisch überlegen.

Die Radios verbannten den Anti-Vietnam-Song „The Draft Dodger Rag“ von Phil Ochs aus ihren Listen, das FBI beschattete den Liedermacher kontinuierlich, rechte Organisationen wie die John Birch Society forderten gar Konzertverbote für „subversive“ Künstler wie ihn. Das Mainstream-Amerika reagierte gereizt: Die gesungene Aufforderung, sich der Wehrpflicht zu entziehen, sollte nicht noch mehr amerikanische Jugendliche mit einem Virus infizieren, der laut Vizepräsident Spiro Agnew von einem „Zoo von Brandstiftern, Panthers, Hippies und Yippies“ verbreitet wurde und „das Land zu zerreißen“ drohte.

Nichtsdestotrotz entwickelte sich „The Draft Dodger Rag“ zu einem auf dem College-Campus viel gesungenen Untergrund-Hit, neben Country Joe & The Fishs „I-Feel-Like-I’m-Fixin-To-Die-Rag“, Bob Dylans „Masters Of War“ oder „Saigon Bride“ von Joan Baez – Songs, die den tiefen Graben zwischen liberalen Studenten und dem von einem patriotischen Krieg überzeugten Establishment illustrierten und die gleichzeitig ein Novum in der Geschichte darstellten: Vietnam war wohl der erste Krieg, der begleitend in den Schützengräben der Popkultur ausgefochten wurde. Musikalisch geschossen wurde dabei von beiden Seiten – hier eher untermalt von Folk-, Rock- und Soulklängen, dort meistens im Kontext von Countrymusik.

Mehr als dreihundert dieser Songs haben nun die Archivare von Bear Family Records in einer Box zusammengetragen: „Next Stop Is Vietnam – The War On Record: 1961 – 2008“. Die dreizehn CDs und das reich illustrierte Begleitbuch machen noch einmal klar, welche tiefen Wunden der Vietnam-Krieg in Amerika hinterließ – und vor allem, welchen symbolischen Stellenwert er im Kampf um die Selbstdefinition des Landes spielte: Waren nun die Kriegsbefürworter oder die Gegner die besseren Patrioten? Welche Aufgabe hatte Amerika in der Welt zu erfüllen? Und welche Opfer rechtfertigte ein Konflikt, den Muhammad Ali mit der spitzen Bemerkung „no Vietcong ever called me nigger“ zum fortdauernden Rassismus vor der eigenen Haustür in Bezug setzte?

So fanden sich denn in der Koalition der Kriegsgegner neben den studentischen Liedermachern und Hippies, den Underground-Rockern und Vertretern der Gegenkultur auch viele Soulsänger: Edwin Starr etwa mit seiner Antikriegshymne „War“, Freda Payne, die „Bring The Boys Home“ forderte, oder auch Marvin Gaye, der von den Berichten seines in Vietnam kämpfenden Bruders Frankie zu einem seiner stärksten Songs inspiriert wurde: „What’s Going On“.

Hier liegt der einzige Schwachpunkt der mit zahlreichen politischen Essays und historischen Bildern ausstaffierten Box: Das schwarze Amerika kommt in höchstens einem Dutzend Songs zu Gehör. Dabei hatte sich Martin Luther King Jr. das Thema auf seine Fahnen geschrieben, solidarisierte sich die Bürgerrechtsbewegung mit den Kriegsgegnern, ergriffen selbst Gospelbands wie die Staple Singers oder die Rance Allen Group eindeutig Partei.

Was die Herausgeber Bill Keesing und Bill Geerhart allerdings an Tondokumenten aufspürten, ist immer noch beeindruckend: Da kommen zwischendurch CBS-Reporter auf dem Kriegsschauplatz zu Wort, sind Präsidentenreden, militärische Statements, Feldaufnahmen von GIs und auch die Erklärung eines Demonstranten, der seinen Einzugsbescheid verbrennt, zu hören.

Eine thematische Gliederung ordnet die Songs nach Kriterien wie „Proud To Serve“ oder „Hell No – We Won’t Go“. So wird es noch deutlicher: Der Vietnam-Krieg polarisierte Amerika, brach die Grenzen zwischen den Künstlern und deren Publikum ein und trieb selbst manchen Amateur mit drastischen Texten ins Aufnahmestudio: „And if you burn your draftcard“, erklärt da etwa ein Werbeagent aus Grand Rapids, Michigan, „then burn your birth certificate at the same. From that moment on – I have no son“. Wer den Wehrdienst verweigert, der hat auch als Sohn ausgedient: Das war die Botschaft von Victor Lundbergs 1967 auf Liberty veröffentlichter Single „An Open Letter To My Teenage Son“.

Offensichtlich sympathisierten viele Amerikaner – später wurden sie zur sogenannten schweigenden Mehrheit erklärt – mit dieser Sorte Patriotismus. Bis auf Platz zehn der Billboard-Charts drang die Spoken-Word-Nummer vor. Lundberg durfte sie auf der Bühne der Ed Sullivan Show live vortragen, wurde für einen Grammy nominiert und provozierte nicht zuletzt ein gutes Dutzend Antwortsongs: Etwa „A Letter To Dad“ von Every Father’s Teenage Son oder auch Dick Clarks „Open Letter To The Older Generation“.

Der Briefverkehr zwischen den Generationen mag zwar die Fronten kaum versöhnt haben. Aber er erfasste am Ende selbst ganz und gar einer Protesthaltung unverdächtige Popstars: Wer hätte schon den Beach Boys zugetraut, auf ihrem Album „Surf’s Up“ an die vier an der Kent State University von Nationalgardisten erschossenen Anti-Vietnam-Demonstranten zu erinnern?

Und noch etwas offenbart diese Box: Die Popkultur hat seit dem Kriegsende 1973 ihren Blick auf die Vietnam-Veteranen revidiert. Wurden sie in den sechziger Jahren meistens als Verbrecher gebrandmarkt, galten sie spätestens seit den achtziger Jahren als romantische Helden und tragische Verlierer. Dazu haben wohl zahlreiche Hollywood-Produktionen wie Oliver Stones „Platoon“ beigetragen – aber auch die Songs der letzten drei CDs, auf denen Vietnam-Veteranen ihre persönlichen Rückblicke und Traumata formulieren und dabei moralischen Beistand von Popstars wie R.E.M., Steve Earle, Billy Joel oder Bruce Springsteen erhalten.

Manchmal gibt Vietnam da nur noch die Kulisse für das Schicksal von amerikanischen GI-Kindern aus Saigon ab – oder die Fußnote für einen neuen Krieg: Als in den neunziger Jahren der Persische Golf zum neuen amerikanischen Schlachtfeld wurde, erfasste eine neue Welle von War Songs das Land. Countrysänger Hank Williams III etwa warnt in „Don’t Give Us A Reason“ Saddam Hussein: „The desert ain’t Vietnam, and you got nowhere to run“.

Am Ende bleibt die Bilanz, dass die Kriegsgegner zumindest in musikalischer Hinsicht gewonnen haben. Ihre Songs werden bis heute weltweit in Schulen, auf Zeltlagern und Demonstrationen von immer neuen Generationen erlernt – und auf jeweils eigene Anliegen bezogen. Ob sie die Welt verändert haben? „Wenn dieses Werk dazu beiträgt“, sagt Country Joe McDonald im Vorwort, „über den Preis des Krieges nachzudenken, dann ist es vielleicht etwas wert. Aber wir haben für diese Lektion einen schrecklichen Preis gezahlt.“

JONATHAN FISCHER.
FAZ 4.9.2010

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