Rapper Rick Ross: Vom falschen Koks-König zum Knastwärter

Als rappender Gangsterboss sorgte er für Furore, dann deckte jemand seine wahre Vergangenheit auf: Rick Ross war bloß Knastbeamter. Die HipHop-Szene feiert ihn trotzdem als Superstar, denn sie zieht eine coole Lüge der lahmen Wahrheit vor. Und dann ist da natürlich dieser rauchige Bass.

Im HipHop zählt die richtige Camouflage mindestens so viel wie die beste Reimkunst: Das können selbst Authentizitäts-Apostel nicht leugnen. Besser gut inszeniert, als schlecht und echt. Und wenn Kindergarten-Jungs sich von Zeit zu Zeit als Indianer und Cowboys verkleiden, dann pflegen auch Rapper ganz ähnliche Rollenspiele: Trug Dr. Dre nicht vor „The Chronic“ als Mitglied der World Class Wrecking Crew diese schwarzen Ledereinteiler? Und hüpfte Tupac Shakur zur selben Zeit nicht als Background-Dancer von Digital Underground über die Bühne?

Am Ende landeten beide bei der HipHop-Lieblingfantasie: dem Gangster. Wer hier perfekt sein will, legt sich von Anfang an einen gefährlichen Namen zu. Capone-N-Noreaga, 50 Cent, Irv Gotti oder Freeway haben in dieser Hinsicht allesamt echte Kriminelle beliehen.

Seit vier Jahren hat sich ein weiterer Gangster-Darsteller zu ihnen gesellt: Rick Ross, benannt nach dem Drogenkönig, der für die amerikanische Kokain-Epidemie der achtziger Jahre verantwortlich sein soll. Schlagzeilen aber machte er zuletzt vor allem als Hochstapler. Vor zwei Jahren wurde seine einstige Anstellung als Gefängniswärter publik, der Rapper wurde nicht nur von Kollegen gedisst, sondern auch von seinem Namensgeber verklagt. Rick Ross geht aus diesen Querelen scheinbar gestärkt hervor: Mit seinem neuen Album „Teflon Don“ lässt er nicht nur alle Schmähungen an sich abperlen. Sondern legt einen großartigen, galant die Gangster-Mythologien aufgabelnden Klassiker vor.

Eine Masse Coolness

William Roberts alias Rick Ross – Jahre lang ein Mitglied der kaum außerhalb Miamis bekannten HipHop-Band Carol City Cartel – inszenierte sich bereits auf seinem Solo-Debüt „Port Of Miami“ (2006) ganz seinem Nom de guerre entsprechend: als Kokain-Größe, 200-Dollar-Zigarren-Raucher, als einer, der es gewohnt ist, im Maybach durch Florida zu rollen und Geschäftspartner auf der eigenen Yacht empfängt. Seine wuchtige 150-Kilogestalt, der Rauschebart, die Glatze, die nie abgenommene Sonnenbrille passten da gut ins Bild.

Nicht zuletzt klang Ross‘ erste Hitsingle „Hustlin“ bedrohlicher als alles, was seit 50 Cents Debüt unter dem Label Gangster-Rap erschien: raue Beats, Orgeltöne und diese heiser und autoritär daherkommende Bassstimme.

Kein Wunder, dass sich P Diddys Bad Boy Records, Irv Gottis Murder Inc und Jay-Zs Def-Jam-Label darum rauften, den rappenden Hünen unter Vertrag zu nehmen. Rick Ross kassierte schließlich den Millionenvorschuss von Def Jam – und erhielt eine für einen Newcomer äußerst kostspielige Produktion. Glaubwürdige Gangstergeschichten gehen immer. Und Ross‘ sagenhafte Reputation in den dunklen Ecken Miamis schien jeden Aufwand zu rechtfertigen.

Bis William Roberts sein alter ego zum Fallstrick wurde: Zwei Alben und einige Hit-Singles wie „The Boss“ lang hatte er die eigene Unterwelt-Vergangenheit großgeredet. Dann enthüllte die Webseite „The Smoking Gun“ Dokumente, die Rick Ross‘ Vergangenheit im Gefängnis und unter Kriminellen belegen. Allerdings auf der anderen Gitterseite: William Roberts durchlief eine Ausbildung als Gefängniswärter und arbeitete zwischen 1995 und 1997 als Angestellter des Department of Corrections des Staates Florida.

Fehde mit 50 Cent

„Ich habe nie einen Schwarzen verraten, belangt oder gar eingesperrt“, verteidigte sich der Rapper. Und zog eine Linie zwischen seiner angeblich nie geleugneten Vergangenheit und der eigenen Kunstfigur.

Doch nicht nur viele Fans waren enttäuscht – auch 50 Cent hatte einen idealen, weil bereits angeschlagenen Gegner für einen seiner berüchtigten Privatkriege gefunden. Der New Yorker Kollege schreckte dabei vor keiner Kinderei zurück: So führte er – begleitet von Kameras – die getrennt lebende Mutter von Rick Ross‘ Kind zum Einkauf in Luxusläden aus und erwarb ein Pornovideo einer weiteren Ex-Freundin des Möchtegern-Paten aus Miami.

Doch nicht genug der Prüfung: Der frisch aus dem Gefängnis entlassene echte Rick Ross strengte eine Zehn-Millionen-Dollar-Klage gegen den Rapper an – wegen des angeblich unrechtmäßigen Namens-Plagiats. Und mit dem neuen Album hat der HipHop-Star aus Miami auch noch die Nachkommen des „Teflon Don“ genannten Mafiabosses John Gotti gegen sich aufgebracht.

Jedem anderen hätten diese geballten Angriffe vielleicht das Genick gebrochen. Rick Ross aber scheint an den Widrigkeiten zu wachsen – und eröffnet „Teflon Don“ in Feierlaune. Sein Flow gleitet geschmeidiger denn je, die Mafioso-Klischees kommen gebrochen noch besser und die Musik überzeugt durch opulente Siebziger-Soul-Arrangements.

Nicht echt, aber stilecht

Auf Tracks wie „Free Mason“, „Live Fast Die Young“ oder „Maybach Music III“ bietet sein rauchiger Bass gar mühelos den gastierenden Schwergewichtskollegen Jay-Z, Kanye West und Jadakiss Paroli. Und dann stehen ihm auch noch die richtigen Produzenten bei: J.U.S.T.I.C.E. League, No ID oder West hüllen Ross‘ Raps in symphonische Grandezza und bauen die Theaterkulissen für seine Geschichten.

Schließlich ist Rick Ross weder ein Popdandy wie Kanye West noch ein virtuoser Irrer im Stil eines Lil‘ Wayne. Sondern ein cleverer Selfmade-Man, der seine Mythologie aus dem Leben anderer Leute zusammenbastelt. So dichtet er auf „MC Hammer“: „I got 30 cars, whole lotta dancers/ I take ‚em everywhere/ I’m MC Hammer“. Ein anderes Mal fantasiert er sich als Wiedergänger von Notorious B.I.G. Oder wagt es in der schmerzerfüllten Selbstbetrachtung „Tears Of Joy“ gar, eine Rede von Black Panther-Gründer Bobby Seale zu sampeln.

Nun, da niemand mehr Authentizität erwartet, gewinnen Rick Ross Selbststilisierungen noch an Unterhaltungswert. Selbst wenn alles nur Camouflage sein mag: „Teflon Don“ bietet großartigen Pop-Eskapismus. Nicht echt, aber stilecht inszeniert.
Jonathan Fischer
SPIEGEL ONLINE 1.9.2010

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