Monatsarchiv: Juli 2010

Das andere Südafrika: Die „Kwaito“-Stars Pastor Mbhobho und MGO in München

Wer im Fernsehen die offiziellen Feierlichkeiten der FIFA zur Fussball-WM verfolgte, sah zwar eine Menge Weltstars, einige lokale Rockbands und auch die eine oder andere Legende Südafrikas auftreten, doch die südafrikanische Jugendkultur blieb außen vor. Und das, obwohl die Hälfte der Bevölkerung des Landes unter 21 ist die jüngere südafrikanische Popmusik aller Armut und Kriminalität zum Trotz einen erstaunlichen Optimismus ausstrahlt. Kwaito heißt die spezielle südafrikanische Variante der House Music. Kwaito schallt dort immerwährend aus dem Radio, den Minibussen, den Märkten und Flughäfen, er befeuert Hochzeiten, Clubs und Demonstrationen, und natürlich die WM-Feiern in den Townships.

Längst machen die elektronischen Rhythmen unter dem Namen „Ghetto-Tech“ auch in hiesigen Clubs Furore, haben westliche Hip-Hop-Produzenten wie Diplo den Township-Funk als zukunftsweisende Blaupause entdeckt. Eine Mini-Tournee durch deutsche Clubs und Festivals brachte nun zwei südafrikanische Originale zu ihrem ersten Deutschland-Auftritt: Mgo und Pastor Mbhobho. „Ayoba!“ schallte ihr Party-Ruf durch das Gewölbe des Münchner Crux-Clubs. Zu deutsch: „Lasst uns gemeinsam feiern“.

Ein greller Off-Beat knallt aus den Boxen. Tiefe Synthie-Bässe lassen die Hosenbeine flattern. Dann springt Mgo auf die Bühne, ein Kwaito-Star aus Johannesburg, dessen Name übersetzt „streunender Hund“ bedeutet. Nun strahlt der Hüne in Kwaito-Uniform – Baumwollmütze, Khaki-Overall, Chucks – als ob er eine gefüllte Arena vor sich hätte: „Can you feel me, Munich?“ Seine Musik jedenfalls, ein verlangsamter synkopierter House-Beat, lässt den Tänzern kaum eine Wahl. Mgos Singsang mischt Township-Slang mit Zulu- und Xhosa. Dazu tanzt er Pantsula, den Township-Tanz der südafrikanischen Jugendlichen: Beine einknicken, überkreuzen und die Füße zur Seite schleudern.

Ähnlich motivierend auch Pastor Mbhobhos Predigt: Ayoba! Kräht der selbsternannte „Präsident der südafrikanischen Jugendkultur“ über scheppernden, schiebenden Beats. Der Mann unter der Afroperücke hat sich mit Bischofskreuz und kiloweise goldenem Tand behängt . Mbhobho wurde erst als Radiomoderator einer hysterisch-durchgeknallten Talkshow bekannt, bevor er sich mit seinem Debütalbum „Ayobaness“ auf den Dancefloor wagte. Wenn der Pastor daheim die Jugendlichen regelmäßig beschwört, am Aufbau des neuen Südafrika mitzuwirken, kehrt er in München den Komiker heraus: Er singt mit froschiger, metallisch verzerrter Stimme. Lässt zwischen den Party-Schlachtrufen auch mal Arien-Koloraturen anklingen.Er greift sich ein paar verunsicherte Damen zum Township-Tanz. Oder gibt sich als geheimer Gesandter der deutschen Nationalmannschaft aus. Nein, hier wird keine exotische Kultur zum Konsum dargeboten. Pastor Mbhobho spielt vielmehr mit den Erwartungen des Publikums. Und zeigt, dass Humor im Überlebenskampf des südafrikanischen Alltags so wichtig ist wie die richtige Taktung der Beats. Wie beim – bitte alle mitmachen – Taxi-Tanz: Hand heben um den Minibus anzuhalten, gespreizte Finger zum Auge, der Fahrer sieht einen, und – Schritt zur Seite – einsteigen!
JONATHAN FISCHER
SZ 3.7.2010

Dichter im Krieg Der exil-somalische Rapper K’naan singt die WM-Hymne „Wavin’ Flag“ – und erinnert mit dem Welthit an Afrikas vergessene Dramen

Auf seinem jüngsten, 2009 erschienenen Album beklagte sich K’naan noch, er werde seiner untypischen Biografie wegen in den USA zum Marketing-Risiko erklärt. Im Booklet verkündete er trotzig: „Ich danke allen Radio-Diskjockeys, die sich davor fürchten, mich zu spielen.“ Inzwischen wurde K’naans Song „Wavin’ Flag“ mehr als zehn Millionen Mal auf Youtube aufgerufen, Remix-Versionen gibt es in einem Dutzend Sprachen. Das war bisher für einen Rapper aus Afrika undenkbar. Erst recht, wenn er allzu viel Lokalflair mit seiner Musik transportierte, unangenehme Fragen stellte oder gar ein westliches Publikum mit Dritte-Welt-Geschichten konfrontierte. International jedenfalls schienen Rapper vom schwarzen Kontinent bisher fast chancenlos – sieht man vom glatt geschliffenen, dem US-Mainstream angepassten R’n’B des Exil-Senegalesen Akon ab.

Nun aber scheint K’naans Afrozentrismus plötzlich sein größter Trumpf: Spätestens am 11. Juli, wenn das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft in Johannesburg steigt, wird ihn die ganze Welt kennen. Werden die Zuschauer im Stadion und vor Fernsehern in 150 Ländern seine WM-Hymne „Wavin’ Flag“ auswendig mitsingen können, und den schmächtigen Somali mit Strohhut und Afrofrisur als Helden bejubeln. „Ich hoffe, dass die Menschen, sich dann auch für meine anderen Songs interessieren“, erklärt der Rapper in sanftem Singsang, während er aufdem Sofa seiner Berliner Plattenfirma fläzt.

Mächtiger als Rom

Lange galt K’naan als Untergrund-Phänomen: Einer, der von Stars wie Youssou N’Dour gerne mal als Gastrapper gebucht wird, letztlich aber mit seinen ostafrikanischen Folklore-Einsprengseln und den autobiografischen Kriegsgeschichten aus Mogadischu nie die großen Hallen füllen würde. Bis Coca-Cola Anfang des Jahres eine eigene WM-Hymne ausschrieb: der Remix von „Wavin’ Flag“, einem Song, den K’naan ursprünglich als melancholische Widmung an seine von Kriegen zerrissene Heimat geschrieben hatte, machte das Rennen. Die Neufassung thematisiert vor allem die Hoffnung, die Einheit und den Stolz Afrikas: „Sieh die Champions das Feld betreten/vereint uns/macht uns stolz“. Raps, die während der WM bei jedem Spiel ertönen – und dabei en passant einige kritische Fragen zum Zustand des schwarzen Kontinents stellen: „Auf einen Thron geboren/mächtiger als Rom/aber der Gewalt zugetan/das Gebiet der armen Leute.“ „Das sagt doch viel über den Zustand Afrikas aus“, sagt K’naan, „Der einstige Ruhm Afrikas, seine geistigen Errungenschaften und überlieferten Traditionen – alles großartig, aber wo stehen wir heute?“

K’naan Warsame, so sein voller Name, wuchs in Somalia als Enkel eines berühmten Dichters auf. Mit acht Jahren feuerte er sein erstes Gewehr ab, drei Jahre später musste er zuschauen, wie drei seiner besten Freunde erschossen wurden. Nur dank seiner Tante, einer populären Sängerin, entging er dem Zugriff der Milizen. 1991 konnte er schließlich zusammen mit seiner Mutter auf dem letzten regulären Flug außer Landes fliehen – erst nach New York, später nach Toronto. Der in Harlem Taxi fahrende Vater hatte K’naan regelmäßig Hip-Hop-Kassetten nach Somalia geschickt und den Zehnjährigen so für das Rappen begeistert. 1999 durfte K’naan auf einer UN-Veranstaltung auftreten. Er kritisierte die Organisation für ihre Rolle während der Kämpfe in Mogadischu – woraufhin Youssou N’Dour den Somali für sein Album „Building Bridges“ einlud.

K’naans eigenes Debüt „The Dusty Foot Philosopher’ suchte 2006 einen Mittelweg zwischen Afro-Folk und nordamerikanischem Hip Hop. Wenn der junge Rapper auftrat, dann war auch der dichtende Großvater nicht weit. 2009 veröffentlichte er sein Major-Debut „Troubadour“ und sorgte für Schlagzeilen, als er in Interviews Verständnis für die somalischen Piraten äußerte: Sie hätten ursprünglich gegen illegale Fischerflotten und das unkontrollierte Versenken von nuklear verseuchtem Müll vor der Küste Somalias gekämpft, behauptete er.

Auch wenn K’naans Beschwörung eines idealisierten Afrika bisweilen pathetisch wirkt: Ein ideologischer Kulturkämpfer ist er nicht. Er zitiert überraschende Vorbilder und hat Songs von Bob Dylan, Fela Kuti und Bob Marley mit seinen Raps zusammengeschnitten. Songwriter wie Leonard Cohen bedeuten ihm mehr als nordamerikanische Gangster-Rapper. Für deren Publikum mag der freundliche Afro-Rapper uncool wirken. Er aber dreht den Spieß um: Etwa in seinem Song „When Rap Gets Jealous“, wo er die Prahlereien über die Gewalt in US-Ghettos lächerlich macht: „In Mogadischu halten dir Elfjährige Waffen ins Gesicht, haben Mütter oft gleichzeitig ein Kind und eine Kalaschnikow geschultert. Nur in Amerika wird die Gewalt der Bandenkriege immer noch romantisiert“. K’naan spricht mit der Autorität des Überlebenden. Und geißelt die Reduktion der afrikanischen Wirklichkeit auf Krieg und Chaos. „Aus Somalia kenne ich auch andere Geschichten als die Medien zeigen: Wer weiß schon, dass Dichter hier als Volkshelden gelten und selbst in Krisenzeiten jedes Wochenende Theaterstücke aufgeführt werden?“

Sockenknäuel als Fußball

Vor der WM hat K’naan eine Tour mit dem WM-Pokal durch 13 afrikanische Städte absolviert. Von Lagos bis Kampala sangen dabei Hunderttausende seinen Song mit. Und doch spricht der Rapper von einem der „traurigsten Momente“ seines Lebens: „Nichts war für mich wichtiger als in Somalia aufzutreten. Ich habe mit dem somalischen Präsidenten am Telefon verhandelt, das FBI, die Fifa, Coca-Cola eingeschaltet. Am Ende kam nur eine Mail: Es wird nicht stattfinden.“

Nun hofft der Rapper, der als Kind mit einem Sockenknäuel in den Straßen von Mogadischu kickte, dass die WM langfristiges Interesse an Afrika auslöst. Schließlich fängt seine Mission erst richtig an, wenn die letzte Vuvuzela verklungen ist. Ursprünglich wollte er „Troubadour“ mit dem 2009 ermordeten südafrikanischen Reggaemusikers Lucky Dube aufnehmen – doch dann drängte ihn seine Plattenfirma zu Duetten mit US-Rockstars. Auf seinem nächsten Album will er den Namenlosen etwas von seinem Erfolg zurückgeben: „Ich kann mir nun herausnehmen, afrikanische Rapper und Musiker einzuladen, die bisher kaum einer kennt. Und ihnen hoffentlich einen kleinen Vorsprung geben: Hunderte Millionen Fußballfans haben doch schon mal einen afrikanischen Hip-Hop-Song mitgesungen.“
Jonathan Fischer
SZ 1.7.2010

Zackig – Der singende Bischof Solomon Burke singt endlich wieder Soul

Seit seinem Grammy-gekrönten Comeback im Jahre 2002 hat Solomon Burke auf vier Alben neue und alte Americana-Klassiker zwischen Pop, Rock und Country interpretiert. Mit „Nothing’s Impossible“ (Ear Music) aber kehrt der singende Bischof zu seinen Soul-Wurzeln zurück. Als Burke vor einem Jahr überraschend in den Royal Recording Studios in Memphis vorbeischaute, ergriff Hausproduzent Willie Mitchell die Gelegenheit beim Schopf. Er trommelte die Veteranen der Hi-Rhythm-Section zusammen und komplimentierte den „King of Rock’n’Soul“ mit den einstigen Begleitmusikern Al Greens und Ann Peebles’ vor das Mikrophon. Einen Song hatte er bereits für Burke im Ohr: „You Needed Me“, ein etwas angestaubter Schmachter von Anne Murray, den der Bischof dank seines mitfühlenden Baritons zur Predigt adelt. Den Rest der zwölf Songs schrieben die beiden miteinander im Studio. Mitchell zieht dabei noch einmal alle Register des klassischen Memphis Soul: Schwere Beats, zackige Bläsersätze, Country-Gitarren und vor allem diese bittersüßen Streicher, über denen Burke sein ganzes Crooner-Talent ausspielen kann. Ganz große Seelenkunst! Und ein würdiges Testament für den Anfang des Jahres verstorbenen Willie Mitchell.
JONATHAN FISCHER
SZ 30.6.2010