Ein DJ entdeckt Kuba: Hauptsache, frisch!

Wo seine Discjockey-Kollegen hämmern, klotzen und Bretter bohren, da setzte Gilles Peterson schon immer auf eine eher ätherische Art des Musikhörens. Seit drei Jahrzehnten mischt der Londoner Musiklabel-Betreiber und BBC-Radiomann vermeintlich Abgestandenes mit ungewohnten Aromen neu auf und führt den Dancefloor geographisch und spirituell an neue Grenzen. Den Jazz rüstete er Mitte der Achtziger mit Funk und tanzbaren Beats zum Acid Jazz auf; später kamen Dub, Reggae, Drum’n’Bass, Afrobeat oder Hip-Hop in den Mix, und Peterson stellte zahlreiche Kompilationen mit esoterischen Fundstücken der afroamerikanischen, afrikanischen und brasilianischen Musik zusammen. Hauptsache, frisch – und aus dem Untergrund. Nicht zuletzt dank seiner legendären BBC-Radiosendung „Worldwide“ brachte er eine wachsende Fangemeinde auf den Geschmack und infizierte eine ganze Generation von DJs mit eklektischen Grooves aus aller Welt.

Da mag es bestenfalls verwundern, dass er erst jetzt nach Kuba findet, dem Land, dem wohl ein Großteil seiner Plattensammlung ihre Rhythmen verdankt. „Havana Cultura – New Cuba Sound“ heißt die neueste Veröffentlichung (Brownswood Records). Im September 2008 war Peterson nach Havanna gereist, um die Köpfe einer Avantgarde jenseits der großen Salsa-Orchester aufzuspüren. „Viele Leute denken, auf Kuba gäbe es nur Salsa und Son. Dabei ist eine junge Generation längst dabei, die Folklore der Großeltern mit urbanen Straßenrhythmen zu verschmelzen.“ Peterson traf Rapper, Rumberos, Reggaeton- sowie Jazzmusiker und lud am Ende zwei Dutzend dieser Untergrundgrößen in die Egrem-Studios, den Ort, der seit dem „Buena Vista Social Club“ weltberühmt ist. Peterson selbst agierte in der Rolle des kulturellen Übersetzers.

Ohne den Beistand des kubanischen Pianisten Robert Fonseca, sagt Peterson, wäre das Projekt wohl gescheitert. Der Jazzpianist knüpfte nicht nur alle Kontakte vor Ort, er vermittelte den Musikern auch die ästhetischen Vorstellungen des englischen Produzenten. Möglicherweise hängt die Energie und überschwängliche Verve von „Havana Cultura“ mit einer vordergründig naiven Vorgehensweise zusammen. Denn egal, woher die Musiker stammen: Fonseca und Peterson drücken dem Ganzen ihren Stempel auf, sie haben das Aufeinanderprallen von archaischen Rhythmen und modernem Funk wie aus einem Guss produziert.

Die erste von zwei CDs versammelt dabei die mit einer von Fonseca zusammengestellten Hausband aufgenommenen Stücke. Da swingt etwa Arroz Con Pollo in bester Latin-Funk-Manier, leiht die Sängerin Mayra Caridad Valdés einer Coverversion von Fela Kutis „Roforofo Fight“ ihre sinnliche Stimme. Tres-Gitarren, Fender Rhodes Klavier und harte Beats tauchen selbst Klassiker wie Irakeres „Chekere Son“ in ein neues, urbanes Licht. Die globale Fusion ist gewollt: Sein Lieblingsstück, erklärt Peterson, sei „La Revolucion Del Cuerpo“ mit seiner Verschmelzung von Rumba, Son, Jazz und Rap. Oft sei die Songform dem Zufall geschuldet. Auch die spanischen Sprechgesänge nehmen Ideen Petersons auf.

Auf der zweiten CD tritt Peterson lediglich als Zusammensteller in Erscheinung. Sie vereint aktuelle Stücke von Nachwuchskünstlern wie Ogguere, Danay, Obsesion oder Free Hole Negro. Klar, dass das Augenmerk vor allem auf die Musiker fällt, die den Geist des Jazz atmen oder die Fusion von Alt und Neu wagen. In diesem Sinne ganz großartig etwa die „Homenaje A Beny More“ der Reggaeton-Band Gente de Zona. Zwar ist Petersons Projekt mindestens genauso ambitioniert wie einst der „Buena Vista Social Club“. Doch im Gegensatz zu Letzterem hätte sich „Havana Cultura“ nicht allein über Plattenverkäufe finanzieren lassen. So tritt die Rummarke „Havana Club International“ als Sponsor auf – und liefert zu Petersons Album auch gleich eine Website mit (www. havana-cultura.com), auf der junge Künstler aus Havana im monatlichen Wechsel porträtiert werden – Schriftsteller, Maler, Fotografen, Konzeptkünstler, die letztlich das ideelle Umfeld bilden, aus dem der Rhythmus des neuen jungen Kuba heranwächst.

Petersons Name liefert hier im Grunde nur das Gütesiegel und bietet mit dem Projekt eine Plattform, auf der die jungen Kreativen endlich in den lange ersehnten Austausch mit dem Westen gehen können. Zwar haben einige renommierte DJs gerade ein Remix-Album namens „Havana Cultura Remixed“ angefertigt. Die wirkliche Offenbarung – das soll diesen Sommer eine Europatournee von „Havana Cultura“ zeigen – aber liegt in der live auf die Bühne gebrachten Spielfreude der Kubaner. Wie hat es doch Peterson formuliert? „Sie haben mich gelehrt, die alten afrikanischen Götter in den modernsten Beats zu hören!“
JONATHAN FISCHER
FAZ vom 31.7.2010

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