Überfällig: Die britische Soulsängerin Martina Topley-Bird covert sich selbst

Seit ihr düster-lasziver Gesang 1995 Trickys Debüt „Maxinquaye“ veredelte, konnte Martina Topley-Bird sich kaum vor Verehrern retten: Mark Lanegan und Josh Homme von den Queens Of The Stone Age engagierten sie, Massive Attack machten sie zu ihrer Sängerin und Danger Mouse produzierte Topley-Birds letztes Soloalbum „The Blue God“. Doch zu oft degradierten opulente Arrangements ihre Stimme zur bloßen Zutat. Nun tritt die Londoner Sängerin zum Befreiungsschlag an. Auf „Some Place Simple“ (erschienen auf Damon Albarns Label Honest Jons) reinterpretiert Topley – neben vier Neukompositionen – ein Dutzend ihrer alten Songs in minimal instrumentiertem Gewand. In den Mittelpunkt rückt dabei ihr ätherisch-brüchiges Timbre. Etwa auf „Baby Blue“, auf dem nur eine Ukulele, ein Glockenspiel und ein Tambourin Martina Topley-Birds Wispern untermalen. Andere nur sehr spärlich eingesetzte Begleitinstrumente sind ein elektrisches Klavier, ein Daumen-Piano sowie ein afrikanisches Balafon, eine Art Xylofon in Übergröße. Gerade letzteres bringt Spannung in die Arrangements, weil überraschende Reibungsflächen entstehen für Topley-Birds an den Blues angelehnte und oft ins Surreale kippende Melodien. Ein Album, das eine große Soulsängerin ganz ohne Make-Up zeigt und das der überfällige Gegenentwurf ist zu den überproduzierten Poptorten in den Rhythm’n’Blues-Charts liefert.
SZ 28.7.2010 JONATHAN FISCHER

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