Die Puppenkillerin – Sie fasziniert Teenage-Mädchen wie harte Jungs: Die 25-jährige Nicki Minaj fordert Hiphop-Klischees heraus

In Bezug auf Rollenmodelle gab es im Hiphop bisher zwei Wahlmöglichkeiten. Entweder frau eiferte Queen Latifah, Salt’n Pepa oder Lauryn Hill nach, setzte auf feministische Selbstbehauptung und eine saubere und ordentlich ausdiskutierte Sexualität. Oder die innere Rotzgöre, das It-Girl übernahm mit schamlosen Unterleibsbeschwörungen das Mikrophon. Foxy Brown und Lil’ Kim hatten das Ende der 90er Jahre erfolgreich vorgemacht. Zu welchem Lager nun Nicki Minaj gerechnet wird, das hängt stark von der sexuellen und ideologischen Orientierung des Betrachters ab. Ihr Sex-Appeal jedenfalls knallt einem gerade auf allen Kanälen entgegen. Sie ziert halb Ninja-Braut, halb Ghetto-Barbie unzählige Magazin-Cover und ihre erste offizielle Single „Your Love“ – die 25-Jährige hat bisher lediglich drei Mixtapes veröffentlich – wird als Vorbote eines der Alben des Jahres hochgejubelt. Dabei sorgt nicht mal ihre erstaunliche Blitzkarriere für den größten Wirbel: Vor zehn Monaten noch ein kaum bekanntes Girlie aus Jamaica, Queens, nun vom Videosender BET zur besten weiblichen HipHop-Künstlerin gekürt und von Superstar Lil Wayne als Vorzeige-Frau für sein Camp verpflichtet. Nein, die Blogs stürzen sich vielmehr auf die Frage, ob Nicki nun lesbisch sei. Und wie weit sie sich überhaupt der Männerwelt andiene. Denn das eigentliche Drama der als Onika Tanja Maraj geborenen Rapperin spinnt sich um: die eigene Weiblichkeit.

Lange gab es keine Rapperin mehr, die wie sie gleichzeitig die Fantasien der harten Kerle wie der Teenage-Mädchen zu beschäftigen wusste. „Im HipHop ist der typische Erzähler ein junger, aggressiver und notgeiler Mann“, hat der afroamerikanische Journalist Nelson George einmal erklärt. Frauen hätten dagegen nur als Glamour-Girls oder „aggressive Objekte der Begierde“ eine Chance. Minaj scheint ihn auf den ersten Blick zu bestätigen. Sie gibt sich wahlweise als Harajuku Barbie, Nicki the Ninja oder Nicki Lewinsky aus. Zufall, dass Minaj wie ménage (à trois) ausgesprochen wird? Immer wieder schürt die Rapperin durch solche Konstellationen das Gerücht, sie sei bisexuell oder lesbisch. So etwa auf Ushers jüngster Single „Lil’ Freak“. Da bringt Minaj – zu ihrem eigenen Vergnügen – eine Frau zum Date mit dem Rhythm’n Blues-Beau mit. Zwar bekennen sich Rapperinnen wie Yo Majesty! bereits seit Jahren zur Frauenliebe, können lesbische HipHop-Gruppen wie die in Berlin lebenden Amerikanerinnen von Scream Club auf eine breite Szene zurückgreifen – doch das alles spielt sich mehr oder minder im Untergrund ab, hat die Welt der Lil Waynes und Snoop Doggs bisher kaum tangiert. Minaj aber fordert die Superstars heraus. Kein Wunder, dass sich feministische Blogs der mit rosa Kunsthaar und aufreizenden Miedern posierenden Rapperin annehmen, ihre Texte sezieren und von Nicki Minaj das offizielle Coming-Out einfordern. Die Frage bleibt: Wie weit kann eine Rapperin wie sie über ihr Image selbst bestimmen?
Frauen gelten im HipHop immer noch als Anhängsel erfolgreicher Männer. Sind sie aber wie Missy Elliott oder Queen Latifah jenseits der Stereotypen erfolgreich, werden sie schnell als Lesben denunziert. Im HipHop ein ähnliches Totschlagwort wie schwul. Wohl auch deshalb ließ sich Minaj von Anfang an von der Industrie auf kein Image festlegen. „Das Sex-Ding kann dich nur bis zu einem gewissen Punkt bringen. Jetzt geht es mir um Texte und Musik: Ich bin mehr als ein sexy Bild mit einem Lutscher im Mund.“ Und doch hat sich die einstige Schauspielschülerin ebenso kalkuliert in Szene gesetzt wie Madonna auf ihren Erotikfotos. Doch diese Phase erklärt die 25-Jährige für abgeschlossen: Es war ihre Eintrittskarte in die vom Männerblick geprägte HipHop-Welt. Instrumentalisierte Weiblichkeit: Wie oft beschwört Minaj in ihren selbstgeschriebenen Raps die „power of pussy“? Und wenn sie einen Klassiker wie Notorious B.I.G.s Warning aus weiblicher Perspektive interpretiert, macht sie – Hallo Rihanna! – klar, dass sie Männern nie mehr Macht als nötig einräumen würde.

Das haben sie schon die Erfahrungen ihrer Jugend in den Housing Projects von Jamaica, Queens, gelehrt: Minajs Mutter, eine Krankenschwester, arbeitete hart für das Familien-Auskommen. Ihr Vater dagegen war ein Junkie, der schon mal die Wohnzimmermöbel verkaufte, um seine Sucht zu finanzieren. „I hate you so much/ that it burn when I look at you“ rapt Minaj auf ihrem Song „Autobiography“ an die Adresse ihres Vaters. Einmal, erzählt sie, versuchte er die Wohnung samt Ehefrau anzuzünden. Anschließend waren all die Puppen, Kuscheltiere und Bilder der Tochter verbrannt. Und die kleine Nicki suchte in einer Fantasiewelt Zuflucht: „Cookie war meine erste Identität. Später kamen Harajuku Barbie und Nicki Minaj hinzu.“ Sie sang im Kirchenchor, schrieb als 12-Jährige ihren ersten Rap und galt in der Schule als lautes, freundliches aber stets das Kommando führendes Show-Girl. Sie bewarb sich an der La Guardia Kunsthochschule in Manhattan als Sängerin – und wurde schließlich als Schauspielerin aufgenommen. Ihr Studium finanzierte sie mit Kellner-Jobs. Nebenbei schrieb sie Kurzgeschichten. Aber ihr Ziel war klar: Rapperin. „Ich wollte den Jungs aus meiner Siedlung zeigen, dass ich es genauso drauf habe!“ Dabei half ihr das als Kind eingeübte Rollenspiel: Nicki Minaj kann jederzeit von einem Ghetto-Pinup zu einem japanischen Anime-Charakter mutieren.

Vor allem aber spielt Nicki Minaj mit den Geschlechter-Klischees: Auf ihren Konzerten gehört es zum Ritual, die Busen ihrer Verehrerinnen zu signieren. Und im Interview erklärt sie, die Welt würde sich langsam für gleichgeschlechtliche Sexualität öffnen – und mit ihr auch der HipHop. Kritisch bleibe nur die Lage schwuler Männer: „Viele Leute glauben Schwulen fehle es an street credibility. Aber auch das wird sich noch im Laufe meines Lebens ändern.“ Leiden doch unangepasste Frauen und Schwule unter dem selben HipHop-Vorurteil: „Der ghettozentrische Blick“, erklärt Nelson George, „diskriminiert jede Form von Milde, Weichheit und nicht-heterosexueller Sexualität als Schwäche.“

Im Herbst soll Minajs Debutalbum auf einem Major Label erscheinen. Und wenn die Lobreden von Jay-Z und Kanye West stimmen, wird es die Rapperin in die Liga ihres heimlichem Idols Lauryn Hill katapultieren. Schließlich sieht sie sich selbst als „spirituelle Kämpferin“. Und als „Puppenkillerin“. Den Mädchen, die wie sie in den Projects aufwachsen jedenfalls rät sie jedenfalls , sich nicht sexuell definieren zu lassen.
JONATHAN FISCHER
SZ/jetzt.de 19.7.2010

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