Samen der Hoffnung: Solomon Burke hat einundzwanzig Kinder und neunzig Enkel, und wenn er sich um die nicht kümmert, predigt er seine Soulweisheiten – dieses Mal mit Willie Mitchell.

Auch nach einem Grammy, vier großartigen Americana-Alben und Songs, die Verehrer wie Bob Dylan, Tom Waits, Eric Clapton oder Van Morrison für ihn schrieben, ist der siebzigjährige (nach anderen Angaben schon vierundsiebzigjährige) Bischof noch nicht am Ende seiner Mission angelangt, geht sein „Kreuzzug für das Wahre, Zeitlose, Tiefgründige“ in der amerikanischen Roots-Musik weiter. Genauso kündigt der seit einigen Jahren nur noch im Rollstuhl auftretende „King Of Rock ’n‘ Soul“ sein neues Album an – um anschließend alles Pathos mit seinem schallenden Gelächter zu ersticken.

Dabei scheint ein ehrfürchtiger Ton durchaus angebracht: Denn wenn Solomon Burke nun zum ersten Mal seit seinem Comeback im Jahre 2002 zu seinen Wurzeln, dem Southern Soul, zurückkehrt, hat er dafür einen Traumpartner gefunden: Willie Mitchell, Produzent der klassischen Alben Al Greens. Bereits seit den siebziger Jahren, so erzählt Burke, hätten beide immer wieder miteinander telefoniert und von einer Zusammenarbeit geschwärmt. Doch dann lag das Projekt jahrzehntelang auf Eis: Mitchell fiel nach dem Verlust seines Schützlings Green an den Gospel in ein Schaffenstief, verlor seine Plattenfirma Hi Records in Memphis und hatte mit Alkoholproblemen zu kämpfen – während Burke sich enttäuscht vom Popgeschäft in seine Kirche in Los Angeles zurückzog.

Nun aber hat sich der Zeitgeist gedreht. Traditionelle Rhythm-&-Blues-Klänge sind wieder en vogue, und Burke, der in den sechziger Jahren mit countryesken Balladen wie „Cry To Me“, „Just Out Of Reach“ oder „If You Need Me“ berühmt wurde, füllt weltweit wieder die Konzerthallen. Ob es nun Gottes Fügung war oder nur eine von Burkes berüchtigten Flausen: der Bischof schaute vergangenes Jahr nach einem Konzert in einem Mississippi-Casino unangekündigt in Mitchells Royal Recording Studios vorbei – das erste Mal, dass sich die zwei Männer persönlich begegneten. „Poppa Willie“ aber nutzte die Chance: Mitten in der Nacht bat er seinen Besucher ins Studio und telefonierte innerhalb einer Stunde die Studio-Veteranen der Hi Rhythm Section herbei.

Einen Song hatte der Produzent auch schon bereitliegen: „You Needed Me“, einen dreißig Jahre alten Schmachtfetzen von Anne Murray, den sich Burke mit so viel Empathie und Inbrunst aneignet, als müsste er Mitchell noch von der Chemie ihrer Verbindung überzeugen. „Diese Nummer hatte auf mich gewartet“, erklärt der singende Bischof, „wie ein altes Haus, das einen neuen Bewohner sucht.“ Nach zwei Aufnahmen war der Song im Kasten. Burke wäre nun gerne zum gesellschaftlichen Teil des Abends übergegangen – immerhin war es schon zwei Uhr nachts. Doch Mitchell bestand darauf: „Wir schreiben jetzt den nächsten Song.“

Am Ende blieb Burke zehn Tage in Memphis hängen, während deren er zusammen mit dem achtzigjährigen Produzenten ein knappes Dutzend Songs schrieb und aufnahm. „Nothing’s Impossible“ heißt das Album. Für Mitchell sollte es die Krönung seines Lebenswerks werden – er verstarb im Januar dieses Jahres kurz nach Fertigstellung der Aufnahmen. Burke aber findet in Mitchell seinen Meister: Der Produzent nimmt den kraftvollen Bariton des Bischofs an die Zügel, passt ihn den bluesgetränkten Rhythmen seiner Hi Rhythm Section ein. Die meisten Songs bewegen sich im Balladen-Tempo und akzentuieren Burkes Gesang lediglich mit kargen, zurückgenommenen Gitarrenlicks. Nur einmal bemüht Mitchell einen seiner tanzbaren Midtempo-Shuffles. „Everything About You“ atmet denn auch am ehesten den Geist der Hi-Records-Klassiker, die einst am selben Ort mit Syl Johnson, Otis Clay, Al Green oder Ann Peebles entstanden: schweres Schlagzeug, fette Bläser und Streicher in Moll.

Nicht alle der gemeinsam geschriebenen Songs überzeugen restlos: Da bleibt der eine Etage tiefer als Al Green intonierende Burke bisweilen im Allzu-Priesterlichen hängen, scheint der vage Optimismus seiner Texte alle gefühlten Widersprüche wiederaufzuheben. Am Ende aber kann selbst mittelmäßiges Material den Bischof nicht bremsen: Seine Intuition, Stimmgewalt und schiere Überzeugungskraft entlocken auch vermeintlichen Füllern ungeahnte emotionale Tiefen.

Solomon Burke ist Prediger, kein Analytiker. Lieber als über kompositorische Finessen palavert er über die phantastische Hummer-Pizza in Memphis, den Studio-Besuch seines Freundes Bobby Blue Bland und erinnert sich lachend an Mitchells Arbeitstempo: „Bei ihm musste alles zack, zack gehen, selbst sein Haar kämmte er in Rekordzeit. Er wusste wohl, dass ihm nicht viel Zeit blieb.“ Tatsächlich hat der Produzent hier in kürzester Zeit noch einmal das Resümee von vierzig Jahren gezogen, in denen er den Memphis-Soul prägte wie kein anderer.

Seine Arrangements holen das Beste aus Burkes Stimme heraus: Wenn der Sänger nuancenreich über das Wesen der Liebe meditiert, dann geben sie den eleganten Rahmen. Am stärksten aber ist Burke, wenn er, mitfühlend auch mit sich selbst, die Ballade „The Error Of My Ways“ zwischen schmachtender Reue-Ballade und erlösendem Gospel intoniert und dabei einzelne Worte wie „dreams“, „love“ oder „scream“ zu kleinen Dramen dehnt. Und selbst noch mit einer scheinbar spontanen Aufzählung der Wochentage fesselt dieses Album.

Das bedeutet nicht nur, dass Solomon Burkes und Willie Mitchells Magie die drei Jahrzehnte Wartezeit wert sind; es löst auch die Lebensmaxime des Bischofs, Bestattungsunternehmers und mit einundzwanzig Kindern und neunzig Enkeln gesegneten Familienpatriarchen wieder einmal ein: „Ich wandele immer noch auf Gottes großem Highway“, predigt Burke, „um den Samen der Hoffnung unter die Menschen zu bringen.“ Amen!
JONATHAN FISCHER
FAZ 15.7.2010

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