Outkast-Star Big Boi: Triumph des Klangkriegers

Ein Rapper, der Kate Bush und Country liebt, hat’s schwer: Big Boi, eine Hälfte des Erfolgs-Duos Outkast, musste lange kämpfen, um sein Solo-Debüt veröffentlichen zu können. Der Einsatz hat sich gelohnt: Jeder Song seines Albums enthält mehr Ideen als das Gesamtwerk vieler HipHop-Kollegen.

Antwan „Big Boi“ Patton hat schon viele Häutungen hinter sich: Mit dem HipHop-Duo Outkast brachte er Mitte der Neunziger den Southern Rap auf die Landkarte des Pop. Zusammen mit Partner André 3000 versöhnte er anschließend experimentellen HipHop und Kommerz: Getrennt arbeitend steuerten beide jeweils ein Album zu ihrem bisher größten Erfolg bei, der 2003 veröffentlichten und über 15 Millionen mal verkauften Doppel-CD „Speaker Boxxx/ The Love Below“. Es folgte eine schrullige Kino-Klamotte namens „Idlewild“. Anschließend verschwanden die beiden Outkasts jahrelang von der Bildfläche. Zuletzt gab es mehr Trennungsgerüchte als neue Songs von ihnen zu hören. Das Massenpublikum war wohl doch noch nicht bereit für Camp-artig kostümierte und zu Dreißiger-Jahre-Jazz tanzende HipHop-Stars.

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Big Boi aber nutzte die Auszeit. Und kehrt nun mit einem Koffer voller Experimente und einem neuen Alias zurück: „Sir Lucious Leftfoot: The Son Of Chico Dusty“. So heißt sein gerade erschienenes Solo-Debüt. „Sir Lucious,“ erklärt Big Boi per Telefon aus seinem Studio in Atlanta, „ist eine Facette meiner Persönlichkeit: Ich nenne ihn einen Klangkrieger“. So hört das Phantastische, Farbenprächtige und Schrullig-Verspielte auch nicht beim Titel auf. Für den Südstaaten-Rapper und Produzent ist sein seit drei Jahren immer wieder verschobenes Opus ein allamerikanisches Musik-Kaleidoskop: „HipHop gilt heute als eines der konservativsten Genres überhaupt. Ich aber liebe das Abenteuer. Warum also nicht über den Tellerrand des HipHop und R’n’B hinausschauen und all die Klänge da draußen nutzen, um neue Musik zu schaffen?“

Artsy Potpourri zum Mitsingen

Die Klänge da draußen: Sie entpuppen sich auf „Sir Lucious Leftfoot: The Son Of Chico Dusty“ als geschickt arrangierte Splitter aus Jazz, Rock, P-Funk, Bluegrass, Gospel und Country. Ein swingendes, infektiöses Potpourri schwarzer Musik der letzten acht Jahrzehnte. Antwan Patton nimmt sich die selben Freiheiten wie die Pioniere des HipHop: Warf nicht Afrika Bambaataa einst Kraftwerk und Beethoven in seinen Mix?

Doch während Bambaataa sich als New Yorker Kosmopolit inszenierte, geht Patton alias Big Boi seine Musik aus einer Südstaaten-Perspektive an. Rückendeckung holt er sich aus seiner Familiengeschichte, zitiert seinen Vater als „Chico Dusty“ und feiert seine Großeltern mit jedem Sample. „Ich wuchs hauptsächlich bei meiner musikvernarrten Großmutter auf. Während sie den Haushalt richtete, liefen auf der Stereoanlage Jimi Hendrix, Funkadelic, Bob Marley und Kool And The Gang – neben jeder Menge altem Soul…“ Ja, es ist der Geist des Soul, der Big Bois schillerndes Werk zusammenhält. Ihm die großen Melodien zuspielt. Und ihn Mitsing-Refrains finden lässt, die ebenso unverbraucht wie radiofreundlich klingen.

Umso mehr verwundert es, welche Kämpfe Big Boi mit seiner Plattenfirma um die Veröffentlichung austragen musste: Bereits 2004 hatte er mit der Studioarbeit am Album angefangen. 2007 wurde es erstmals angekündigt – doch nur die Single „Royal Flush“ erschien, während sein Pro-Obama-Song „Sumthing’s Gotta Give“ im Internet kursierte. Dann entließ Patton zwei weitere seiner Tracks zum kostenlosen Download in die Blogosphäre – ein Racheakt an Outkasts Plattenfirma Jive, die sich weigerte das Gesamtwerk zu veröffentlichen. Zu unkommerziell. Zu experimentell. Zu anders als die gerade angesagten Top Ten.

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„Ich habe weltweit mehr als 25 Millionen Platten verkauft“, wettert der HipHop-Star, „und nun erklären sie mir, ich müsste mehr Stangenware produzieren, Songs die nach Lil Waynes „Lollipop“ klingen.“ Zu künstlerisch sei das, habe ein Labelmanager genörgelt! „Too artsy!“ Big Boi dehnt das Wort „artsy“ wie die Pointe eines schlechten Witzes. Tatsächlich offenbart sein experimenteller Ansatz die tiefe Spaltung der HipHop-Welt: Hatten nicht die Debütalben von De La Soul, Kanye West oder, eben, Outkast künstlerisch einiges gewagt – und dennoch kommerziell gewonnen? Doch die großen Plattenfirmen, so konstatiert Big Boi, würden die Musik am liebsten jedes Geschäftsrisikos berauben – und damit jeder Innovation.

Ausbruch aus dem HipHop-Ghetto

Zwischenzeitlich plante Big Boi, sein Album nur online zu veröffentlichen. „Die sozialen Netzwerke sind ideale Kanäle für etablierte Künstler: Wenn ich einen Song über Twitter in die Welt entlasse, wird er in 24 Stunden ein paar Millionen mal abgerufen….“ Nun aber kommt Big Bois Album doch noch als CD auf den Markt. Das HipHop-Traditionslabel Def Jam sprang in letzter Minute ein – und hat nun mit „Sir Lucious Leftfoot: The Son Of Chico Dusty“ einen Klassiker mehr im Katalog. Denn auch wenn Jive einige Duette mit Outkast-Partner André 3000 nicht freigab: Jeder einzelne Song diese Albums enthält mehr Ideen als das Gesamtwerk vieler HipHop-Kollegen. Auch wenn die Drogen- und Sex-Referenzen seiner Texte recht verschwurbelt wirken – geschenkt!

Denn Big Boi geht es doch vor allem um den Ausbruch aus dem HipHop-Ghetto: Auch darum ist er dieses Jahr mit dem städtischen Ballett von Atlanta auf die Bühne gegangen und hat HipHop-Musik für klassische Tänzer komponiert. „Dope“ sei das gewesen, sagt er. Fast noch abenteuerlicher klingt Big Bois nächster Plan: „Ich versuche gerade, Kate Bush zu einem Album mit mir zu bewegen. Ihre märchenhafte Stimme und meine Beats: das wäre die Erfüllung eines Lebenstraums!“
JONATHAN FISCHER
Spiegel Online 16.7.2010

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