Südafrikanische Popmusik: Ayoba für alle

Auf dem Fußballrasen mögen die Südafrikaner enttäuscht haben – auf dem Dancefloor aber können sie sich mit der Weltspitze messen. War es nicht DJ Mujava aus Pretoria, der erst vorletzten Sommer mit seinem Video zu „Township Funk“ eine weltweite Tanz-Euphorie ausgelöst hat? Werden südafrikanische DJs nicht längst in Clubs von Miami bis London gefeiert? Und strahlt die lokale House-Variante namens Kwaito nicht mehr Energie aus als die banalen „Waka Waka“-Gesänge westlicher Popstars?

Auch wenn sie bei keiner offiziellen Feier der Fifa ertönen durfte: Lokal produzierte House-Musik dominiert Südafrikas Jugendkultur. „Wir sind wahrscheinlich das einzige Land der Welt“, sagt DJ Oskido, „in dem House-Musik den Mainstream stellt. Besucher aus Übersee staunen immer wieder über den Zulauf, die spontane Energie unserer Partys.“ Schon immer drehte sich südafrikanischer Pop, ob Township-Disco oder Gospelmusik, um dieselben Zutaten: Basstrommel und Chorgesang.

Soundtrack der Marktstände

Als Südafrika 1994 das Ende der Apartheid feierte, fingen findige DJs an, den Rhythmus der importierten House-Platten zu verlangsamen und mit Gesängen auf Zulu oder Xhosa anzureichern – die Geburtsstunde des Kwaito. Der neue Pop-Bastard verbreitete sich bald aus den Townships in die Einkaufszentren der Inner City, wurde zum Soundtrack von Marktständen und Minibussen, ertönte auf Hochzeiten, Politdemos und Nachtclubs. „Kwaito hat für uns eine Menge verändert“, sagt einer seiner größten Stars namens Zola, „die Menschen brauchten neue Songs, die ihnen halfen, ihrer Situation zu entkommen und über sich selbst lachen zu können, statt nur wütend zu sein.“

Tatsächlich gelang es der Musik, die südafrikanische Jugend auf einen gemeinsamen Rhythmus einzuschwören. Im Kwaito fand diese Post-Apartheid-Generation ein einheimisches Pendant zur amerikanischen Hip-Hop-Aufsteigersaga. Ein Werkzeug der Selbstermächtigung für sonst oft chancenlose Township-Youngster. Und eine der wenigen Industrien Südafrikas, die überwiegend in schwarzer Hand sind. „Black empowerment“ nennt es Zola. Viele Kwaito-Alben gingen allein in Südafrika einige 100 000 Mal über die Theke – während die größten Stars des Genres vor ausverkauften Häusern von Kenia bis nach Nigeria touren. DJ Oskido etwa, der als Würstchen-Verkäufer vor einem Nachtclub anfing. Oder Dash Brown, dessen Eltern zu arm waren, um ihn die Grundschule beenden zu lassen. Besonders in Johannesburg und seinen umliegenden Townships entstand eine Reihe junger Unternehmen, die alle vom Kwaito-Boom leben: Plattenfirmen, Studios, Konzertagenturen, populäre Radiosender wie YFM, aber auch Modemarken.

Vornehme Villen, dicke Autos

Erst in den letzten Jahren hat sich das musikalische Zentrum südafrikanischer Popkultur verlagert, von der Wirtschaftsmetropole Johannesburg in die Strandstadt Durban. „Wir haben das Tempo verschärft“, erklärt DJ Tira, der die Kwaito-Band Big Nuz produziert, „und unsere Refrains kann jedes Kind mitsingen.“ Eine neue Leichtigkeit breitet sich im südafrikanischen Kwaito aus: Trugen viele der frühen Hits noch politische Kritik vor, verteidigt eine neue Generation von DJs das Recht der Jugend auf Träume von Wohlstand, Frieden und Feiern. „Ayoba“ steht auf Zulu für freudige Erregung und gilt als optimistischer Kampfruf der Party-Szene. „Wenn wir in unseren Videos vornehme Villen und dicke Limousinen zeigen“, sagt DJ Chynaman, „wollen wir unsere Zuschauer inspirieren: Du musst nicht kriminell sein, um diese Reichtümer zu besitzen. Du kannst es mit harter Arbeit schaffen, selbst wenn du aus dem Township kommst.“

Manche Kwaito-Veteranen kritisieren zwar den neuen Fokus auf eine mittelständische Urbanität. Doch ihre Geschichte vergessen selbst die jungen DJs nicht so schnell. Da hört man neben Vuvuzelas immer öfter Jazzklänge von Hugh Masekela oder Philip Tabane. Und House-Remixe legendärer alter Hits von Miriam Makeba bis Mahlatini and The Mahotella Queens landen regelmäßig in den südafrikanischen Charts. „Südafrikanischer House hat bereits die großen Metropolen des Westens erreicht“, sagt DJ Oskido. „Nach dieser WM werden die Besucher sie hoffentlich auch in den Rest der Welt tragen.“
Jonathan Fischer
SZ 10.7.2010

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.