Umlando – Über den südafrikanischen Jazztrompeter Hugh Masekela

Der Jazztrompeter Hugh Masekela ist seit 50 Jahren eine der gewichtigen politisch-musikalische Stimmen Südafrikas. Jetzt erklärt er zwischen den Fußballspielen sein Land der westlichen Welt – und scheut sich nicht, die schwarze Regierung und die WM-Euphorie zu kritisieren: „Die Nachrichten über Afrika brechen mir das Herz. Immer wieder derselbe Wahnsinn!“ Der alte Mann des südafrikanischen Jazz, der mit Oldies wie „Grazing In The Grass“ beim Auftaktkonzert zur Fußball-WM in Soweto Millionen Fans begeisterte, kann immer noch laut werden. Und dabei ein zorniges Funkeln aus seinen wachen Augen versprühen. Entertainment und Politik wollte Masekela noch nie trennen: „Südafrikas Musik handelt immer von Gerechtigkeit, menschlicher Würde und dem Aufbegehren gegen die Fremdbeherrschung. Selbst Liebeslieder machen da keine Ausnahme: Come back from Johannesburg my dear, where you have to work . . .“ Der 70-Jährige summt diese Worte mit geschlossenen Augen. Und ein Leuchten erhellt das zerfurchte Gesicht. Ja, der Jazzmusiker hat den Schmerz und die Sehnsucht der Townships nun ein halbes Jahrhundert in poppige Melodien gefasst: „Coal Train“ heißen sie oder „Happy Mama“ und handelten nicht selten von Gefangenen, Bergleuten und Wanderarbeitern.

Nun sitzt Masekela in einem Restaurant in Manhattan, wo er die Fertigstellung einer Doku-Serie überwacht, die das amerikanische Fernsehnetzwerk ABC/EPSN über sein Leben drehte und in den vergangenen Wochen ausstrahlte. „Umlando“, Zulu für „Durch die Augen meines Vaters“, hießen die zehn kurzen Episoden, die Hugh Masekela mit seinem amerikanischen Sohn Sal, der als Fernsehmoderator arbeitet, beim Besuch der väterlichen Heimat zeigen. Sie sind weltweit auch über die Website ESPN.com abrufbar. Einige der Schauplätze sind eher biographisch, andere politisch motiviert: Der Vater führt den Sohn etwa zur einstigen, von den Weißen im Zuge der Rassentrennung konfiszierten Familienfarm. Sie besuchen das Township bei Johannesburg, wo beim sogenannten Sharpeville Massacre vor 40 Jahren die südafrikanische Polizei 69 friedliche Anti-Apartheid-Demonstranten erschoss. Und Masekela kommentiert alles gewohnt unverblümt: Einmal erklärt er, dass AIDS die Apartheid als Geißel ersetzt habe und gerade dabei sei eine ganze Generation junger schwarzer Südafrikaner auszulöschen. Ein andermal spielt Masekela Trompete vor tanzenden Schulkindern, um sie anschließend vor verantwortungslosem Sex zu warnen. Zulu-Dörfer, Bergarbeiterstädte und Township-Bars sind die Kulisse für die von Emmy-Gewinner Jonathan Hock gedrehte Dokumentation.

Als junger Mann habe er seine Nase an den Fensterscheiben der vornehmen Restaurants in Johannesburg plattgedrückt – aus Neugier auf dieses andere, ihm verschlossene Südafrika: Was diese Weißen wohl speisten? Es waren eher Fremde als Feinde, schließlich standen einige von ihnen auf derselben Seite. So bekam der junge Musikstudent ausgerechnet von einem weißen Apartheid-Gegner, dem Erzbischof Trevor Huddleston, seine erste Trompete geschenkt. Mit 13 Jahren hatte er den Hollywood-Film „Young Man With A Horn“ gesehen und wollte seitdem Kirk Douglas in seiner Rolle als Bix Beiderbecke nacheifern.

1959 gründete er schließlich seine eigene Band. Die Jazz Epistles, denen unter anderem Dollar Brand alias Abdullah Ibrahim angehörte, spielten eine südafrikanische Variante des Hard Bop und nahmen als erste Jazzformation Afrikas ein eigenes Album auf. Doch nach dem Sharpeville-Massaker sah Masekela in seiner Heimat für sich keine Zukunft mehr. Er verließ Südafrika 1960, studierte bei Yehudi Menuhin in London, wurde von Dizzy Gillespie nach New York geladen und hatte bald mit den besten Musikern der amerikanischen Jazzszene gejammt. Mit dem Leben im Exil konnte sich Masekela jedoch nie anfreunden. Letztlich war es sein Freund und Mentor Harry Belafonte, der ihn von einer Rückkehr abgehalten habe: „Nelson Mandela war zur Todesstrafe verurteilt worden. Wer würde da schon für das Leben eines gegen die Apartheid antretenden Jazztrompeters garantieren?“

Also nutzte Hugh Masekela den erzwungenen Flüchtlings-Status, um seine eigene Stimme zu finden. Er hatte amerikanischen Jazz gespielt, weil es für südafrikanische Musik vor Miriam Makeba keinen Markt gab. Deren Erfolg – Masekela war ein paar Jahre mit Makeba verheiratet – aber bereitete auch seinen Durchbruch vor. „Miles Davis nahm mich damals zur Seite“, erzählt Masekela: „Warum, fragte er mich, willst du unbedingt wie wir klingen? Ich sollte lieber meine südafrikanische Musik spielen. Von ihr könnten die Amerikaner noch etwas dazulernen.“

Masekele nahm sich den Rat zu Herzen, verband fortan Bebop und Swing mit afrikanischen Rhythmen wie Kwela und Mbaqanga, veröffentlichte seine Fusion-Musik auf dem berühmten Soul-Label Motown und landete mit „Grazing In The Grass“ 1968 einen internationalen Superhit. Über vier Millionen mal verkaufte sich der Song. Davon ermutigt schürfte Masekela in Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Saxophonisten Dudu Pukwana noch tiefer nach seinen südafrikanischen Wurzeln. Und war nebenbei eine Ausnahmeerscheinung im westlichen Rock’n’Roll-Zirkus: „Sie konnten mich stilistisch nicht einordnen. Aber meine Trompete wollten alle gerne dabei haben.“ Etwa die Byrds für ihren Song „So You Wanna Be A Rock’n’Roll Star“. Oder das Monterey Pop Festival, wo er auf Jimi Hendrix und The Who traf. Oder auch Paul Simon, der Masekela für seine „Graceland“-Tournee

engagierte.

Spätestens mit dem Musical „Sarafina“ hatte der Mann mit dem weichen Trompetenklang und der raspelnden Stimme im Westen ein Massenpublikum gewonnen. Er bediente gekonnt das Bedürfnis nach milden Exotika. Und hätte wohl als Softjazz-Star ausgesorgt wäre ihm die südafrikanische Heimat, wo seine Platten offiziell verboten waren, nicht immer wichtiger gewesen. Ein aus dem Gefängnis herausgeschmuggelter Brief hatte ihn 1987 dazu gebracht eine Hymne auf Nelson Mandela zu schreiben: „Bring Him Back Home“. Und selbst als Masekela nach dem Ende der Apartheid 1991 in seine Heimatstadt Johannesburg zurückkehrte, blieb die alte Kampfeslust ungebrochen: Gut, die offizielle Apartheid war beseitigt, aber hatten schwarze Jugendliche deswegen schon Aussichten, in seine Fußstapfen zu treten?

Der Titel seines jüngsten Albums „Phola“, erklärt Masekela, bedeute übersetzt „heilen“ oder „genesen“. Auch eineinhalb Jahrzehnte nach Ende der Apartheid brauche seine Heimat diese Heilung. Eine Rückbesinnung auf die eigenen Stärken: „Viele schwarze Südafrikaner erwarteten ein Wunder, nachdem sie das erste mal wählen durften. Aber das war naiv. Diejenigen, die uns früher unterdrückten und viel Geld mit unserer billigen Arbeitskraft verdienten, sind wirtschaftlich immer noch die Mächtigen. Sie denken gar nicht dran, etwa aus Reue über die Vergangenheit ihren Wohlstand zu teilen.“

Und wenn er auch nicht dem naiven Glauben anhängt, dass etwa das Wohlstandsgefälle und die daraus resultierende Rekordkriminalität seiner Heimatstadt Johannesburg durch Lieder bekämpft werden könne, sieht er es auch unter einer schwarzen Regierung als „Berufspflicht, die Wahrheit auszusprechen“. Der 71-jährige Musiker lacht sein kurzes, kehliges Lachen, bei dem ein bitterer Unterton mitschwingt – besonders wenn er über den Irrglauben spricht, mit der Apartheid seien auch die Probleme des Landes beseitigt. Die könne auch ein Monat Weltmeisterschaftsfieber nicht

lösen.

„Ich werde nicht lügen“, sagt er, „und die Weltmeisterschaft als ein Wunder ausgeben. Von ihr profitieren nur Menschen, die sich auch die Eintrittskarten leisten können. Aber von den 47 Millionen Südafrikanern sind 20 Millionen bettelarm. Die Weltmeisterschaft wird ihr Leben in keiner Weise ändern.“
JONATHAN FISCHER
SZ 9.7.2010

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.