Fonk – Neuer Hip-Hop und Neo-Soul aus Amerika

Viele großartige Hip-Hop-Momente beruhen auf kongenialen Duo-Konstellationen: Siehe Eric B & Rakim, Pete Rock & CL Smooth oder DJ Premier und Guru. In letzter Zeit jedoch schien dieses Format aus der Mode zu kommen. Das Engagement von zwölf Produzenten für zehn Tracks wurde zur Regel. Die meisten Hip-Hop-Platten kamen wie ein Gemischtwarenladen daher.

Umso mutiger die aktuellen, albumlangen Kollaborationen von Nas & Damian Marley, von Murs & 9th Wonder oder Talib Kweli und Hi-Tek, zusammen Reflection Eternal. „Revolutions Per Minute“ (Warner) heißt ihr erstes gemeinsames Album seit ihrem vielgelobten Debüt „Train Of Thought“. Hi-Teks dunkel-atmosphärische Tracks tragen die atemlosen Off-Beat Reime Kwelis, die in kleinen Dramoletten mühelos Politik und Poesie zusammenschnüren. Ob es um Hurricane Katrina, Staatshilfen für Banken oder – im hochaktuellen „Ballad Of The Black Gold“ – die weltweiten Schäden durch die Ölindustrie geht: Kweli ist wütend. Und doch belässt er es nicht beim Protestieren und Belehren: „You know what my advice is?/ Fuck my advice/ live your life.“ Toll, dass auf dieser Predigtplatte dann auch noch Clubnummern wie das „Midnight Hour“-Duett mit Estelle Platz finden.

Ähnlich disparate Welten führt seit jeher Murs zusammen. Der Rapper aus L.A. setzt für „Fornever“ (SMC) auf ein bewährtes Team: Wieder einmal befeuern die Soul-Funk-Disco-Loops des Produzenten 9th Wonders seine nonchalanten Alltagsgeschichten. Murs untersucht etwa das Suchtpotenzial von „Cigarettes & Liquor“ oder die eigene Schwäche für asiatische Mädchen – wobei er zu der Minderheit im Hip-Hop gehört, die über Frauen weniger als Objekte, denn im Kontext komplexer, oft frustrierender Beziehungen rappt. Auf „Vikki Veil“ etwa erleidet der Rapper endlose Qualen der Unsicherheit, nachdem er sich in ein Porno-Starlet verliebt hat. Oder er seziert in „Let Me Talk“ die kleinen Querelen, die Nächten in getrennten Betten vorausgehen.

Zu dem Thema hätte wohl Nas auch einiges beizutragen. Doch auf seinem Album „Distant Relatives“ (Def Jam) findet seine mit ihm prozessierende Ex-Frau Kelis nur in einem Nebensatz Erwähnung. Stattdessen erkundet der New Yorker in Zusammenarbeit mit Dancehall-Produzent Damian Marley größere historische Perspektiven, insbesondere das Verhältnis der Afroamerikaner zu Afrika. Aufgenommen mit einer Live-Band und den Gästen Lil’ Wayne, Joss Stone und K’naan schwankt das Album zwischen Reggae-Lamento und HipHop-Dynamik. Am stärksten aber ist das von äthiopischen Jazz-Samples getragene „As We Enter“, wo Marleys Rastafari-Weisheiten und Nas messerscharfe Politverse sich leidenschaftlichergänzen.

Ähnlich sendungsbewusst wirkt Raheem Devaughns „The Love And War Masterpeace“ (Jive). Der R’n’B-Sängers versucht sich an einem zeitgenössischen Pendant zu Marvin Gayes „What’s Going On“-Album – und haucht dabei dem lahmenden Rhythm’n’Blues neuen Esprit ein. Auch wenn Streicher und Samtchöre manchmal allzu sehr im Schatten Gayes schmachten: Wann hat man zuletzt so raffiniert produzierten Message Soul gehört wie „Nobody Wins A War“ oder „Wing & A Prayer“, eine Abrechnung mit abwesenden Vätern?

Tettorybad zitieren auf ihrem Debüt „Unite“ (Sunshine Enterprises) gleich Grandmaster Flashs „The Message“. Ansonsten lässt das japanisch-englische Trio Broken Beats, verspielten Hip-Hop und Soulgesang aufeinanderprallen. Georgia Anne Muldrow und ihr Partner Declaime bringen auf ihrem Label SomeOthaShip weitere Hip-Hop-Unterströmungen zu Gehör: „Fonk“ zelebriert zu Declaimes Raps den schweren schleppenden Synthie-Funk der Westküste; Darryl Moores „Whereimat“ verbindet modernen Gospel und Babymaker-Schnulzen à la Al Green; und Muldrows Instrumental-Album „Ocotea“ dreht Chick Corea und Stevie Wonder durch den Downbeat-Wolf dreht. Esoterische Zutaten und verzerrte Basslinien machen allein allerdings noch Meisterstück des abstrakten Hip-Hop.

Guilty Simpson dagegen rehabilitiert auf „Ode To The Ghetto“ (Stones Throw) den Funk: Kult-Produzenten wie J. Dilla, Madlib, Oh No oder Black Milk liefern Cut-up-Collagen und einen federnden, auf Blues-Samples basierenden Bounce. Und noch ein Meisterwerk aus dem Erbe des Hip-Hop-Zauberers J. Dilla: Auf „A Suite to Ma Dukes“ (Mochilla) interpretiert ein Symphonieorchester seine Klassiker. Live eingespielt in L.A. mit der Unterstützung von Dilla-Freunden wie Talib Kweli, Amp Fiddler oder Bilal werden die klassischen Elemente unter den überragenden Beats hervorgekitzelt. Keine Frage: Der Hip-Hop-Himmel liegt manchmal gleich um die Ecke von Disneyland.

JONATHAN FISCHER
SZ 25.6.2010

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