Musik des Teufels – Vor hundert Jahren wurde Howlin’ Wolf geboren, das unerreichte Idol aller Rockstars

Als der Blues in den sechziger Jahren zum zahmen Haustier der Popkultur verkam, bewahrte Howlin‘ Wolf seinem Genre die Aura latenter Gewaltbereitschaft. Selbst Kollegen gegenüber gab sich der 140-Kilo-Mann unberechenbar. Da wollten die Rolling Stones unbedingt mit dem Blues-Hünen auftreten, schwärmte Bob Dylan von der Bühnenpräsenz des „größten Live-Performers überhaupt“: „Er brauchte nicht einmal einen Finger zu rühren, um die Menschen in seinen Bann zu schlagen“. Sie witterten in der Musik von Howlin’ Wolf eine unbändige Energiequelle.

Chester Arthur „Howlin’ Wolf“ Burnett zuckte ob der prominenten Komplimente nur mit den Schultern. Posen blieben ihm fremd. Die Glamourwelt des Rock’n Roll diente ihm später zwar als einträgliches Podium, doch interessiert hatte ihn dieses Leben nie. Berüchtigt die Szene als er eine Frau, die ihm zärtlich mit den Händen übers Gesicht fuhr, wie eine lästige Fliege von der Bühne wischte. Letztlich blieb er bei den ländlichen „Field Hollers“ seiner Kindheit, den spontanen Ausrufen der Plantagenarbeiter. Als sein Biograf Peter Guralnick ihm einen Artikel vorlas in dem er Wolfe’s Hit „300 Pounds Of Joy“ zitierte, wiederholte der Sänger die Songzeilen vergnügt, als habe er sie gerade zum ersten Mal gehört: „300 pounds of heavenly joy, mmm, hmmm. Wo hast du das bloß her Junge? Ist das vielleicht auf deinem eigenen Mist gewachsen?“

Wolfs Bühnenpräsenz war mächtig, aber nicht besonders elegant. Seine Fähigkeiten auf der Gitarre und der Mundharmonika waren eher rudimentär. Doch der Gesang allein rechtfertigte seinen Namen. Ein gewalttätiges Grollen und Raspeln, das in seinen Schattierungen eine tiefe Verzweiflung ahnen ließ. Da trafen Testosteron-Schübe und Elendsgeschichten aufeinander.

Der Delta Blues von Charlie Patton und Tommy Johnson hatten seiner Musik Pate gestanden. Vor allem aber bewunderte er den weißen Countrysänger Jimmie Rodgers. Der Legende nach wollte er ursprünglich dessen „Blue Yodel“ imitieren: Doch aus Wolfs Kehle kam statt des Country-Jodlers etwas anderes, etwas Düsteres, Ungebändigtes und erotisch Explosives. er musste nur eine Silbe stöhnen und schon traf sich das Vulgäre und der Schmerz vom Leben in der amerikanischen Armut in seiner Stimme.

Wolfs Biografie liest sich, als wäre sie Vorlage für einen Bluessong: Am 10. Juni 1910 in White Station, Mississippi geboren, wurde er als Kind vom Vater verlassen und wuchs bei einem prügelnden Onkel auf. Mit 13 Jahren floh Chester Burnett zu seinem leiblichen Vater ins Mississippi-Delta. Dort bekam er von Charley Patton Gitarrenunterricht. Mit Sonny Boy Williamson und Son House zog er durch die Juke Joints des Südens. Seine bibeltreue Mutter wollte wegen seiner „Musik des Teufels“ nichts mehr von ihm wissen. Sein Kollege Johnny Shines vermutete, der Hüne müsse einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben: „Ich fürchtete mich vor Wolf wie vor einem wilden Tier. Es waren diese Geräusche, die aus seinem Mund kamen!“

1951 lud Sam Phillips den Bluesmann in sein Sun Studio in Memphis ein. „Moanin‘ At Midnight“ und „How Many More Years“ wurden Wolfs erste Top Ten Hits. Zwei Jahre später lockte ihn Chess Records nach Chicago. Phillips aber, der immerhin Elvis Presley, Carl Perkins und Jerry Lee Lewis groß machte, pries Howlin‘ Wolf als die „größte Entdeckung von allen“: „Wenn er seine Stimme erhob, blieb die Zeit stehen.“

Der Rest der Geschichte ist Legende. In Chicago rivalisierte Howlin‘ Wolf’s animalische Bühnenshow mit dem sehr viel zivilisierteren Act von Muddy Waters. Er sang „Smokestack Lightnin’“, „Killing Floor“, „Spoonful“, „Evil“, „Back Door Man“, allesamt bald Klassiker im Kanon des Rock’n Roll. Und er produzierte Zeit seines Lebens jene Energie, die seine Epigonen nie erreichten.

1971 schließlich bekamen die Stones ihn doch noch zu fassen. Sechs Jahre bevor er an einem Nierenleiden verstarb ging er mit Eric Clapton, einigen Rolling Stones, Ringo Starr und anderen britischen Rockstars für das Album „The London Howlin‘ Wolf Sessions“ ins Studio. Von dort aus lässt sich Wolfs Einfluss von Led Zeppelin über die Grunge-Rocker der neunziger Jahre bis zu heutigen Punkbands verfolgen. Spurenelemente seiner Getriebenheit finden sich bei Tom Waits und Amy Winehouse, bei den White Stripes und bei Notorious B.I.G.. Hundert Jahre nach Howlin’ Wolf’s Geburt ist seine Stimme fester Bestandteil der kollektiven Pop-Psyche. Unsterblich wie seine Zeile: „I begged for water, she gave me gasoline“.

JONATHAN FISCHER

SZ, 10.6.2010

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