Würde und Widerstand – Der senegalesische Superstar Youssou N’Dour über die gemeinsame Kultur Jamaikas und Afrikas, über politische Hoffnung und die Fußball-WM

Der senegalesische Superstar Youssou N’Dour stammt aus einer Familie von Griots, jenen Sängern, die in Westafrika als musikalische Geschichtenerzähler und Lehrer fungieren. Seit den 80er Jahren eroberte er mit Hilfe von Peter Gabriel, Paul Simon und Bruce Springsteen die internationalen Charts und verkaufte weltweit mehr Platten als jeder andere afrikanische Musiker. Seine neueste CD „Dakar-Kingston“ hat der 50-jährige Sänger zusammen mit Reggae-Veteranen in Jamaika aufgenommen. Er knüpft damit an einen Austausch zwischen Afrika und der Karibik, der schon seit Jahrzehnten die jeweiligen Kulturen prägt.

SZ: Auf Ihrem neuen Album lassen Sie den Westen außen vor und inszenieren Reggae als Geschichte zwischen Jamaika und Afrika.

Youssou N’Dour: Das hat eine lange Geschichte, die bis in die Sklaverei zurückreicht. Als die Sklavenschiffe ablegten, war auch unsere Musik an Bord. Deshalb finden wir uns in den Klängen der Diaspora wieder, egal ob sie nun aus Kuba oder Jamaika kommen. Reggae hat dabei die Rolle übernommen, uns an unseren Widerstandswillen zu erinnern.

SZ:Reggae ist in Afrika politisch?

N’Dour: Ich habe Reggae Anfang der 70er Jahre entdeckt, als überall in Dakar aus Fenstern und Taxis die Stimmen von Jimmy Cliff oder Bob Marley tönten. Als Marley dann die Versöhnung der verfeindeten politischen Parteien Jamaikas betrieb, hat das uns Afrikaner tief beeindruckt: Reggaemusik kann eine politisch positive Kraft entfesseln, und helfen, ein Land oder ein System zu entwickeln.

SZ:Lassen Sie solches Sendungsbewusstsein auch in Ihre Texte einfließen?

N’Dour: Ich habe für „Dakar-Kingston“ viele meiner alten Texte umgeschrieben. Denn auch wenn ich Moslem bin, fühle ich mich der Botschaft der Rastafaris sehr verbunden. Zum Beispiel handelt ein Song von einem Krokodil, das einen im Nest zurückgelassenen Jungvogel fressen möchte. Bei mir repräsentiert das Krokodil die Weltbank, und der Vogel den Kontinent Afrika.

SZ: Sie singen „Africa dream again“.

N’Dour: Afrika braucht Träume. Es ist leicht, den Kontinent abzuhaken. Man sieht immer nur den Krieg und den Hunger in den Medien, nie den Frieden und die Erfolgsgeschichten. Ich fordere von meinen Hörern, dass sie nicht aufgeben. Wir Afrikaner besitzen große kulturelle Reichtümer, nur fehlt uns oft das Selbstbewusstsein und das Wissen, wie wir sie nutzen können.

SZ:Viele setzen aber ihr Leben aufs Spiel, um dem Kontinent zu entkommen.

N’Dour: Ich verstehe die Männer, die diesen gefährlichen Treck auf sich nehmen: Sie flüchten nach Europa, um mit ihrem Verdienst ihre Familien daheim durchzubringen. Doch Europa ist nicht das El Dorado. Und auf dem Weg dorthin sind Tausende unserer besten Köpfe ertrunken. Gerade wer so viel Energie, Mut und Leidenswillen aufbringt, wird in Afrika dringend gebraucht.

SZ: Sie gelten in Afrika als moralische Instanz. Können Sie das nutzen?

N’Dour: Ich habe im Senegal eine Bank ins Leben gerufen, die Menschen mit Mikrokredite hilft, eine Existenz zu gründen. Diese Mikrokredite zeigen schon Wirkung.Jetzt verhandele ich mit mehreren Banken, um dieses Konzept auch in andere Länder zu exportieren.

SZ:Welche Chance sehen Sie in afrikanischer Musik als Exportgut?

N’Dour: Ich bin stolz darauf, dass wir Afrikaner heute nicht mehr die Vermittlung Europas brauchen. Gerade in den letzten Jahren sind in Bamako und Dakar autarke musikalische Produktionszentren entstanden. Als ich 1994 mit dem Song „Seven Seconds“ weltweit die Charts anführte, glaubten die großen Plattenfirmen noch, man müsse afrikanische Musik dem westlichen Pop anpassen. Mir hat diese Art der Vermarktung nie gefallen. Auf meinen letzten Alben habe ich Musik aus Senegal und Ägypten erforscht. Und diesmal bin ich eben nicht nach Paris, sondern Kingston geflogen.

SZ:Sie werden Ihre neuen Songs während der WM in Südafrika vorstellen. Was bedeutet dieses Ereignis für Sie?

N’Dour: Die Weltmeisterschaft bedeutet eine großartige Chance für Afrika: Es ist doch das erste Mal, dass den Afrikanern die Ausrichtung so einer Veranstaltung zugemutet wird. Ich denke ein Traum von Bob Marley wird da wahr: „Africa unite for the benefit of your children.“ Das ist ein Song, den ich nicht oft genug hören kann.

SZ:… obwohl Marley in Amerika und nicht Afrika aufgewachsen ist.

N’Dour: Oft erkennst du einen Schatz besser aus der Ferne, als wenn du auf ihm sitzt. Deshalb erinnern uns die schwarzen Schwestern und Brüder in Kingston bis heute an die Würde und den Widerstandsgeist Afrikas.

Interview: Jonathan Fischer

Süddeutsche Zeitung 22.5.2010

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