Von Bürgerrechtlern zu rechten Hetzern

Der dramatische Wandel
der afroamerikanischen Kirche

Man könnte an eine historische Erfolgsphase der afroamerikanischen Kirche glauben. Mit Präsident Obama regiert zum ersten Mal ein schwarzer Christ das Land. Geschäftstüchtige Pastoren errichten überall im Land neue Mega-Churches. Politiker aller Couleur berufen sich auf christliche Werte. Religion scheint in Amerika wichtiger denn je. Und doch geht die Rede vom „Tod der afroamerikanischen Kirche“ um. „The Black Church Is Dead“ betitelte der Professor für Religion und afroamerikanische Geschichte an der Universität von Princeton Eddie Glaude einen Aufsatz im Internetmagazin Huffington Post . Glaude führte dabei ausgerechnet all die oben genannten Sachverhalte an, deutete sie aber als Krisensymptome einer Institution, die seit zweihundert Jahren wie ein Monolith in der amerikanischen Gesellschaft stand.

„Die Idee“, schreibt der afroamerikanische Theologe, „dass diese altehrwürdige Institution ein Gefäß des sozialen und moralischen Gewissens der Nation darstellt, ist passé“. Vielmehr seien die Kirchen zu Gralshütern des Konservativen verkommen. Das zeige gerade die jüngste Geschichte: Schwarze Kirchenführer wetterten in Kalifornien gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, setzten in Atlanta Abtreibung mit Mord gleich und fielen selbst politischen Anliegen, die einst aus den eigenen Reihen kamen, in den Rücken, wie Obamas Gesundheitsreform. Überhaupt der schwarze Präsident: Schon seine Existenz verkompliziere die traditionelle Rolle schwarzer Christen, die darin bestanden habe, dem Establishment die Stirn zu bieten. Sofern sie nicht sowieso den zunehmend populären Prosperitäts-Predigern und ihrem Evangelium von Wohlstand und Selbsthilfe auf den Leim gegangen seien. Glaudes Fazit: Die schwarze Kirche habe ihre Fähigkeit verloren, die „Wahrheit gegen die Macht auszusprechen“.

Das löste nicht nur in religiösen Zirkeln eine heftige Diskussion über die Identität der schwarzen Kirche aus. Seit deren Anfängen reklamierten einflussreiche Prediger die prophetische Kraft von Moses, Jesaia und Jesus für sich und leiteten daraus eine progressive Politik ab. In dieser Tradition standen Martin Luther King Jr. und seine historische „I Have A Dream“-Rede. Ihr folgten politisch engagierte Pastoren, die von Jeremiah Wright bis Jesse Jackson das Rückgrat der Bürgerrechtsbewegung bildeten und bis heute das soziale Gewissen Afroamerikas für sich reklamieren. Und all die Männer, Frauen und Kinder, die sich einst, nur mit ihrem Glauben bewaffnet und einem „We Shall Overcome“ auf den Lippen, den Gewehren der Polizei, scharfen Hunden und Wasserwerfern aussetzten. Zeugten sie nicht von der strikten Weigerung afroamerikanischer Christen, sich einer anderen Autorität als Gottes eigener Gerechtigkeit zu beugen? Tatsächlich prägen solche Bilder immer noch die Wahrnehmung der afroamerikanischen Kirche. Glaubt man Glaude, entsprechen sie längst nicht mehr der Wirklichkeit.

Vieles spricht für seine These: Erst vor wenigen Wochen forderte der rechtslastigem weiße Fernsehmoderator Glenn Beck in seiner Sendung auf Fox News Christen zum Kirchenaustritt auf, sollte ihr Pastor von sozialer Gerechtigkeit reden. Wer wie Obamas einstiger Pfarrer Jeremiah Wright gar noch Amerikakritik predigt, wird auf dem einflussreichsten amerikanischen Fernsehkanal in die Nähe von Kommunisten und Terroristen gerückt. Den Protesten dagegen fehlt die Lobby. Verbünden sich doch in den Mega-Churches längst schwarze konservative Christen mit ihren weißen Glaubensgenossen im Kampf gegen alles Liberale. Der Teufel steht heute links.

Selbst ein die Professorenkollegen, die Glaude auf der Website „Religion Dispatches“ entgegnen, bestätigen diese Tendenz. Allerdings kommen sie zu anderen Schlüssen: Ein fast schon zwanghaftes Verhältnis zu Geld, Homophobie und patriarchalen Strukturen, erklärt etwa Anthea Butler von der University of Pennsylvania, wohne Teilen der schwarzen Kirche schon immer inne. Schließlich reflektierten ihre Gemeinden nur die gesellschaftlichen Strukturen Amerikas – im Guten wie im Schlechten. Nachdem die Kirche ihre Funktion als Sammelbecken der politisch Entrechteten verloren hätte, gelte das mehr denn je.

Von der „theologischen und soziologischen schmutzigen Wäsche des Christentums im schwarzen Amerika“ spricht gar Ronald B. Neal von der Claflin University in South Carolina. Und glaubt, dass sein Kollege lediglich einen Mythos beerdige: Den der moralischen Unabhängigkeit der Kirchen. Dem streitbaren Professor Glaude allerdings geht es, liest man seinen Essay bis zu Ende, weniger um eine tatsächliche Beerdigung als um eine Schocktherapie. „Schwarze Kirchen und Pfarrer müssen in der Gegenwart wieder ihre prophetischen Stimmen finden. Wenn das geschieht, werden die schwarzen Kirchen wieder auferstehen. Um auf der nationalen Bühne als Zeugen von Gottes Liebe im Hier und Jetzt aufzutreten. Und um für die zu arbeiten, die am meisten leiden.“ Professor James H.Cone vom Union Theological Seminary in New York hält Glaudes Brandbrief deshalb für einen prophetischen Aufruf: „Er tut der schwarzen Kirche einen Gefallen. Jetzt muss sie beweisen, dass sie doch noch lebt!“

JONATHAN FISCHER

Süddeutsche Zeitung 17.5.2010

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