Hip-Hop kann heilen – Die spirituelle Mission des Musikers und Remix-Virtuosen Steve Ellison

Steve Ellison alias Flying Lotus aus Los Angeles versucht den Hip-Hop mit neuer Spiritualität aufzuladen. Dabei verbindet er zeitgenössische Electronica mit dem Erbe des Free Jazz.

Glaubt man dem afroamerikanischen Kulturkritiker Tolu Olurunda, erschüttert die schwarze Pop-Musik gerade «eine Revolution der Werte». In einem Editorial für das Online-Magazin «Allhiphop.com» verkündet er das «Ende des genetisch manipulierten Hip-Hops»: «Der geschmacklose, unnatürliche, künstlich aromatisierte Sound, der den Mainstream-Hip-Hop ein volles Jahrzehnt lang dominierte, wird von Fans und selbst Künstlern weltweit abgelehnt.» Und der renommierte Journalist prophezeit auch, wem die Zukunft gehören wird: Hip-Hop-Musikern, die wie Jay Electronica, Madlib, Georgia Ann Muldrow oder Flying Lotus nicht mehr für grosse Plattenfirmen produzieren, sondern ihre Musik vorzugsweise im Netz veröffentlichen; die ihren inneren Reichtum nicht durch Industrienormen filtern lassen; die sich als Botschafter einer spirituell definierten Community begreifen.
Innere Reisen

Spiritueller Hip-Hop? Steve Ellison alias Flying Lotus findet keinen Widerspruch in dieser Begriffs-Paarung: «Ich frage mich immer», sagt der Beat-Produzent aus Los Angeles, ein Neffe von John Coltrane, «wie Künstler kreativ sein können, ohne sich auf eine innere Reise zu begeben. Da liegt doch das Herz unserer Kunst: Du erschaffst die beste Arbeit, wenn du ehrlich vor dir selber bist.» Der 27-jährige Afroamerikaner sitzt mit einem Laptop auf dem Bett seines Berliner Hotelzimmers und bastelt noch ein bisschen an neuen Versionen seiner Lieblings-Tracks herum – schliesslich soll er diesen Abend im Techno-Tempel Berghain spielen. «Ich mag es nicht, Altbekanntes zu spielen», erklärt er mit sanfter Stimme. Überhaupt hat Flying Lotus eine Mission: die Grenzen des Hip-Hops zu erweitern. Sein neues Album «Cosmogramma» jedenfalls hat mehr mit Meditation, rhythmisierter Innenschau und mit Sun Ra oder Pharoah Sanders zu tun als mit der Anmache der letzten Chart-Hits.

Der industrielle Hip-Hop, sagt Flying Lotus, habe sich zu viele Regeln auferlegt: «Da gibt es alle möglichen Dinge, die du tun darfst oder lassen solltest. Ich aber fühle mich dem ursprünglichen, umfassenden, grenzenlosen Geist des Hip-Hops verbunden – und den bringe ich in meine Musik.» Der Name seines Albums sei seiner Tante, der legendären Jazzpianistin Alice Coltrane, geschuldet, in deren Aschram in Los Angeles er einst aufwuchs. «Ich habe mit ihr kaum über Musik, dafür umso mehr über ihre hinduistischen, spirituellen Studien geredet. Dabei verstand ich fälschlicherweise immer statt », erzählt Flying Lotus. «Doch das Wort existiert tatsächlich: Das Universum zu studieren, über die Strassen von L. A. hinauszugehen, das bedeutet für mich.»

Dabei hat Steve Ellison durchaus einen Bezug zum dominierenden Gangster-Rap seiner Heimatstadt. Hörte er als Youngster bevorzugt die Produktionen eines Dr. Dre, sind es heute eher die durchgeknallten Raps des Hip-Hop-Bengels Lil‘ Wayne: «Sein Erfolg, seine Gewieftheit haben mir Mut gemacht. Wenn dieses Kid mit seinen Raps Millionen macht, dann habe ich als gleichaltriger Beat-Produzent vielleicht auch eine Chance.»

Natürlich können Esoteriker wie Flying Lotus kaum mit den Umsatzzahlen der Mainstream-Stars konkurrieren. Doch sie sind Teil einer wachsenden Szene. In L. A. etwa hat sich um den wöchentlichen Electronica-Abend im «Low End Theory Club» herum eine Community von Computertüftlern etabliert. Gaslamp Killer, Samiyam oder Sa-Ra Creative Partners lauten die bekannteren Namen. Viele der besten Stücke sind nur auf diversen Myspace-Seiten zu hören: etwa Flying Lotuss Bootleg-Remixe von Lil‘-Wayne- oder Kanye-West-Hits. Oder Gaslamp Killers. Dabei speist sich Steve Ellisons Kreativität aus seiner Familientradition: Da initiierte die Roland-505-Drum-Machine, die er als 14-Jähriger von seinem Cousin geschenkt bekam, die Leidenschaft des Saxofonisten und Pianisten für das Verfertigen digitaler Beats. Gleichzeitig sorgte er sich um spirituelle Praktiken. Heute meditiert er täglich. Und erlebt nach eigenen Angaben immer wieder Zustände, in denen er aus seinem Körper tritt und sich schwerelos durch den Raum bewegt. «Es ist schwer, darüber zu reden, weil es kaum jemand versteht. Andererseits beeinflussen diese Erfahrungen meine Musik.»

Bereits Flying Lotus‘ erste Veröffentlichungen wie «1983» beeindrucken durch sphärisch schwebende Beat-Arrangements. Möglicherweise spielt hier auch ein abgebrochenes Filmstudium eine Rolle. Jedenfalls evoziert seine Musik Bilder von lichterflirrenden Nächten in L. A. «Los Angeles» hiess auch Flying Lotus‘ 2008er Débutalbum für das Label Warp. Und während er hier einerseits das Klischee des sonnenverwöhnten kalifornischen Kiffers verkörpert, transportieren seine Beats anderseits stets auch etwas Dunkles, Rätselhaftes.
Space-Opera

So gleicht der Nachfolger «Cosmogramma» einer Art Space-Opera: Der aus dem Erykah-Badu-Umfeld stammende Bassist Thundercat, die Harfenistin Rebekah Raff und etliche Streicher verleihen Flying Lotus‘ Beat-Gewebe seine Tiefenschärfe. Winzige Samples verweisen auf das Free-Jazz-Erbe von John und Alice Coltrane. Weibliche Sirenenstimmen erheben sich bisweilen über den pulsenden Bass. Keine Frage: Flying Lotus dringt hier zu den äusseren Grenzen des Hip-Hop-Universums vor. Spielt mit Klangfarben und elektronischen Effekten – und beweist dabei ein exaktes Gespür für Proportionen. Auch Thom Yorke gibt ein Gastspiel als Sänger. Es ist die Revanche für den Remix, den der Coltrane-Neffe für ein Radiohead-Stück anfertigte (Flying Lotus eröffnet auch die gerade laufende Radiohead-Tour). Am Ende aber zählen für diesen Musiker weder Namen noch Technik. Sondern allein der geistig-seelische Gehalt: «Als meine Tante Alice starb, fühlte ich mich so verloren wie noch nie in meinem Leben. Dann habe ich gehört, was sie nach dem Tod von John Coltrane schrieb – und konnte es das erste Mal verstehen. Musik kann heilen. Auch Hip-Hop.»

Flying Lotus: Cosmogramma (Warp). Das Album erscheint am 30. April.

NZZ 25.4.2010

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