Elektrisch

Kelis beschwört die glorreiche
Synthetik des Eurodance

Kelis war schon immer für Provokationen gut. 1999 sang sie auf ihrem Debütalbum für den harmoniebedürftigen Soul ganz untypisch: „I Hate You Right Now“. Das katapultierte die damals Zwanzigjährige über Nacht in die erste Liga des schwarzen Pop, wo sie sich neben der Schmerzensfrau Mary J. Blige und der Esoterikerin Erykah Badu als schickes Vamp-Girl positionierte. Gut zehn Jahre und vier Alben bleibt Kelis unberechenbar. „Ich denke, heute wird im Pop alles so sterilisiert, dass ihm jedes Geheimnis, jede Erdigkeit, jeder Schmutz abhanden kommt“, sagt sie. Die Ex-Frau von Rapper Nas besinnt sich aber keineswegs auf ihre Hip-Hop-Wurzeln. Auf „Fleshtone“ (Universal) entfernt sich Kelis jedoch weiter von ihrer schwarzen Kirchenchor-Vergangenheit als je zuvor. Sie fantasiert sich in eine technophile Feenwelt. „Religion, science fiction, technology“, singt sie in „22nd Century“. Ihre Musik will die totale Kontrolle über den Dancefloor im Hier und Jetzt. David Guetta, der schon Madonna produzierte, saß an den Reglern. Er unterlegt Kelis‘ Sirenengesang mit House-Electro-Rhythmen („Scream“), melodiösem Techno-Pop („Acapella“) und einer Synthie-gesättigten Euphorie, die in ihren besten Momenten an Giorgio Moroder und Donna Summer erinnert. Eurodance 2.0.

JONATHAN FISCHER

Süddeutsche Zeitung 26.5.2010

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