Der Purist

Zum Tod von Guru, der die Brücke zwischen Jazz und Rap schlug

Man erkennt ihn schon nach wenigen Silben. Dieser beiläufig monotone Flow, dieser Verzicht auf alle Hip-Hop-typische Aufregung, Aggression oder Anmache, dahinter vermag nur ein Rapper zu stecken: Guru. „Melodischen Realismus” nannte Hip-Hop-Lyriker seinen Stil, der am 17. Juli 1966 in Boston als Keith Edward Elam geboren wurde. Und wenn sich sein Künstlername Guru auch auf die Lehren der islamischen Five Percenter-Sekte bezog (als Abkürzung für Gifted Unlimited Rhymes Universal) so schien seine wahre Mission doch vor allem in einer Forderung nach der Rückkehr zu den puristischen Wurzeln des Hip-Hop zu bestehen. Zwei Plattenspieler und ein Mikrophon mussten reichen. Warum also mit künstlichen Zusätzen arbeiten? Oder gar am eigenen Persönlichkeitskult arbeiten? Viel eher sah sich Guru als Botschafter mit Bildungsauftrag, als Geschichtslehrer, der den schwarzen Pop der Vergangenheit in die Gegenwart holte, seinen Hörern eine Ahnung vermittelte, wie Dizzy Gillespie mit DJ Premier und Jazz mit Hip-Hop zusammenhing.

Dieser Ehrgeiz passte zu seiner Herkunft aus einer schwarzen Mittelschichtfamilie. Als Sohn eines Richters hatte Elam das Morehouse College in Atlanta absolviert, war dann nach New York gezogen, um Hip-Hop-Singles aufzunehmen. Gang Starr: Der selbstgewählte Titel seines Duos mit DJ Premier symbolisierte 1987 eine Abkehr von seinen Kollegen, die sich so gerne als Gangster und Schurken stilisierten. Guru war zwar deren Straßenweisheiten nicht abgeneigt. Doch er balancierte seine Geschichten von Crack-Dealern, Straßenkriminellen und Gangs stets mit einer beinahe akademisch anmutenden Intelligenz aus.

Ohne Be Bop kein Hip-Hop

So erhob er Hip-Hop vom ritualisierten Überlebenskampf zu einer vielschichtigen, spirituellen Disziplin. „Wir Rapper”, erklärte der in Brooklyn lebende Künstler einmal, „dokumentieren unsere Kultur, unsere Umgebung und Gesellschaft als mündliche Journalisten, ähnlich wie die Griots in Afrika. Philosophie, Politik, Pop? All das sind Teile des großen Puzzles”.

Oft heißt es, dass Hip-Hop-Ruhm nur im Dreierpack daherkomme: Als „money, power, respect”. Doch mit Gang Starr widerlegte Guru diese Regel, bekam trotz lange Zeit mittelmäßiger Verkaufszahlen und seines im Stretch-Limousinen-Champagner-Overkill des Hip-Hop geradezu lächerlich bescheidenen Auftretens jede Menge Anerkennung. Respekt. Gurus souveräne, ja fast beiläufige Schichtung von Metaphern, wie auch der trocken-reduzierte Beat seines Gang Starr-Partners DJ Premier. Das klang wie die puristische Essenz allen Hip-Hop-Handwerks.

Kritiker schwärmten von der rhetorischen Schärfe des Rappers. Und verglichen Gang Starrs Auftritte mit einer „instrumentierten Dichterlesung”. Nur, dass hier der Funk zwischen den Silben aufblitzte, und eine New Yorker Coolness, die anders als der zur selben Zeit in Mode kommende Gangsta Rap aus Kalifornien stolz auf ihre musikalische Kompromisslosigkeit und labyrinthische Poesie verwies. So etwa im Song „Jazz Music” von 1989. Da schwadroniert Guru zu entsprechenden Samples über den Einfluss von Sonny Rollins, Charlie Parker und Thelonious Monk – Spike Lee übernahm das Stück für den Soundtrack seines Films „Mo Better Blues”.

„Jazz Music” sollte Gurus Markenzeichen werden. Chrysalis nahm Gang Starr aufgrund dieses Songs unter Vertrag und wollte die Band in Konkurrenz zu De La Soul oder A Tribe Called Quest als „jazz rap” vermarkten. Gurus Flow kam die Kombination zu Gute. Auf folgenden Alben wie „Step In The Arena” nahm er sich mit seidigen, sanft und mühelos fließenden Raps bevorzugt der Entlarvung kommerzieller Trugbilder und der Selbstermächtigung des schwarzen Amerika an. „Just To Get A Rep” etwa erzählt von einem sinnlosen Mord aus verletztem Ehrgefühl, während „Daily Operation” sehr anschaulich das tägliche Überleben vieler Ghetto-Bewohner mit dem Crackhandel schildert. Guru machte dabei nie den Fehler als Oberlehrer aufzutreten. Es reichte ihm, zu den Funk-Schleifen seines Djs wie in „Deadly Habitz” von seiner eigenen dunklen Sucht-Seite zu erzählen. Das macht die zeitlose Qualität der insgesamt sieben Gang Starr-Alben aus, die 1998 mit „Moment Of Truth” ihren künstlerischen wie kommerziellen Gipfelpunkt erreichten.

Guru aber lag wenig an Verkaufszahlen und viel am Jazz. So trennte er sich nach einem letzten gemeinsamen Album 2003 von DJ Premier, der fortan Stars wie Notorious B.I.G., Nas oder Jay-Z produzierte. Bereits ein Jahrzehnt zuvor hatte sich Guru ein eigenes Projekt zugelegt: Jazzmatazz. Hier löste er den Jazz aus der Bildungsbürger-Nische, kombinierte reduzierte Funksamples und Live-Instrumente mit seinem sonoren Reimfluss.

Schwarze Spiritualität

Dazu lud er seine Idole ins Studio und auf die Bühne. Trompeter Donald Byrd, Vibraphonist Roy Ayers, Organist Lonnie Liston Smith, Pianist Ramsey Lewis und Saxophonist Branford Marsalis folgten seinem Ruf. Und auch wenn die improvisatorische Freiheit der Jazzer in diesem Kontext recht gering ausfiel, gehörte Jazzmatazz zu den innovativsten Hip-Hop-Projekten der neunziger Jahre. Zum ersten mal schlachtete ein Hip-Hopper Jazzplatten nicht nur als Sample-Steinbruch aus, sondern stellte die Musiker leibhaftig den eigenen Fans und damit einem neuen Publikum vor.

„Ohne Bebop kein Hip-Hop” erklärte Guru. Rapkollegen wie Common, Slum Village oder Blackalicious traten gerne in seine Fußstapfen, um an der historischen Erleuchtung der Generation Baseball-Käppi zu arbeiten. Irgendwann aber stieß auch das Konzept Jazz-Rap an seine Grenzen. Der im Vergleich zu Gang Starr arg niedrige Adrenalinpegel von Jazzmatazz, die zunehmende Gefälligkeit und Berechenbarkeit der Beats setzte Gurus Alben zunehmend der Kritik des „Easy Listening” aus. „Jazzmatazz will keine Mode bedienen” konterte der Rapper. „Sondern einer uralten schwarzen Spiritualität nachspüren”.

Nach zwei Monaten Krankenhausaufenthalt erlag der Rapper am Montag einem Krebsleiden. Seinen Fans hinterließ der 43-jährige eine Nachricht: „Ich bin stolz darauf, der Hip-Hop-Jazz-Szene in einer Zeit qualitativen Untergangs, neues Leben eingehaucht zu haben”. JONATHAN FISCHER

Süddeutsche Zeitung 21.4.2010

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